Tierrechtler demonstrierten vor Justizzentrum

Prozess um Quälerei am Schlachthof Kassel: Für Tierwohl war das Geld zu knapp

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Mahnwache von Tierrechts-Aktivisten: Vor dem Justizzentrum an der Trompete demonstrierten am Donnerstagmorgen Mitglieder der Kasseler Gruppe von „Animal Rights Watch“. Einige von ihnen verfolgten drinnen auch den Prozesstermin.

Am Schlachthof Kassel sollen über Jahre hinweg Schweine unzureichend betäubt worden sein. Im Verfahren gegen einen ehemaligen Geschäftsführer sagte der Hersteller der Elektro-Betäubungsmaschine aus.

  • Tierquälerei am Schlachthof Kassel
  • Verfahren um ehemaligen Geschäftsführer 
  • Zeugen sagen im Prozess aus

Kassel - Stromstöße, Stress und Panik, Ausbluten ohne wirksame Betäubung: Es war nichts für zart besaitete Gemüter, was am Donnerstag am Kasseler Landgericht über das Ende vieler Schweine am mittlerweile geschlossenen Schlachthof Kassel zur Sprache kam. Wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz wird in einem Berufungsverfahren gegen einen ehemaligen Geschäftsführer des Schlachthofs verhandelt.

Der Mann trug dort nur recht kurz Verantwortung, von 2011 bis 2013. Doch die Probleme am Schlachthof sind über viel längere Zeit hinweg offenbar struktureller Natur gewesen, wie in dem Prozess deutlich wird. 

Kassel: Prozess um Quälerei am Schlachthof - Hersteller der Betäubungsanlage sagt aus

Im Zentrum steht der Vorwurf, dass eine unzureichende Elektro-Betäubungstechnik vielen Tieren unnötiges Leid zugefügt hat. Vor allem bei schweren Schweinen, wie sie in Nordhessen für die Ahle Wurscht geschlachtet werden, soll es am Schlachthof Kassel häufig zu Fehlbetäubungen gekommen sein. Dazu wurde gestern als Zeuge der Hersteller der Betäubungsanlage gehört.

Der 57-jährige Elektrotechniker nahm immer wieder für sich in Anspruch, mit seinen Diensten auf dem aktuellen Stand von Forschung und Technik zu sein. Im „Tiermaterial“, wie er es nannte, machte er manche Fehlerquellen für eine wirksame Betäubung aus – etwa Hautwiderstände, eine zu schmutzige Schwarte und dergleichen. Das Töten von Tieren erschien in seiner Darstellung über weite Strecken wie eine physikalische Versuchsanordnung.

Schlachthof Kassel: Fehlerhafte Betäubung bei Schweinen - Kaum klare Antworten

Die profunden Auskünfte des Mannes über Stromstärken, Frequenzen und elektrotechnische Feinheiten standen allerdings in starkem Kontrast zu seinem Erinnerungsvermögen. Ob und wann er Hinweise erhalten habe, dass es in Kassel Probleme mit der Betäubung gibt? Wie häufig er selbst vor Ort war, mit wem er da kommuniziert habe? Auf solche Fragen hatte der Zeuge keine klaren Antworten. Er wisse das nicht mehr, sagte er, oder er griff zu Floskeln à la „nicht so viel“ oder „gefühlt oft“. Dafür zog er sich eine Ermahnung des Vorsitzenden Richters Dr. Michael Senger zu: „Mit solchen Angaben können wir hier nichts anfangen.“

Im Sommer 2013 hatte der Mann dem Schlachthof dann für 12 500 Euro eine verbesserte Betäubungsanlage verkauft, die offenbar zuverlässiger funktioniert hat. Warum das angesichts der Probleme nicht schon viel früher geschah, davon gaben die Aussagen zweier weiterer Zeugen einen Eindruck.

Kassel: Tierquälerei am Schlachthof: Kaum Geld für zeitgemäßen Tierschutz

Es sei einfach nie Geld da gewesen, den Schlachthof auch in puncto Tierschutz zeitgemäß auszustatten, sagten gleichlautend der frühere Wirtschaftsprüfer des Unternehmens sowie ein Mitarbeiter der Stadt Kassel, der für die kommunale Anteilseignerin an den Gesellschafter- und Verwaltungsratssitzungen teilgenommen hat. Bei einer Auslastung von zeitweise nur 20 Prozent, einer entsprechend schlechten Ertragslage und einem gewaltigen Investitionsstau sei stets nur das zwingend Notwendige bezahlbar gewesen.

Verteidiger Axel Dohmann interessierte sich für die Frage, ob Stadt und Landkreis Kassel als größte Anteilseigner jemals erwogen hätten, das Eigenkapital der Schlachthof-GmbH & Co. KG aufzustocken, um der finanziellen Handlungsunfähigkeit abzuhelfen. Antwort des Wirtschaftsprüfers: „Das war in der politischen Landschaft nicht durchsetzbar.“

Der Prozess wird fortgesetzt am Donnerstag, 20. Februar, ab 9 Uhr. Bei diesem Termin soll ein Sachverständiger gehört werden.

VON AXEL SCHWARZ

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