Betriebe verweisen auf Regelungen zum fairen Umgang

Sexismus am Arbeitsplatz: Wenige Vorfälle öffentlich

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Kassel. Anzügliche Anspielungen, herabwürdigende Bemerkungen, schlüpfrige Witze - Sexismus hat viele Formen. Wir wollten wissen, wie häufig sich Beschäftigte in Kassel und Umgebung über sexistisches Verhalten von Kollegen beklagen und wie Arbeitgeber damit umgehen.

Dabei stießen wir nicht überall auf offene Ohren. Das VW-Werk in Baunatal zum Beispiel wollte sich nicht zum Thema äußern.

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SMA verwies auf seine Unternehmenskultur: Fairer und respektvoller Umgang am Arbeitsplatz sowie Chancengleichheit gehörten dazu. Wintershall erklärte: Grundsätzlich werde jede Form von Diskriminierung sehr ernst genommen. Mitarbeiter könnten sich vertraulich an den Betriebsrat wenden. Im Daimler-Werk setzt man auf das Gebot der Fairness, Probleme gebe es nicht, sagte Betriebsrätin Claudia Schreiber.

Beim Arbeitsgericht Kassel sind Verfahren wegen sexueller Belästigung sehr selten. Viele Frauen hätten womöglich Angst, diesen Schritt zu gehen, vermutet Sprecher Wolfgang Leinweber.

„Nehmen Thema sehr ernst“

Sylke Ernst, Uni Kassel: „Die Universität nimmt dieses Thema sehr ernst“, sagt Frauenbeauftragte Dr. Sylke Ernst. Die Hochschule habe Richtlinien zum Schutz vor sexueller Belästigung, Diskriminierung und Gewalt aufgestellt, die nun überarbeitet würden. Zudem seien Info-Veranstaltungen geplant, um die Mitarbeiter zu sensibilisieren. Konkrete Fälle seien ihr zurzeit nicht bekannt. Aber: „Die Universitäten unterscheiden sich nicht generell von der Gesamtgesellschaft.“ Sexismus sei ein tabuisiertes Problem.

„Immer mal Beschwerden“

Patricia Mell, Kreis Kassel: „Es gibt immer wieder die eine oder andere Beschwerde“, sagt die Frauenbeauftragte des Landkreises, Patricia Mell. Vor vier Jahren habe sich eine Mitarbeiterin über eine pornografische Darstellung beklagt, die ein Kollege auf seinem Bildschirm installiert hatte. „Es wurden sehr deutliche Worte mit dem Herrn gesprochen. Dann war Schluss.“ In der Vergangenheit habe es auch eine Entlassung wegen sexueller Nötigung gegeben. Seit Längerem habe es aber keine Klagen mehr gegeben.

„Es handelt sich um Einzelfälle“

Gisa Stämm, Klinikum Kassel: „Sexuelle Belästigung wird im Klinikum nicht geduldet. Wenn ein Fall bekannt wird, wird sofort gehandelt. Das heißt, es gibt Personalgespräche und gegebenenfalls weitere Konsequenzen wie Abmahnung, Versetzung, Trennung“, sagt die Pressesprecherin des Klinikums Kassel, Gisa Stämm. „Eine zahlenmäßige Auswertung haben wir nicht, es handelt sich um Einzelfälle.“ 80 Prozent der 2800 Mitarbeiter des Klinikums seien Frauen - vielleicht gebe es deshalb kaum Probleme.

„Seit Jahren keine Klagen“

Ute Giebhardt, Stadt Kassel: „In den letzten fünf Jahren hat es keine Klagen gegeben“, sagt die Frauenbeauftragte der Stadt Kassel, Dr. Ute Giebhardt. Im städtischen Frauenförderplan seien Regelungen zum Schutz vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz getroffen worden. Wer dagegen verstoße, begehe eine Pflichtverletzung und müsse mit Konsequenzen rechnen. Die Dienststelle trage die Verantwortung. „Sie hat dafür zu sorgen, dass nichts passiert.“ Bei der Stadt arbeiten über 2500 Menschen.

„Männer haben den Röntgenblick“ - Interview

Der Kasseler Sexualforscher Harald Euler (69) beschäftigt sich seit Jahren mit dem Zusammenspiel von Macht, Status und Sexualität. Der emeritierte Professor der Uni Kassel spricht über den Fall Brüderle und die Debatte um sexuelle Belästigung.

Professoren haben täglich Kontakt mit jungen Frauen. Wie hielten Sie Distanz?

Harald Euler: Wenn junge Frauen in meine Sprechstunde kamen, hielt ich mich mit Kommentaren, die als anzüglich wahrgenommen werden könnten, zurück. Wenn es ein Alters- oder Machtgefälle gibt, sollten Männer eine professionelle Distanz wahren. Es gibt aber Studien, die belegen, dass hübsche Studentinnen bessere Noten erhalten als solche, die nicht so attraktiv sind.

Woran liegt das?

Euler: Mit Intelligenz kann es nichts zu tun haben. Mehr kann ich dazu nicht sagen, weil ich nur meine eigenen Sprechstunden kenne.

Woran liegt es, dass die Sexismusdebatte derart viele Reaktionen auslöst?

Euler: Das Thema ist nicht neu. Durch die Geschichte im „Stern“ ist es nur wieder populär geworden. Ich halte die Debatte für wichtig, aber der Publikationszeitpunkt hat ein Geschmäckle. Es ärgert mich, dass die Medien und politischen Gegner erst nach Brüderles Nominierung zum Spitzenkandidaten nach dessen Leichen im Keller suchten. Immerhin lagen seine Anzüglichkeiten gegenüber der Journalistin über ein Jahr zurück. Zudem hatte die junge Frau selbst eine Grenze überschritten, als sie ihn fragte, ob er nicht zu alt für das Amt sei. Das ist Altersdiskriminierung und ist zu selten Thema.

Rechtfertigt das Brüderles Verhalten?

Euler: Nein. Männer müssen lernen, dass sie nicht alles sagen dürfen, was sie sich vorstellen. Männer entwickeln oft einen Röntgenblick, wenn sie eine attraktive Frau sehen – zumindest so lange ihr Testosteronspiegel einigermaßen hoch ist. Das soll keine biologische Entschuldigung sein, aber als Wissenschaftler muss ich die Dinge benennen, wie sie sind. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass es auch Frauen gibt, die ihre Reize einsetzen, um sich an statushöhere Männer ranzumachen. Viele Männer nutzen ihre Position in diesem Sinne aus. Der Unterschied ist oft nur: Sie will Liebe, er will Sex. (els/bal)

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