Gruppe „Kassel postkolonial“ fordert Debatte über Straßennamen

Rassismus in Kassel: Darum ist die Mohren-Apotheke diskriminierend

Der Soemmerringplatz in Kassel-Kirchditmold erinnert an den Anatomen Samuel Thomas von Soemmerring.
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Ein belasteter Ort? Der Soemmerringplatz in Kirchditmold erinnert an den Anatomen Samuel Thomas von Soemmerring, der mit Arbeiten wie „Über die körperliche Verschiedenheit des Negers vom Europäer“ versuchte, den Rassismus wissenschaftlich zu begründen.

Die Uni-Initiative „Kassel postkolonial“ fordert die Umbenennung von Straßen und einen neuen Namen für die Mohren-Apotheke. Hier erklären drei Mitglieder, warum Kassel ein Rassismusproblem hat.

Sie organisieren Stadtrundgänge und informieren mit einer Internet-Karte über belastete Orte in Kassel. Tut die Stadt zu wenig, um die koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten?
Isabell Erens: Definitiv. Darum werfen wir aus einer machtkritischen Perspektive einen ganzheitlichen Blick auf Vergangenheit und Gegenwart. Wir wollen alle Akteure bekannter machen, auch die Opfer sollten sichtbar werden. Denn sie kommen bislang in vielerlei Hinsicht zu kurz. Indem wir jedem Gehör verschaffen, wollen wir eine Debatte anstoßen.
Auf was weisen Sie in Ihren Stadtrundgängen hin?
Nadine Heller: Als Startpunkt für unsere 90-minütigen Stadtrundgänge haben wir bewusst den Halitplatz an der Holländischen Straße gewählt. Wenige Meter entfernt hat der NSU mit dem Mord an Halit Yozgat ein rassistisches Gewaltverbrechen verübt. Wir fragen: Wo liegen die Wurzeln dieses Denkens? Sie reichen weiter zurück als in die NS-Zeit. Viele wissen auch nicht, dass auf dem ehemaligen Henschel-Komplex, wo sich die Uni befindet, bereits zur Kolonialzeit Schienen und Eisenbahnen für die deutschen Kolonien hergestellt wurden. Im heutigen Namibia wurde dadurch erst der Völkermord an den Herero und Nama logistisch möglich. An der Orangerie weisen wir auf Kolonialausstellungen hin, mit denen einst Deutschlands koloniales Expansionsbestreben beworben wurde.
Wo im Alltag vermissen sie solch eine Aufarbeitung?
Nadine Heller: In der Schule kam das viel zu kurz. Die NS-Zeit haben wir sehr lang behandelt, aber über die Zeit davor haben wir nur wenig erfahren. Auch an der Uni geschieht die Aufarbeitung schleppend. Generell stelle ich eine eher eurozentristische Sichtweise fest. Angélica Gamarra: Die Perspektive, dass jemand ausgebeutet wurde, damit in Europa Luxusgüter wie Kaffee und Kakao konsumiert werden konnten, wurde lange Zeit komplett ausgeblendet. Es fehlt ein Bewusstsein, dass wir noch heute ähnliche Verhältnisse haben.
Zuletzt haben Aktivisten Straßennamen in der Afrika-Siedlung im Forstfeld überklebt. Haben Sie Verständnis dafür, dass die Stadt Lüderitz- und Wissmannstraße nicht umbenennen und stattdessen kritische Erklärtafeln anbringen will?
Isabell Erens: Eigentlich nicht. Wir verstehen nicht, warum man den Tätern diesen Raum gibt, statt den Blick auf die Ausgebeuteten, Befreiungs- und Widerstandskämpfer zu lenken. Adolf Lüderitz und Hermann Wissmann waren Kolonialverbrecher. Mit welcher Legitimation tragen Straßen heutzutage noch ihre Namen? Das ist ein weiteres Verbrechen an den Opfern. Es sollten Personen geehrt werden, die für Frieden und Freiheit einstanden. Werte, die wir auch heute vertreten.
Offensichtlich stören sich aber nicht einmal die Bewohner dort an den Straßennamen.
Nadine Heller: Wenn man nicht über die Biografien der Geehrten Bescheid weiß, ist das doch klar. Aber wären die Leute genauso cool, wenn die Straßenschilder einen Nazi ehren würden? Angélica Gamarra: Die Stadt sollte verpflichtet sein, Aufklärungsarbeit zu leisten. Es muss eine öffentliche Debatte über das Erbe des Kolonialismus in Kassel geben.
Auf Ihrer Webseite weisen Sie auf den Mulang hin. In dem unter Landgraf Friedrich II. angelegten chinesischen Dorf hätten 50 schwarze Menschen arbeiten müssen, heißt es. Kritiker werfen Ihnen vor, dafür keine Belege zu haben. Es seien nur drei schwarze Menschen gewesen. Zudem seien die Arbeiter nicht verschleppt, sondern aus der Sklaverei befreit worden. Wer hat recht?
Isabell Erens: Wir beziehen uns unter anderem auf Arbeiten von Marianne Bechhaus-Gerst, die in Köln Professorin für Afrikanistik ist. Zudem gab es auch Nachkommen. Es müssen also mehr Menschen gewesen sein. Sie alle hatten damals eine ganz bestimmte Funktion. Das Dorf erinnerte an einen Menschenzoo.
Die Kunsthistorikerin Andrea Linnebach-Wegner wirft Ihnen eine „fast polemische Überzeichnung“ vor. Wie wissenschaftlich arbeiten Sie?
Isabell Erens: Wir beziehen uns immer auf Quellen. Zum Beispiel auch im Fall des Anatomen Samuel Thomas von Soemmerring, der die schwarzen Menschen vom Mulang nach ihrem Tod zergliedert und mit seinen Arbeiten die Grundlage für den wissenschaftlichen Rassismus gelegt hat. Auf die Kritik von Frau Linnebach-Wegner haben wir ihr mit einer ausführlichen Mail geantwortet.
Warum fordern Sie eine Umbenennung der Mohren-Apotheke am Bebelplatz, wenn der Begriff „Mohr“ ursprünglich doch gar keine abwertende Bedeutung hatte?
Isabell Erens: Selbst wenn der Ursprung des Begriffs nicht beleidigend gewesen sein soll, gibt es schwarze Menschen, für die der Begriff eine Gewalterfahrung im öffentlichen Raum bedeutet. Durch die Kolonialzeit ist er bis heute abwertend gemeint. Es gibt ein Verfallsdatum für Begriffe. Ich kenne eine schwarze Frau, die diesen Begriff als verletzend empfindet und täglich an der Apotheke vorbeigeht. Viele Weiße können diese persönliche Betroffenheit nicht nachvollziehen.
Selbst Vorbilder wie Immanuel Kant und Hannah Arendt haben sich in Schriften rassistisch geäußert. Inwieweit kann man historische Persönlichkeiten nach heutigen Wertmaßstäben beurteilen?
Angélica Gamarra: Man kann nicht alle in eine Schublade stecken. Aber man muss das Wirken von historischen Persönlichkeiten in einer ganzheitlichen Perspektive sehen und alle Facetten benennen. Isabell Erens: Oder der Anatom Soemmerring, der sicher für medizinische Errungenschaften verantwortlich ist, aber auch einen großen Anteil am wissenschaftlichen Rassismus hatte. Mit den Leichen der schwarzen Menschen vom Mulang ist er pietätlos umgegangen. Heute empfinden wir das als menschenunwürdig. Aber warum gibt es dann noch einen Soemmerringplatz in Kirchditmold?
Sie kritisieren auch die Polizei im Fall des mutmaßlich rassistisch attackierten Minicar-Fahrers Bekir Efe, weil die Ermittler nicht von Anfang an auf einen möglichen rassistischen Hintergrund aufmerksam gemacht haben. Aber sollte so etwas nicht erst einmal geprüft werden?
Angélica Gamarra: Der Fahrer hat von Anfang an geäußert, dass er als „Scheiß Ausländer“ beschimpft wurde. Warum benennt man das nicht gleich so? Ein Verzögern führt nur dazu, dass der rassistische Hintergrund infrage gestellt wird. Es ist leider so, dass viele rassistische Taten nicht als solche behandelt werden.
Ist das in Nordhessen, wo Halit Yozgat und Walter Lübcke ermordet wurden, besonders problematisch?
Angélica Gamarra: Ja, wir haben ein Rassismusproblem in Kassel. Auch Familie Yozgat und den anderen Angehörigen der NSU-Opfer hat man lange nicht geglaubt. Im Übrigen ist es wichtig, zwischen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu unterscheiden. Denn Menschen, die hier aufgewachsen sind, sind nicht mehr fremd. Weiße Spanier und Franzosen erleben in Kassel keine Diskriminierung – anders als schwarze Menschen, denen so etwas zum Teil immer noch jeden Tag passiert.

Kunsthistorikerin kritisiert Arbeit von Kassel postkolonial als tendenziös

Mit Interesse verfolgt die Kasseler Kunsthistorikerin Andrea Linnebach-Wegner die Arbeit von „Kassel postkolonial“. In Briefen an die Gruppe schreibt sie, dass sie Forderungen wie die Umbenennung von Straßennamen „von ganzem Herzen“ begrüßt. Allerdings übt die Wissenschaftlerin, die an der Uni Kassel zu „Werk und Wirkung der Brüder Grimm“ forscht, auch deutliche Kritik. „Kassel postkolonial“ arbeite nicht wissenschaftlich genug und bereite mit „tendenziösen Texten“ und „einer fast polemischen Überzeichnung“ einem „fanatischen Aktionismus den Boden“.

. Mulang: Für ihre These, dass es im chinesischen Dorf Mulang eine „Mohrenkolonie“ mit 50 schwarzen Menschen gegeben habe, bezieht sich die Gruppe auf eine Veröffentlichung der Kölner Wissenschaftlerin Marianne Bechhaus-Gerst. Laut Linnebach-Wegner reicht „der Verweis auf einen einzigen Artikel im Deutschen Ärzteblatt“ jedoch nicht aus. Für die Existenz einer „Mohrenkolonie“ gebe es keine Belege. Zumal es in dem Text heißt, schwarze Menschen seien nach Kassel „mitgebracht“ worden. Auf der Website von „Kassel postkolonial“ wird daraus jedoch „verschleppt“. Zudem sei der Bergpark „ein Produkt der Aufklärung. Im Kontext seiner Zeit hat Landgraf Friedrich hier Außergewöhnliches befördert.“ Die anatomischen Arbeiten von Samuel Thomas von Soemmerring sieht auch sie „zweifelsohne kritisch“.

. Mohren-Apotheke: Für Linnebach-Wegner lassen die Kritiker außer acht, dass „Mohr“ gerade in der Medizin ein positiv besetzter Begriff war, weil er für schwarze Heilmittel stand. Die Afrikaner in ihrem Bekanntenkreis hätten ein entspanntes Verhältnis zu dem Wort und könnten sogar darüber lachen, dass das Telefonverzeichnis mehr als 30 Kasseler aufweist, die Mohr heißen: „Ich bin optimistisch, dass dieser Begriff seine alte, positive Bedeutung wiedererlangen kann.“

Am Ende ihres zweiten Briefs wünscht die Frau des ehemaligen Stadtmuseumsleiters Karl-Herrmann Wegner der Gruppe „alles Gute für Ihr Projekt“. (Matthias Lohr)

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