Interview

Schule in der Corona-Krise: Schüler mit heftiger Kritik - „Über unsere Köpfe hinweg“

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In Hessen werden die Schulen nach der Corona-Pause wieder geöffnet. Der Kasseler Stadtschulsprecher zieht eine Bilanz der vergangenen Wochen.

Nach der Corona-Pause geht die Öffnung der Schulen weiter. Zu früh, findet ein Stadtschulsprecher und äußert Kritik - auch beim Thema Homeschooling.

  • Wegen der Corona-Pandemie mussten Schüler sechs Wochen zu Hause bleiben
  • Unterricht gab es vor allem in Form von Homeschooling
  • Der Kasseler Stadtschulsprecher zieht Bilanz und blickt mit Sorge auf die weiteren Schulöffnungen

Kassel – Welche Bilanz nach sechs Wochen eingeschränkter Beschulung, zum größten Teil in Form von Homeschooling, ziehen die Schüler? Wir sprachen mit dem Kasseler Stadtschulsprecher David Bösl.

Wie lief, wie läuft das Homeschooling?

Momentan versuchen ja alle Schulen, ihren Unterrichtsstoff über Internetplattformen an die Schülerinnen und Schüler weiterzuleiten und den Unterricht digital zu gestalten. Dafür gibt es jedoch keine einheitlichen Regelungen. Die Lehrkräfte probieren ganz individuell die unterschiedlichsten Plattformen aus, was einerseits für Chaos bei der Materialbeschaffung sorgt und datenschutztechnisch höchst bedenklich ist.

Andererseits reichen die Rechenkapazitäten für die vom Land Hessen vorgesehenen Plattformen, wie etwa Moodle, gar nicht aus, um den aktuellen großen Andrang zu stemmen.

Kassel: Fehlende Internetzugänge bei Schülern - Chancenungleichheit wird verstärkt

Und aufseiten der Schüler?

Ist es vor allem deshalb problematisch, weil nicht jeder Schüler, jede Schülerin einen dauerhaften Zugang zum Internet hat und deshalb eventuell gar nicht auf Online-Unterrichtsinhalte zugreifen kann. Es gibt zwar erste Ansätze, diesen Schülern Leihgeräte zur Verfügung zu stellen, eine Chancengleichheit besteht deshalb aber noch lange nicht.

Inwiefern?

Die Chancenungleichheit wird noch verstärkt, weil Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Haushalten verschiedene Rückzugsmöglichkeiten zum Lernen und ganz unterschiedliche technische Voraussetzungen haben, um am Online-Unterricht teilzunehmen. Die einen müssen sich ein Zimmer mit Geschwistern teilen und lernen am Küchentisch, andere haben einen eigenen Schreibtisch und PC.

Kassel: Schule in Corona-Zeiten - „Technische Ausstattung ist miserabel“

Was schlagen Sie vor?

Die bauliche Situation vieler Schulen und deren technische Ausstattung sind miserabel. Wären die Schulen hier besser ausgestattet, könnten Geräte für das Homeschooling flächendeckend verliehen werden und die ungleiche Situation zuhause wenigstens abgefedert werden.

Eine gute Internetverbindung ist essenziell für das Homeschooling. Sie ist in ländlichen Regionen jedoch selten vorhanden. Die Möglichkeiten, über Videokonferenzen am Unterricht teilzunehmen und dadurch eine gute Mitarbeit zu zeigen, haben sich deutlich verschlechtert.

Sie befürchten unzureichende Möglichkeiten einer Bewertung?

Ja. Oft fehlen einheitliche und klare Regelungen zur Bewertung, und die Schülerinnen und Schüler sind der Willkür ihrer Lehrkräfte ausgesetzt. Daher sind viele über die Notengebung in diesem Schuljahr völlig verunsichert. Über das Homeschooling gibt es zum Teil ja keine schriftlichen Leistungsnachweise, und auch eine mündliche Bewertung ist schwierig. Das ist im Homeschooling einfach schwer zu gewährleisten.

Kassel: Unterricht trotz Corona - Schüler fühlen sich alleingelassen

Was kritisieren die Schüler?

Wir wissen von vielen, die sich im Homeschooling von ihren Lehrern alleingelassen fühlen. Manche Lehrkräfte sind seit sechs Wochen regelrecht von der Bildfläche verschwunden. Zu oft werden leider nur Aufgaben ausgeteilt, ohne dass versucht wird, einen richtigen Unterricht nach besten Möglichkeiten zu ersetzen. Das ist nicht immer die Schuld der Lehrkräfte. Die müssen sich ja auch an die neue Situation gewöhnen, und sie müssen ohnehin schon viel zu große Klassen unterrichten.

Hinzu kommt der magere IT-Support an Schulen und die in den letzten Jahren kleingesparten Fortbildungsmöglichkeiten für Lehrer.

Was befürchten Sie?

All dies verstärkt die ohnehin schon bestehende Chancenungleichheit des deutschen Bildungssystems, in dem es Kinder aus schlechten sozialen oder ökonomischen Hintergründen immer schwerer haben, wie die aktuellste Pisa-Studie ja belegt. Neben der ungleichen Ausstattung an elektronischen Geräten kommt jetzt verstärkt auch noch die ungleiche Unterstützung durch die Eltern zum Tragen. Wer aus einer Akademikerfamilie kommt, hat deutlich bessere Chancen, im Homeschooling mitzukommen als beispielsweise ein Kind aus einer migrantischen Familie.

Gibt es da Unterschiede bei den Schulformen?

Am schlimmsten trifft es die Grundschulen. Grundschülerinnen und -schüler sind ja oft noch nicht in der Lage, selbstständig zu lernen, und haben keine Möglichkeit, Unterrichtsinhalte ohne die Unterstützung ihrer Eltern oder der Lehrkräfte zu erarbeiten. Auch das sogenannte „social distancing“ macht Grundschülern besonders zu schaffen, da die Schule für sie der oft wichtigste Ort für soziale Kontakte ist.

Kassel: Stadtschulsprecher im Interview - Situation für kommende Abi-Jahrgänge „verheerend“

Zurzeit laufen die Abschlussprüfungen für Abiturienten, Haupt- und Realschüler. Wie blicken Sie auf die Abschlüsse 2021?

Für die Jahrgänge, die 2021 ihren Abschluss machen wollen, ist die Situation verheerend. Unter den momentanen Bedingungen ist es ja nicht möglich, regulären Unterricht zu machen und alle erforderten Inhalte an die Schülerinnen und Schüler zu vermitteln. Ein Nachholen der durch die Pandemie verpassten Inhalte im 2. Halbjahr des Schuljahres 2019/20 und eventuell auch im 1. Halbjahr des Schuljahrs 2020/21 ist nicht realistisch. Und eine Verkürzung der Ferienzeit wäre nicht fair. Über die Abschlüsse im nächsten Jahr wird gar nicht geredet, und wir befürchten, dass diese Prüfungen in Vergessenheit geraten.

Zum Teil findet ja wieder Unterricht statt. Wie steht es um die Hygiene in den Schulgebäuden?

Der bereits erwähnte bauliche Zustand wirkt sich natürlich auch darauf aus, wie die zurecht vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen eingehalten werden können. Die Räume waren schon vor der Pandemie zu klein, und jetzt müssen Klassen auch noch aufgeteilt werden. Unterricht kann so nur schleppend stattfinden. Dazu kommen die katastrophalen Zustände der Sanitäranlagen einiger Schulen, bei denen es schwer möglich ist, die Auflagen einzuhalten. Da muss jetzt der Schulträger dringend aktiv werden.

Inwieweit hat die Schülervertretung in diesen Zeiten Mitspracherecht?

Auch wenn ja aktuell eine Verordnung und schulinterne Regelung nach der anderen beschlossen wird, so hat die SchülerInnenvertretung in den seltensten Fällen ein Mitspracherecht. Es wird über unsere Köpfe hinweg entschieden. Das widerspricht beziehungsweise durchkreuzt unser Antrags- und Stimmrecht in der Schulkonferenz. Da ja viele Regelungen uns betreffen, sollten wir auch ein Mitspracherecht haben und frühzeitig informiert werden.

Kassel: Stadtschulsprecher blickt besorgt auf weitere Schulöffnungen - „Tests wären sinnvoll“

Wie lautet das Fazit ihrer Corona-Zwischenbilanz?

Der schlechte bauliche und hygienische Zustand der Gebäude, die fehlenden Lehrkräfte für eine individuelle Förderung, die lückenhafte digitale Ausstattung der Schulen sowie der verstärkte Leistungsdruck während der Pandemie. All das sind Anzeichen dafür, dass das Bildungssystem sich nicht erst seit der Pandemie in einer Krise befindet. Es ist ein über Jahre kaputtgespartes Bildungssystem. Es wurde darauf ausgelegt, möglichst schnell und billig Menschen auf den Arbeitsmarkt zu bringen, statt sie zu kritischen, eigenständigen Menschen zu erziehen.

Sollen die Schulen wieder geöffnet werden?

Nein, nicht für alle, solange noch ein größeres Infektionsrisiko besteht. Da geht die Sicherheit dann doch vor. Ich denke, Tests wären hier sinnvoll.

Kassel: Stadtschulsprecher David Bösl - Zur Person

David Bösl (19) ist in Kassel geboren. Er besucht die berufliche Max-Eyth-Schule, dort macht er sein Abitur mit dem Schwerpunkt Datenverarbeitung. 

Davor war David Bösl Schüler der Offenen Schule Waldau. Seit sechs Jahren ist er in der Schülervertretung aktiv, seit diesem Schuljahr als Stadtschulsprecher, davor Stellvertreter. Er war in der Organisation der jüngsten Schülerstreiks aktiv.

Video: Corona-Krise: Präsenzunterricht für alle Schüler vor den Sommerferien

Von 

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Nach der Corona-Pause: Die Schulen in Hessen werden schrittweise wieder geöffnet. Das Verwaltungsgericht weist eine Klage einer Lehrerin zurück. Auch in der Region Kassel sind Schüler wegen den Schulöffnungen in Sorge. Nicht für alle ist die Entscheidung über die Rückkehr nachvollziehbar.

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