339 Fälle in Stadt und Landkreis Kassel

So geht die Kasseler Kripo mit vermissten Kindern und Jugendlichen um

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Wenn ein Kind verschwindet, reagiert die Polizei sehr schnell: Dann wird zeitnah auch die Kripo eingeschaltet.  

Kassel. Kürzlich suchte die Kasseler Polizei zwei Mädchen, die dieses Jahr schon mal vermisst gemeldet worden waren. Wie die Kripo mit Vermissten umgeht erzählt Kriminalhauptkommissarin Adele Kalwa im Interview. 

Kommt es häufig vor, dass Mädchen im Alter von zwölf beziehungsweise 13 für mehrere Tage von ihren Eltern abhauen? Das sind ja eigentlich noch Kinder.

Adele Kalwa: Glücklicherweise kommt es nicht sehr häufig vor, dass Kinder verschwinden. In den meisten Fällen kehren sie nach kurzer Zeit wieder nach Hause zurück. Das Problem ist, dass Kinder, insbesondere junge Mädchen, offenbar unterschätzen, welcher Gefahr sie sich aussetzen können, wenn sie verschwinden. Auch wenn sie sich bei Personen, die sie vermeintlich kennen, aufhalten.

Reden die Mitarbeiter der Kripo mit den Mädchen über diese Gefahren, wenn sie wieder aufgetaucht sind?

Kalwa: Selbstverständlich gehört es auch zu unseren Aufgaben, nicht nur nach den Kindern zu fahnden, sondern bei ihrer Rückkehr mehr über die Gründe ihres Verschwindens zu erfahren. Allerdings gelingt uns das nicht immer.

In der Regel hauen aber eher Jugendliche ab?

Kalwa: Das stimmt. Die meisten Ausreißer sind in der Pubertät, zwischen 14 und 17 Jahre alt. Viele Vermisstenfälle gibt es im Landkreis Kassel, weil dort mehr Jugendeinrichtungen vorhanden sind. Die meisten Jugendlichen kehren aber nach einigen Tagen wieder zurück.

Das heißt, dass sich um diese vermissten Jugendlichen nicht jedes Mal die Kriminalpolizei kümmern muss.

Kalwa: Richtig. Wenn zum Beispiel jemand aus einer Jugendeinrichtung verschwindet, dann wird die Kripo erst eingeschaltet, wenn der Betroffene nach mehreren Tagen nicht zurückgekehrt ist. Allerdings wird unmittelbar eine Anzeige bei den Polizeirevieren bzw. -stationen aufgenommen. Das waren in diesem Jahr bislang 339 Fälle von Jugendlichen in Stadt und Landkreis. Tatsächlich musste sich das K 11 nur mit elf dieser Fälle befassen, weil der Großteil aller jugendlichen Vermissten noch vor Einschalten der Kripo wieder zurückkehrt. Kein Ausreißer ist in den vergangenen Jahren in Stadt und Landkreis Kassel Opfer eines Verbrechens geworden.

Mitarbeiter der Kripo müssen mitunter auch Aufgaben von Sozialarbeitern übernehmen. Haben Sie Verständnis für Jugendliche, die aus einer Einrichtung oder von zu Hause abhauen?

Kalwa: Ja. Viele der Jugendlichen haben eine belastende Vergangenheit. Es gibt gelegentlich auch Ausreißer, die in gewisser Weise abenteuerlustig sind. Aber auch aus intakten Familien verschwinden Jugendliche, weil sie zum Beispiel ein schlechtes Zeugnis bekommen haben oder es mal Streit in der Familie gegeben hat. Alle sind bislang ganz schnell wieder nach Hause zurückgekehrt.

Anders reagieren Eltern und Kripo bei Kindern.

Kalwa: Wenn ein Kind verschwunden ist, reagiert die Polizei sehr schnell. Es erfolgt sofort eine Fahndung und die Kripo wird zeitnah eingeschaltet. In diesem Jahr wurden bislang knapp 30 Kinder in Stadt und Kreis als vermisst gemeldet. In etwa 20 dieser Fälle war unser Kommissariat zuständig. Die meisten waren schnell wieder zuhause.

Manchmal gibt es aber auch Öffentlichkeitsfahndungen.

Kalwa: Wenn die Eltern einverstanden sind, dann gehen wir auch mit Bildern an die Öffentlichkeit und bitten bei der Suche um Mithilfe. Das war kürzlich in Waldau der Fall. Ein Achtjähriger war nach der Schule nicht nach Hause gekommen. Die Angehörigen machten sich natürlich große Sorgen, alles wurde abgesucht. Vergeblich. Abends tauchte der Junge dann wieder auf und erzählte, dass er am Nachmittag bei einem Freund gewesen sei. Da hatte er offenbar die Zeit vergessen.

Man hört auch immer wieder von jungen unbegleiteten Flüchtlingen, die verschwinden.

Kalwa: Diese Fälle haben in den vergangenen Jahren aufgrund der Umstände zugenommen. Für diese Jugendlichen war Deutschland möglicherweise nur ein Durchgangsland oder sie sind in einer anderen Stadt untergetaucht. Falls sie später in einem anderen europäischen Land registriert werden, erfolgt eine Rückmeldung durch das Landeskriminalamt.

Wie viele Erwachsene werden in Kassel vermisst?

Kalwa: Wir hatten in diesem Jahr bislang 40 Vermisstenfälle, bei denen Erwachsene, teilweise mehrfach, als vermisst gemeldet worden sind. Die Gründe sind vielfältiger Art, oftmals handelte es sich um ältere verwirrte Menschen oder die per Beschluss in psychiatrische Einrichtungen eingewiesen worden sind.

Wann wird die Kripo bei Erwachsenen aktiv?

Kalwa: Wenn es Hinweise auf eine Eigen- oder Fremdgefährdung gibt oder dass Vermisste Opfer einer Straftat bzw. eines Unglücks geworden sein könnten. Das war zum Beispiel bei dem jungen Mann der Fall, dessen Kleidung am Bugasee gefunden worden war. Er wurde tagelang gesucht, bevor man seine Leiche im Wasser entdeckte.

Werden heutzutage mehr Menschen als früher vermisst?

Kalwa: Subjektiv könnte man diesen Eindruck gewinnen. Das liegt aber möglicherweise auch daran, dass mittlerweile Vermisste auf Online-Portalen oder über soziale Netzwerke gesucht werden. Tatsächlich ist aber keine signifikante Steigerung erkennbar. 

Zur Person 

Adele Kalwa

Adele Kalwa (51) arbeitet seit 2003 mit Unterbrechungen im Kommissariat 11 der Kasseler Kripo. Das K 11 ist für Gewalt- und Kapitalverbrechen, Brandstiftungen und Vermisstenfälle zuständig. Die Kriminalhauptkommissarin, die auch stellvertretende Leiterin des K 11 ist, ist verheiratet und hat zwei Kinder. 

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