„Wir können so nicht weitermachen“

Aufruhr in Schulen: Schüler und Lehrer wehren sich gegen mangelnden Corona-Schutz

Lüften in der Schule
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Kassel: Häufiges Lüften wird zum Schutz vor Corona empfohlen. Vielen Schülern ist das zu wenig. (Symbolfoto)

Lehrer und Schüler kritisieren den mangelnden Schutz vor Corona in Schulen. Unter anderem werden die Forderungen nach Luftfiltern immer lauter.

Kassel – Lehrer, Schüler und Eltern gehen auf die Barrikaden angesichts der uneingeschränkten Öffnung der Schulen in Corona-Zeiten und Unterricht in vollen Klassen. „Wir können so nicht weitermachen, das Risiko, sich anzustecken, und die psychische Belastung für alle Beteiligten sind zu groß“, sagt Wolfgang Kuhn, Lehrer an der beruflichen Martin-Luther-King-Schule: „Die Augen-zu-und-durch-Politik des Kultusministeriums macht mich fassungslos.“

Schüler in Kassel kritisieren mangelnden Schutz vor Corona

Aufruhr formiert sich auch unter Schülern im Raum Kassel. Sie haben die Kampagne „unverantwortlich!“ gestartet. Der Protest richtet sich gegen „mangelhaften Schutz vor der Corona-Gefahr“. „Trotz der Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts zur Bekämpfung der Pandemie mutet man uns tagtäglich zu, in überfüllten, schlecht belüfteten Klassenräumen mit Dutzenden Haushalten auf engstem Raum zur Schule zu gehen“, äußern sich Sofia Stresing und Altay Akkus, Schüler am Wilhelmsgymnasium, vom Orga-Team.

„Das ist unverantwortlich!“: Der Kasseler Schüler Altay Akkus protestiert gegen volle Klassenräume.

Corona in Kassel: Bildungsministerin empfiehlt häufiges Lüften - Schüler fordern Luftfilter

Experten würden härtere Maßnahmen empfehlen wie die Trennung von Klassen mit hoher Schülerzahl ab einer Inzidenz von 50. „Anstatt auf sie zu hören, sagt Bildungsministerin Karliczek, Schülern sei zuzumuten, Pullover zu tragen, damit häufig gelüftet werden kann.“ Auch das Land unternehme nichts in Bezug auf die RKI-Empfehlungen. Dabei würden die Infektionszahlen in Schulen steigen, trotz des „Wundermittels“ Lüften. „Wir haben ein Recht darauf, uns in unseren Schulen sicher zu fühlen.“

Die Schüler fordern die Einhaltung der RKI-Empfehlungen, Unterrichtsversorgung für alle und die flächendeckende Installation von Luftfiltern statt Dauerlüftung. Die Position des Kultusministeriums ist unverändert: Schulen bleiben unter Berücksichtigung von Regularien wie dem Tragen von Masken geöffnet. „Wenn ein Gesundheitsamt zur Einschätzung komme, dass eine andere Art der Beschulung, etwa Wechselunterricht, zur Reaktion auf das örtliche Infektionsgeschehen notwendig sei, würden in Absprache mit dem Schulamt Ausnahmen genehmigt“, so der Ministeriumssprecher.

Jetzt formiert sich Schülerprotest: Sofia Stresing ist bei der Kasseler Kampagne „unverantwortlich!“ dabei.

Corona: Lehrergewerkschaft für Wechselunterricht - Aufgeladene Stimmung bei Sitzung in Kassel

Unterdessen nimmt der Protest der Lehrergewerkschaft GEW Fahrt auf. Für eine Petition an das Land, in der in den Schulen Wechselunterricht in Präsenz und Distanz gefordert wird, sind zwei Drittel der angestrebten Unterstützer erreicht. „Wir rechnen nächste Woche mit dem Ziel von 15 000 Unterschriften“, sagt Carsten Leimbach von der GEW Nordhessen.

Auch in einer von der Fraktion „Wir für Kassel“ (WFK) beantragten Sondersitzung des städtischen Schulausschusses ging es um ein einziges Thema: um Corona-Maßnahmen in den Schulen. Die zum Teil sehr emotional geführte Diskussion wurde von der Corona-Vorgabe gebremst, dass zu jedem Tagesordnungspunkt jeweils nur ein Wortbeitrag aus den Fraktionen zugelassen wurde.

Anschaffung in Kassel „nicht geplant“: Anschaffung von Corona-Luftfiltern sei zu teuer und zeitaufwendig

Auf den von Andreas Ernst (WFK) vorgebrachten Antrag, dass der Magistrat für sämtliche Schulen Luftfiltergeräte anschaffen solle, reagierte Schuldezernentin Ulrike Gote unmissverständlich: „Eine Anschaffung von mobilen Luftfilteranlagen ist nicht geplant.“ Das Schuldezernat stützt sich dabei auf eine entsprechende Stellungnahme des Bundesumweltamts, wonach mobile Luftreiniger in Schulen „nur im Ausnahmefall sinnvoll“ sind. Zuletzt wurde noch darüber nachgedacht, mobile Luftreiniger für Räumlichkeiten anzuschaffen, die sich kaum bis gar nicht belüften lassen. Auch in Hofgeismar im Kreis Kassel verzichtet man auf solche Anschaffungen.

Mit Axel Jäger, Leiter des Amts für Hochbau und Gebäudebewirtschaftung, an ihrer Seite, rechnete Gote vor, dass es neun Millionen Euro kosten würde, alle Kasseler Schulen auszustatten. Mit einer Lieferung vor dem Frühjahr sei zudem nicht zu rechnen. Luftfiltergeräte seien nur für Schulräume vonnöten, wo nicht ausreichend gelüftet werden kann, so Gote. „Und die haben wir in Kassel nicht. Darauf sind wir stolz“, sagte Axel Jäger. Er erklärte, dass inzwischen in sämtlichen Schulen und Kitas der Stadt die Fenster geprüft und wo nötig „gangbar“ gemacht worden seien.

Kassel: Häufiges Lüften stört den Unterricht - Kritik an laschen Corona-Maßnahmen

Um das Lüften in den Schulen, auf das Ulrike Gote als wichtige Corona-Maßnahme setzt, entwickelte sich eine Diskussion. Mit Befremden sei ein an die Lehrer gerichteter Flyer des Amts für Schule und Bildung aufgenommen worden, in dem erklärt wird, wie richtig gelüftet wird, so die Ausschussmitglieder Marcus Leitschuh (CDU) und David Redelberger (Kasseler Linke), die beide in Schulen tätig sind. Auch der GEW-Kreisvorstand Kassel Stadt hat in diesem Zusammenhang „die Verharmlosung der Situation durch die Stadt Kassel mit dem kleinen Faltblatt ‚Fenster auf – Corona raus’“ kritisiert. Redelberger gab zudem zu bedenken, dass mit dem häufigen Lüften auch die Unterrichtsstörungen zunähmen.

Andreas Ernst monierte, dass es Schulen gebe, die die Fenster generell geöffnet ließen und dadurch Erkältungskrankheiten begünstigt würden. „Ich mag mir nicht ausmalen, wie die Situation ist, wenn es kälter wird.“ Er wiederholte seine Forderung, für die Schulen mobile Luftreinigungsgeräte als „flankierende Maßnahme“ anzuschaffen. In Hinblick auf die private Anschaffung, etwa durch Schulfördervereine, sagte Gote: „Mobile Luftfiltergeräte dürfen nur mit Genehmigung des Schulträgers aufgestellt werden.“

Lüftungsanlagen gegen Corona: Schulen in Kassel würden „gar nicht“ profitieren

Auch das 100-Millionen Bundesprogramm zur coronagerechten Um- und Aufrüstung von Lüftungsanlagen in öffentlichen Gebäuden kam zur Sprache. Vertreter der CDU-Fraktion wollten wissen, inwieweit Kasseler Schulen davon profitieren können. Gar nicht, meinte Jäger. Das Programm betreffe nur ältere Lüftungsanlagen mit Umluft. „Wir können damit nichts anfangen, weil wir so gut sind und nur über Frischluftanlagen verfügen.“

In Kasseler Schulen befänden sich circa 120 Raumlufttechnische Anlagen in Zweidrittel aller 55 Schulen, vor allem in den größeren oder neueren Schulen. Diese Lüftungsanlagen versorgten naturwissenschaftliche Räume, Mensen, Aulen und in neueren oder sanierten Gebäuden auch Klassenzimmer und Ganztagsräume. Schließlich teilte Dezernentin Ulrike Gote mit: „Wir haben noch einen Schwung CO2-Ampeln bestellt, die wir demnächst an den Schulen verteilen.“ (Christina Hein)

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