Respekt-Serie

Schulleiter ziehen Bilanz: Die große Plage Mobbing im Netz

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Laut einer Studie fühlt sich in Deutschland jeder sechste Schüler physischer oder seelischer Gewalt durch Mitschüler ausgesetzt - Haupttatort: das Inernet.

In Deutschland fühlt sich laut einer OECD-Studie jeder sechste Schüler physischer oder seelischer Gewalt durch Mitschüler ausgesetzt. Wir haben uns an Kasseler Schulen umgehört.

Haupttatort ist zunehmend das Internet. Wir sprachen darüber mit erfahrenen Pädagogen. Die Leiter von drei großen Kasseler Schulen in unterschiedlichen Stadtteilen – Bad Wilhelmshöhe, Waldau und Wesertor – die Direktoren der Reformschule, der Offene Schule Waldau und der Carl-Schomburg-Schule, haben sich mit dem zu Ende gegangenen Schuljahr in den Ruhestand verabschiedet. 

Anstelle von klassischen Abschiedsporträts haben wir mit Regine Frensel (CSS), Gerhard Vater (OSW) und Elke Hilliger (Reformschule) Gespräche geführt, die vor allem das Thema Respekt, Eskalation und Deeskalation zum Inhalt hatten. Ein Thema, das allen drei Schulleitern ein großes Anliegen war und ist. Tenor ihrer Beobachtungen an den Schulen: Mobbing wird durch die Anonymität im Netz gefördert.

Offene Schule Waldau: Großes Übel Castingshows

Gerhard Vater, Schulleiter der Offenen Schule Waldau, verabschiedet sich nach acht Jahren an der Spitze der Leitung in den verdienten Ruhestand. Er freue sich auf die Zeit, die jetzt vor ihm liegt, in der er vor allem mehr Zeit für seine Familie haben wird, sagt der 63-Jährige. 

Gerhard Vater, Schulleiter der Offenen Schule Waldau.

Doch er gehe auch schweren Herzens: „Die vielen Beziehungen zu den Menschen an der OSW werden mir fehlen.“ Die Frage nach Veränderungen im Verhalten der Schüler kann er schnell beantworten. Ohne zu zögern sagt er: „Ja, ganz klar, die Umgangsformen haben sich verändert, der Ton unter den Schülern ist rauer, gnadenloser geworden.“

Die Offene Schule Waldau an der Stegerwaldstraße.

Ein besonders vermintes Feld sei die virtuelle Kommunikation. „Im Netz wird ohne Ende gemobbt.“ Dagegen sei die Zahl von körperlich ausgetragenen Auseinandersetzungen, etwa Rangeleien auf dem Schulhof, unverändert und eher gering. Ursache für die Zunahme von Mobbing im Internet sei zum einen die Möglichkeit, anonym zu stänkern und Meinungen nicht mit offenem Visier vertreten zu müssen. Einen weitaus dramatischeren Einfluss haben Vaters Meinung nach die vielen Fernsehformate wie Castingshows, in denen es zum guten Ton gehört, Menschen lächerlich zu machen, sie zu beleidigen, auf Äußerlichkeiten zu reduzieren und auf ihren Schwächen herumzutrampeln. 

„Haben wir an der Schule ein solches Verhalten unter den Schülern mitbekommen, sind wir sofort dagegen vorgegangen.“ Auffallend sei, dass es sich bei Konflikten nicht um rivalisierende Kulturen, sondern um das Mobbing von Einzelnen gehandelt habe. „Dass das Wort Opfer zum Schimpfwort mutiert ist, kommt nicht von ungefähr.“ Um dem zu begegnen, setze die OSW auf „Gemeinschaft und Solidarität“. 

Es sei Sitte, dass alles besprochen werde. Werde derjenige, der mobbt, direkt angesprochen – „Wir dulden so etwas nicht an unserer Schule“ – sei in der Regel Betroffenheit da. Es helfe zudem, dass die Klassenräte systematisch angeleitet werden, zu moderieren und bei Konflikten zu deeskalieren. 

Auch der enge Kontakt zu den Familien der Schüler, die von den Lehrern regelmäßig besucht werden, sei da hilfreich. An der OSW, die von Anfang an inklusiv arbeite, werde die Diversität gefördert. „Es müssen nicht alle durch ein Nadelöhr“. Diese Schulphilosophie stehe diametral zu Ausgrenzungen durch Mobbing.

Lesen Sie auch: Viele Schüler erleben Ausgrenzung und Gewalt

Carl-Schomburg-Schule: Aufgeregt, nervös, empfindlich

„Die Schule bildet eins zu eins die Gesellschaft ab“, sagt Regine Frensel, Schulleiterin an der Carl-Schomburg-Schule: „Alles, was die Menschen allgemein beschäftigt oder beunruhigt, kommt sofort bei uns an. Ob es positiv oder negativ ist – wir müssen reagieren.“

Regine Frensel, Schulleiterin der Carl-Schomburg-Schule.

Die 62-jährige Pädagogin geht nach 30 Jahren als Lehrerin an der CSS – zuletzt als deren Leiterin – in den Ruhestand. Eine Einschätzung wie sich das Schulklima und der Umgang der Schüler untereinander und gegenüber den Lehrern in der Zeit verändert hat? Da muss sie nicht lange nachdenken.

Es falle in letzter Zeit eine Aufgeregtheit, Nervosität und Empfindlichkeit auf: „Auf alles wird mit Vehemenz reagiert, alles erlebt unter den Schülern einen großen Ausschlag: Ängste, Ärger. Auch das Positive wird extrem gefeiert.“

Insgesamt sei die Stimmung aber gut, sagt Frensel. Die große Vielfalt an Kulturen werde an der Schule ganz klar positiv gelebt und sei nicht die Ursache für Konflikte. Allerdings müsse die gegenseitige Akzeptanz immer wieder initiiert werden. In den Klassen würden viele interkulturelle Diskussion geführt. Man rede darüber: Was ist Ramadan? Der „Trialog der Religionen“ hat an der CSS Tradition.

Die Carl-Schomburg-Schule an der Josephstraße.

Ein großes Problem stelle hingegen der Umgang der Schüler mit dem Internet dar. „Durch die Möglichkeit,, sich im Netz anonym zu bewegen fehlt der Ehrenkodex.“

An der CSS werden die Probleme seit jeher benannt, halte man mit unbequemen Meinungen nicht hinterm Berg. Die Gesamtschule im sozialen Brennpunkt Wesertor war in vergangener Zeit oft in den Medien. Nicht zuletzt hatte CSS-Lehrerin Julia Wöllenstein mit ihrem kritischen Buch „Von Kartoffeln und Kanaken“ für mediales Aufsehen gesorgt. Darin schreibt sie über Parallelwelten im Klassenzimmer und den damit verbundenen Spannungen an einer Schule, die von Kindern mit familiären Hintergründen aus 56 Nationen besucht wird.

Fensels Antwort darauf: „Unsere Aufgabe ist es, die Jugendlichen auf das Leben vorzubereiten, wir bieten Schulbildung aber auch Erziehung und die Vermittlung von Werten.“

Reformschule: „Meistens geht es um Äußerlichkeiten“

Das Mobbing im Netz bekomme man nicht in den Griff, sagt Elke Hilliger, die scheidende Schulleiterin an der Reformschule. Im Gegenteil: „Es nimmt zu.“ Es sei die Anonymität, die es so einfach macht, lautet ihre Erklärung. 

Elke Hilger, Schulleiterin der Reformschule.

Wenn dann plötzlich ein Täter selber zum Opfer wird, bekomme er in der Regel einen gehörigen Schrecken. „Das Bewusstsein für die grausame Dimension, die Mobbing einnehmen kann, ist den wenigsten bewusst.“ Meistens gehe es um Äußerlichkeiten. Zu den größten Ängsten eines jungen Menschen gehöre es, nicht dazuzugehören, ausgegrenzt zu werden, Beleidigungen und Schmähungen alleine ausgeliefert zu sein.

„Eine Schule kann mit pädagogischen Konzepten dagegen arbeiten“, so Hilliger. In der Reformschule gehöre das jahrgangsübergreifende Gruppenarbeiten zu den wichtigsten Prinzipien. Aufgabe der Lehrkraft sei es, zu integrieren und zu gucken: Wen bringe ich zusammen? „Eine Lerngruppe schafft Zusammenhalt, sogar unter den Eltern.“

Was Smartphones betrifft, so gibt es an der Reformschule Regeln: Sie dürfen nur im Unterricht zur Recherche im Internet genutzt werden. Auf dem Schulhof sind sie tabu. „Das Handy ist nicht verboten, aber es hat seinen Ort.“

Elke Hilliger (65) war mit Leidenschaft zehn Jahre lang Leiterin der Reformschule. Auch wenn sie sich jetzt auf mehr Zeit für die eigene Familie freut – so ganz lässt sie die Reformpädagogik nicht los. Im September ist sie als Referentin auf einer Gesamtschulkonferenz eingeladen. Dann redet sie weiter: über die Vorteile von heterogenem Lernen.

Unsere Serie zum Thema Respekt

Polizisten werden beschimpft, Rettungskräfte behindert: Ein höflicher Umgang scheint immer mehr verloren zu gehen. In einer Serie setzen wir uns mit dem Thema Respekt auseinander. In der nächsten Folge unserer Serie geht es um die Erfahrung von Schiedspersonen.

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