Den kennt man doch

Herr Zaun macht zu: Schuhmachermeister schließt nach 49 Jahren seinen Laden

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Gibt nach 49 Jahren seinen Laden am Bebelplatz auf: Schuhmachermeister Lothar Zaun haben gesundheitliche und wirtschaftliche Gründe zu diesem Entschluss bewogen.

Schuhmachermeister Lothar Zaun schließt nach 49 Jahren seinen Laden am Bebelplatz. Der Abschied fällt ihm nicht leicht.

Kassel - Die Kundin freute sich so sehr über ihre neuen Tanzschuhe, dass sie spontan Lothar Zaun, der ihr zuvor Sohlen aus Chromleder („Das rutscht besser“) unter den Schuhen angebracht hatte, zum Tanz aufforderte. Zusammen drehten sie ein paar Runden in seinem Laden am Bebelplatz. An diese Geschichte vor etwa zehn Jahren erinnert sich der 72-jährige Schuhmachermeister sehr gern. Überhaupt hat er es gemocht, Tanzschuhe mit neuen Sohlen zu versehen.

Heute kann Zaun nach einem Oberschenkelhalsbruch vor einem Jahr ans Tanzen gar nicht mehr denken. Sein Gesundheitszustand und der sinkende Umsatz haben ihn dazu bewogen, seinen Schuhmacherladen im Vorderen Westen nach 49 Jahren zu schließen. „Es rechnet sich nicht mehr“, sagt Zaun.

Schuhmachermeister Lothar Zaun aus Kassel: „Die Anatomie der Füße hat mich schon immer interessiert“

Das Geld hat den im Jahr 1948 in Kassel geborenen Zaun allerdings nicht dazu bewogen, Schuhmacher zu werden. „Die Anatomie der Füße hat mich schon immer interessiert“, sagt der 72-Jährige. „Ich bin als Krüppel mit Klumpfüßen zur Welt gekommen.“ Zig mal sei er wegen der Fehlbildungen an seinen Füßen operiert worden. Da er immer auf Einlagen für seine Schuhe angewiesen war, habe er sich überlegt, diesen Beruf zu ergreifen. Durch die persönliche Betroffenheit habe er in seinem Berufsleben auch besser auf die Kunden eingehen können, die ähnliche Probleme wie er hatten.

Schuhmachermeister Lothar Zaun aus Kassel: 1962 startete er seine Ausbildung

Als Modelleur in Offenbach: Bis 1971 arbeitete Lothar Zaun bei der Schuhfabrik „Hassia“.

1962 begann Zaun seine dreijährige Ausbildung zum Schuhmacher bei der Firma Lindemann an der Holländischen Straße. Nach dem Gesellenbrief ging er zu „Schuh Schäfer“, wo er für Reklamationen zuständig war und Schuhe reparierte. Das war aber nur eine Zwischenstation. Zaun begann bei der Schuhfabrik „Hassia“ in Offenbach als Schuh-Modelleur. 

Dort entwarf er mit den Kollegen Schuhe. Die Prototypen wurden dann auf der Schuhmesse in Düsseldorf den Händlern vorgestellt. Wenn die Modelle gut ankamen, wurden sie in Serie hergestellt, erinnert sich Zaun. Diese Arbeit habe ihm gut gefallen. Zumal er zur Recherche mit den Kollegen auch nach Paris reiste, um zu schauen, was dort die modebewussten Menschen so tragen.

Er wäre gern in Offenbach geblieben, habe aber durch „Vaterfreuden“ zurück nach Kassel gemusst, so der 72-Jährige. Er heiratete nicht nur und bekam einen Sohn, sondern übernahm 1971 den Laden mit der Adresse Friedrich-Ebert-Straße 153. Im selben Jahr bekam er auch seinen Meisterbrief.

Schuhmachermeister Lothar Zaun aus Kassel: Früher haben sich Schuhreparaturen noch gelohnt

Früher hätten die Menschen sich gute Schuhe gekauft, bei denen es auch noch lohnte, sie zu reparieren, sagt der Schuhmachermeister. Heutzutage würden viele Leute „nur noch Schrott kaufen, bei dem sich die Reparatur“ nicht mehr rechne. Teure Maßanfertigungen habe er früher auch nur selten gemacht. In den letzten Jahren aber gar nicht mehr. „Heute würden solche Schuhe über 1000 Euro kosten.“

Nur mit der Reparatur von Absätzen oder der Anfertigung von Einlagen für Spreizfüße lohne sich sein Geschäft aber nicht mehr. Einige Schumacher würden aus wirtschaftlichen Gründen mittlerweile auch Schlüsseldienste anbieten.

Schuhmachermeister Lothar Zaun aus Kassel: Der Abschied nach 49 Jahren fällt ihm nicht leicht

Nichtsdestotrotz falle ihm der Abschied aus seiner Werkstatt mit den Schleif- und Bohrmaschinen, Stanzen, Fräsen und Messern schwer. Stammkunden seien am Heulen, weil sie jetzt nicht wüssten, wo sie ihre Schuhe hinbringen sollen.

Seine Lebensgefährtin Bärbel Walter, mit der Zaun in Bettenhausen lebt, hat sich in dieser Woche noch mal alle Schuhe auf Vordermann bringen lassen.

Am heutigen Samstag hat Lothar Zaun zum letzten Mal geöffnet, von 8 Uhr bis mindestens 13 Uhr. Er hofft, noch einige Restbestände aus seinem Laden verkaufen zu können.

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