Laut Aktivisten seitdem zu wenig passiert

"Todesstreifen": Schon 1981 forderten die Kasseler Stadtverordneten bessere Radwege

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Radfahren in Kassel anno 1985: Der damalige Polizeipräsident Herbert Ahlborn (Mitte) kündigte damals an, gegen das verbotene Radfahren auf der Königsstraße durchgreifen zu wollen. Unser Bild zeigt im Hintergrund die Frankfurter Straße und den Anbau ans Rathaus. Davor steht heute das Cinestar-Kino.

Die Debatte um den Kasseler Radverkehr hat mit der Initiative zum Radentscheid neuen Schwung erhalten. Dabei ist die Forderung nach einem besseren Radwegenetz bereits alt.

Bereits 1981 forderten die Kasseler Stadtverordneten den schnellen Ausbau der Infrastruktur. „Passiert ist in den 38 Jahren aber zu wenig“, findet Radaktivistin Mareike Künkler aus Kassel, die jüngst auf alte Protokolle der Stadtverordnetenversammlung gestoßen ist. 

Künkler saß für Recherchen in der Murhardschen Bibliothek. Dabei fiel ihr Blick zufällig auf die historischen Protokolle. Sie fing an, darin zu blättern und entdeckte ein nach wie vor aktuelles Thema: Die Debatte über den Radverkehr, die bereits im August 1981 im Stadtverordnetensaal geführt wurde. 

Der Stadtverordnete Reinhold Weist (Grüne) stellte damals fest, dass Radfahrer und Fußgänger gegenüber dem Autoverkehr benachteiligt würden. Er forderte im Namen seiner grünen Fraktion, die damals erst wenige Monate im Rathaus vertreten war, unverzüglich „ein engmaschiges Radwegenetz anzulegen“. Das bestehende lückenhafte Netz erinnere ihn an „Schildbürgerstreiche“, etliche Radwege seien eher „Todesstreifen“, so der damalige grüne Fraktionsvorsitzende Weist. Ziel seiner Fraktion sei es, den Autoverkehr „zurückzudrängen“ und breitere Fuß- und Radwege zu schaffen.

"Niemand glaubte, dass das Fahrrad in unserer Stadt eine Zukunft hatte"

Auf die flammende Rede für die Radfahrer antwortete damals Stadtbaurat Carsten Coordes (SPD): „Der Magistrat stimmt überein in der Einschätzung, dass in der Tat über Jahrzehnte hinweg in Kassel Radwege nur ab- und nicht aufgebaut wurden; deswegen, weil nämlich niemand glaubte, dass das Fahrrad in unserer Stadt eine Zukunft hatte.“ 

In der ersten Ausbaustufe versprach der Magistrat ein Radwegenetz von 50 Kilometern Länge, das erweitert werden sollte. 800 000 DM standen jährlich zur Verfügung. Coordes versprach, der Magistrat werde „alles daran setzen, mit der gleichen Ernsthaftigkeit wie wir dieses getan haben für den Autoverkehr, auch ein funktionsfähiges Netz für den Radfahrer wieder zu schaffen.“ 

Mareike Künkler, Radaktivistin

Der Stadtbaurat warnte davor, sich mit der Mammutaufgabe nicht so lange Zeit zu lassen: „Wir haben 50 Jahre gebraucht von den Erkenntnissen, wie man Autostraßen vernünftig baut, bis wir ein solches Netz hatten, wie wir es heute haben. Ich möchte nicht, dass wir für ein Radwegenetz genauso viel Zeit brauchen.“ In den Protokollen ist an dieser Stelle der Beifall der SPD-Fraktion vermerkt. Bei Künkler weckt dieser Rückblick vor allem Zweifel: Die 50 Jahre würden ganz sicher nicht reichen, das damalige Ziel zu erreichen.

Aus Sicht der Stadt Kassel hat sich das Radwegenetz in den vergangenen 38 Jahren deutlich verbessert: „1981 versprach der Magistrat die Schaffung eines Radwegenetzes mit einer Länge von 50 Kilometern, das erweitert werden sollte: Das heutige gesamte Radverkehrsnetz im Stadtgebiet Kassel beträgt 414 Kilometer (siehe auch den Fahrrad-Stadtplan). Damit wird sehr deutlich klar, dass die Kasseler Radverkehrsinfrastruktur in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich ausgebaut und verbessert worden ist“, sagt Stadtsprecher Claas Michaelis. Dokumentiert sei das Netz im kürzlich neu erschienenen Fahrradstadtplan. Michaelis zählt weiterer Verbesserungen auf:

  • Es seien mittlerweile 1300 Fahrradbügel installiert worden.
  • Es gebe inzwischen drei Fahrradstraßen, die künftig einheitlich gestaltet werden.
  • Bei großen Straßenbauprojekten seien in den vergangenen Jahren immer Radwege ausgebaut und verbessert worden. Beispiele: Friedrich-Ebert-Straße, Leipziger Straße, Goethestraße, Schönfelder Straße und Tischbeinstraße.
  • Aktuell würden pro Jahr drei Millionen Euro in Radwege investiert. Der Magistrat habe vorgeschlagen, diese Summe ab 2020 um mindestens 500.000 Euro zu erhöhen. Inklusive der in Aussicht stehenden Fördermittel belaufe sich die jährliche Gesamtsumme auf 4,5 Millionen Euro.

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