Auto- und Fahrradkorso in Kassel

Nach Stich in den Hals - Solidarität mit Minicar-Fahrer ist riesig

Etwa 200 Menschen nahmen an dem Auto- und Fahrradkorso durch die Innenstadt in Kassel teil: Sie zeigten ihre Solidarität mit dem Minicar-Fahrer Bekir Efe, der im Juni in seinem Auto in den Hals gestochen worden ist.
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Etwa 200 Menschen nahmen an dem Auto- und Fahrradkorso durch die Innenstadt in Kassel teil: Sie zeigten ihre Solidarität mit dem Minicar-Fahrer Bekir Efe, der im Juni in seinem Auto in den Hals gestochen worden ist.

Minicar-Fahrer und zahlreiche andere Verkehrsteilnehmer bekundeten in Kassel ihrer Solidarität mit Bekir Efe. Ihm wurde bei der Arbeit ein Messer in den Hals gerammt.

Kassel – Es war eine eindrucksvolle Demonstration: Rund 200 Menschen (100 Radfahrer, ein Rollstuhlfahrer und über 60 Autos, darunter zahlreiche Minicars) fuhren am Mittwochnachmittag im Schritttempo durch die Kasseler Innenstadt, um ihre Solidarität mit dem Minicar-Fahrer Bekir Efe zu zeigen. Der 47-jährige Mann war in der Nacht zum 21. Juni von einem Fahrgast in den Hals gestochen worden, nachdem ihn dieser als „Scheiß Ausländer” beschimpft hatte. Der Täter flüchtete anschließend und ist bislang nicht gefasst.

„Findet den Täter“ und „Gegen Rassismus“ stand auf den Transparenten, mit denen die Teilnehmer des Auto- und Fahrradkorsos gestern durch Kassel fuhren. Ganz vorn dabei war auch Minicar-Unternehmer Hasan Cakir, der Chef von Bekir Efe. Cakir kritisiert, dass die Polizei nicht von Beginn an mitgeteilt habe, dass sein Mitarbeiter Opfer eines „rassistischen Anschlags“ geworden ist. „Das war ein Fehler.“ Allerdings sagt Cekir auch, dass die Polizei sehr viel unternehme, um den Täter zu fassen.

Angriff auf Minicar-Fahrer in Kassel: Kritik an Polizei

Bereits Anfang dieser Woche hatten die Initiative 6. April, Kassel postkolonial und weitere Vereine sowie migrantische Organisationen in einem Offenen Brief Kritik an der Polizei geübt. Darin heißt es, dass die Ermittler bis heute ein rassistisches Tatmotiv infrage stellten. Die Polizei habe bislang über den Fall drei Pressemitteilungen herausgegeben, aber erst in der dritten Mitteilung, zehn Tage nach dem „rassistischen Mordversuch“ an Bekir Efe, sei die Rede von einem „möglicherweise fremdenfeindlichen Tatmotiv” gewesen. Das sei zu spät, irreführend und reiche nicht aus.

Die Polizei trage Verantwortung dafür, die Bevölkerung Kassels korrekt aufzuklären. Rassismus müsse explizit benannt werden, wenn er passiere. „Nur wenn wir wissen, wo und wie sich Rassismus ausdrückt, können wir ihm als Gesellschaft entschlossen entgegentreten“, heißt es in dem Brief.

Angriff auf Minicar-Fahrer in Kassel: Efe leidet unter Angstzuständen

Efes Wunde am Hals sei mittlerweile gut abgeheilt, sagt Songül Cakir, die Frau von Hasan Cakir. Aber psychisch gehe es dem Fahrer sehr schlecht. Er leide unter Angstzuständen und könne noch nicht arbeiten. Aus diesem Grund habe man auch eine Spendenaktion ins Leben gerufen, um den 47-Jährigen zu unterstützen.

Etwa 70 Prozent der Minicar-Fahrer in Kassel hätten einen Migrationshintergrund, sagt Hasan Cakir. Deshalb würden sich auch so viele für ihren Kollegen engagieren.

Dieter Eggers (Minicar-Citycar) bedauerte bei der Demo, dass die Taxi-Fahrer keine Solidarität zeigten. „Ich sehe hier nur eine Taxe“, sagt er am Halitplatz, dem Ausgangspunkt der Demo. Dabei seien Taxi-Fahrer genauso von der zunehmenden Aggressivität der Fahrgäste betroffen wie die Minicar-Fahrer. In dem Korso fuhr auch Kamil Saygin, Vorsitzender des Ausländerbeirats, mit. Er kritisiert, dass sich kein Vertreter der Stadt nach dem rassistischen Anschlag bei Bekir Efe gemeldet habe. Laut Polizei gab es durch den Korso im Feierabendverkehr keine großen Behinderungen.

Angriff auf Minicar-Fahrer in Kassel: Das sagt die Polizei

Die Polizei Kassel weist die Vorwürfe der Initiativen zurück. Staatsanwaltschaft und Kripo führten seit der Anzeige des Mannes umfangreiche Ermittlungen wegen eines versuchten Tötungsdelikts. Dabei sei von Beginn an jeder Spur und jedem Hinweis intensiv nachgegangen worden, insbesondere auch der Aussage des Opfers bezüglich des fremdenfeindlichen Ausrufs des Täters und der mutmaßlich daraus resultierenden Motivlage, so Polizeisprecher Matthias Mänz.

Noch am Tattag sei bei der Kriminalpolizei eine gesonderte Arbeitsgruppe, die AG 22, eingerichtet worden, um explizit in diese Richtung, aber auch ergebnisoffen in alle Richtungen, zu ermitteln. Von Beginn an sei auch die Kriminalinspektion Staatsschutz in die Ermittlungen eingebunden worden.

Wann und zu welcher Zeit jedoch Einzelheiten aus dem Verfahren und insbesondere Täterwissen der Öffentlichkeit preisgegeben würden, müsse stets – und speziell in der Anfangsphase – abgewogen werden, um einen ersten Ermittlungs- und Fahndungserfolg nicht zu gefährden. Die Entscheidung über die Einzelheiten der Veröffentlichungen treffe nicht die Polizei, sondern in erster Linie die Staatsanwaltschaft als „Herrin des Ermittlungsverfahrens“, heißt es seitens der Polizei Kassel. (use)

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