Geburstag

Kassels ältestes Schaltjahr-Baby: Geburtstag von 100-Jähriger jährt sich zum 25. Mal  

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Sie ist eine Besonderheit: Ruth Lacher hat am heutigen 29. Februar Geburtstag und wird noch dazu 100 Jahre alt. Die gebürtige Badenerin lebt seit 71 Jahren in Kassel.

Am heutigen 29. Februar jährt sich der Geburtstag von Ruth Lacher zum 25. Mal. Dabei ist die Kasselerin schon 100 Jahre alt. Sie wurde in einem Schaltjahr geboren und muss daher immer vier Jahre warten, bis der Februar wieder 29 Tage hat. Natürlich hat sie dennoch jeden ihrer Geburtstage gefeiert – meistens am 1. März. An ihrem heutigen runden Geburtstag kann sie auf ein bewegtes Leben zurückblicken.

Kassel –  Es begann am 29. Februar 1920 im badischen Lörrach, unweit der Schweizer Grenze. Später zog die Familie mit fünf Kindern an den Stadtrand von Freiburg, wo Ruth Lacher zur Schule ging. Es war eine unbeschwerte Kindheit, von der die Jubilarin bis heute schwärmt: „Freiburg ist schöner als Kassel. Das ist doch gar kein Vergleich. Aber Kassel wird immer schöner“, sagt sie versöhnlich. Für die Freunde und Nachbarn war sie damals nur das „Rutle“. Zu ihrem Vater, einem Lehrer mit Humor, hatte sie eine enge Bindung.

Dann brach der Zweite Weltkrieg in das Freiburger Familienidyll. „Das einzig Gute am Krieg war, dass ich keine Abiturprüfung mehr ablegen musste und trotzdem das Abitur bekam“, erzählt Lacher. Anschließend wusste die junge Frau aber nicht so recht, welchen Beruf sie ergreifen sollte. Während des Krieges begann sie in Karlsruhe ein Lehramtsstudium für Grundschulen, verlor aber relativ bald die Lust daran und brach es ab.

Zurück in Freiburg wollte sie eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin machen. Doch als ein Nazi sie auf dem Fahrrad entdeckte, stoppte er sie. „Er fragte mich, ob ich nichts zu tun hätte“, erzählt die 100-Jährige. Anschließend wurde sie zum Kriegsdienst im Fernmeldeamt eingezogen. Fortan arbeitete sie im Keller der Freiburger Hauptpost. „Wir mussten Krankenhäuser und Fabriken informieren, wenn Bomber im Anflug waren.“

Blick zurück: Ruth Lacher (damals noch Kühlewein) als 16-Jährige mit ihrem Vater Wilhelm Kühlewein vor der elterlichen Gartenlaube in Freiburg.

Ihren späteren Mann Friedrich Lacher und die Region Nordhessen lernte sie über Freunde kennen, die aus Hofgeismar kamen. Lachers Familie stammte ebenfalls von dort. Durch regelmäßige Besuche kam man sich näher. 1942 heiratete das Paar. „Man hat im Krieg geheiratet, weil die Männer dafür Fronturlaub bekamen“, erzählt die Frau. Ihr Mann kämpfte in Russland und wurde 1943 schwer am Bein verletzt.

Auch Ruth Lacher machte traumatische Erfahrungen im Krieg. Bei dem schweren Angriff auf Freiburg am 27. November 1944 saß sie mit Dutzenden Fernmelderinnen im Keller der Post bei der Arbeit. „Eine furchtbare Sirene ertönte. Aber die Zeit hatte für die Flucht nicht gereicht. Schon fielen die Bomben.“

Während viele ihrer Kolleginnen außerhalb des Kellers den Tod fanden, blieb sie wie angewurzelt stehen. „Ich habe mich nicht gerührt. Meine Gedanken kreisten um meine Eltern und deren Sorgen um mich.“ Als sie über den Notausgang das Postgebäude verließ, trat sie auf etwas, das sich „komisch“ anfühlte. „Da habe ich gemerkt, dass dort ein Mensch unter dem Schutt lag. Er gab Töne von sich.“ Die Fernmelderin holte Hilfe und grub mit Unterstützung das verschüttete Mädchen frei.

Als sie nachts nach Hause kam, war über Freiburg ein großer Feuerball zu sehen. Ihre Mutter stand auf der Straße und starrte auf das Feuer. Sie hatte befürchtet, dass ihre Tochter nicht mehr nach Hause kommen würde.

Nach dem Krieg zog Ruth Lacher mit ihrem Mann nach Nordhessen. Nach Zwischenstationen in Korbach und Heckershausen fand das Paar 1949 eine Wohnung im Kasseler Stadtteil Fasanenhof. „Mein Schwager hatte eine Sackfabrik im Vorderen Westen, wo mein Mann als Kaufmann arbeiten konnte.“ Später zogen sie in den Schlangenweg im Stadtteil Mitte. Lacher kümmerte sich um die Erziehung von Sohn und Tochter. Dies hat sie gern getan, auch wenn sie es heute manchmal bereut, dass sie nie einen richtigen Beruf ergriffen hat.

„Mit 100 wird es einsam um einen herum“, sagt sie. Ihr Mann starb vor 24 Jahren. Ihre Freunde und Geschwister sind alle tot. Umso schöner sei es, dass sie ihre zwei Kinder, zwei Enkel und drei Urenkel regelmäßig sehe.

Lacher lebt heute im Pflegeheim Haus Salem von Agaplesion nahe der Goetheanlage. „Um auf dem Laufenden zu bleiben, lese ich jeden Morgen HNA. Und für die Konzentration spiele ich Rummikub.“ Auch wenn sie sich ärgert, dass ihr heute ihre Kinder bei den Regeln gelegentlich auf die Sprünge helfen müssen. „Ich hab denen das Spiel einst beigebracht.“

VON BASTIAN LUDWIG

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