„Sophie Scholl wird häufig idealisiert“

Briefe an Sophie Scholl: Schüler erklären Jana aus Kassel die NS-Widerstandskämpferin

Wäre morgen 100 geworden: Widerstandskämpferin Sophie Scholl (1921-1943). Die Initiative „Offen für Vielfalt“ und die „Weiße Rose Stiftung“ aus München veranstalteten anlässlich ihres Geburtstags einen Schreibwettbewerb.
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Wäre morgen 100 geworden: Widerstandskämpferin Sophie Scholl (1921-1943). Die Initiative „Offen für Vielfalt“ und die „Weiße Rose Stiftung“ aus München veranstalteten anlässlich ihres Geburtstags einen Schreibwettbewerb.

Zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl wird die NS-Widerstandskämpferin von vielen instrumentalisiert - nicht nur von Jana aus Kassel. Schüler haben Scholl nun bewegende Briefe geschrieben.

Kassel – Aus Anlass des 100. Geburtstags der NS-Widerstandskämpferin Sophie Scholl am 9. Mai hat die nordhessische Initiative „Offen für Vielfalt“ mit der „Weiße Rose Stiftung“ einen Scheibwettbewerb veranstaltet: Mehr als 100 Jugendliche aus 27 Schulen schrieben einen Brief an oder über Sophie Scholl. Einer der Teilnehmer ist Julius Striegel aus Kassel. Wir sprachen mit dem 16 Jahre alten Engelsburg-Schüler.

Wie kam es, dass du Sophie Scholl einen Brief geschrieben hast?
Ich habe erst vergangenen Samstag aus der HNA von dem Wettbewerb erfahren. Ich interessiere mich ohnehin für Geschichte. Sophie Scholl war eine der bekanntesten Widerstandskämpferinnen in der dunkelsten Epoche Deutschlands. Heute gehen „Querdenker“ mit Zitaten auf die Straße, die gar nicht von ihr stammen. Auch deshalb wollte ich herausfinden, was sie uns heute noch sagen kann. Falls mein Brief veröffentlicht wird, kann ich vielleicht auch etwas aufklären über Sophie Scholl.
Habt ihr euch im Unterricht mit ihr beschäftigt?
Noch nicht. Vielleicht war sie aber im letzten Schuljahr Thema. Da habe ich ein Auslandsjahr in England verbracht.
Sophie Scholl hat im Kampf gegen Menschenverachtung und Massenmord ihr Leben riskiert. Was hat dich besonders an ihr beeindruckt?
Es war genau das. Ich finde es inspirierend, wie sie sich dafür eingesetzt hat, das Massensterben zu beenden, aus reiner Nächstenliebe. Auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung habe ich ihre Verhörprotokolle angeschaut. Vermutlich hätte sie überleben können, wenn sie die anderen verraten hätte. Aber das hat sie nicht getan – aus Überzeugung. Das ist überwältigend.
Sophie Scholl wird heute als Lichtgestalt verehrt. Vergessen wird oft, dass sie viele Jahre überzeugtes Mitglied im „Bund deutscher Mädel“ war. Ist es nicht problematisch, wenn jemand so überhöht wird?
Ja, sie wird häufig idealisiert. Das ist gefährlich. So lässt man nur einen Bruchteil des Charakters weiter leben. Tatsächlich war Sophie Scholl lange eine überzeugte Anhängerin der Nationalsozialisten. Sie hat aber eine Entwicklung durchgemacht. Vielleicht ist gerade das eine Lehre für heute. Viele sind davon überzeugt, dass sich so etwas wie im Nationalsozialismus nicht wiederholen könnte. Ich bin mir da nicht so sicher. Manche Dinge erkennt man erst mit dem Lauf der Zeit.
Warum ist sie heute so viel bekannter als ihr Bruder Hans, der die Weiße Rose gegründet hat?
Wahrscheinlich weil sie jünger war. Als junge Frau ist sie eher ein Symbol für Unschuld als ihr älterer Bruder, der als Soldat an der Front gekämpft hat. Auch wirkt Sophie auf Fotos zeitlos, irgendwie auch modern. Daher kann man sich leichter mit ihr identifizieren. Und es hat wohl auch mit der Erinnerungskultur in der Nachkriegszeit zu tun. Inge Aicher-Scholl hat mit ihrem Buch „Die weiße Rose“ den Mythos über ihre Geschwister am Leben gehalten. Das Buch erschien 1947. Hans war homosexuell. Deshalb wollte sich damals womöglich kaum jemand mit ihm identifizieren. In dieser Zeit taugte Sophie eher als Heldin.
Die AfD behauptete 2017: „Sophie Scholl würde AfD wählen.“ Die linke Aktivistin Carola Rackete meinte, sie wäre heute bei der Antifa. Was würde Sophie Scholl heute machen?
Diese Frage kann man nicht beantworten. Die Behauptung der AfD kann man allerdings gleich verwerfen. Sophie Scholl hat sich aus Nächstenliebe gegen ein menschenverachtendes Regime eingesetzt. Sie wäre heute sicher nicht in einer Partei, die wieder Hetze betreibt und andere ausgrenzt. Trotzdem finde ich es generell falsch, Sophie Scholl zu instrumentalisieren.
Dass sich Jana aus Kassel mit Sophie Scholl vergleicht, bezeichnest du als „verrückt“. Wir hätten gern auch mit ihr gesprochen, aber sie hat Interviews abgelehnt. Was würdest du ihr gern sagen?
Ich würde ihr das sagen, was ich in meinem Brief geschrieben habe: Wir leben zwar in schwierigen Zeiten, aber die sind nicht mit dem Dritten Reich zu vergleichen. Seit 75 Jahren leben wir in einer Demokratie. Wir haben Meinungsfreiheit. Darum können Kritiker der Corona-Maßnahmen die Entscheidungen der Regierung hinterfragen. Auch das ist wichtig. Aber Sophie Scholl hat sich dafür eingesetzt, dass Menschen geschützt werden und nicht sinnlos sterben. Jana macht genau das Gegenteil, wenn sie sich gegen den Infektionsschutz ausspricht.
Ein Neffe von Sophie Scholl tritt auch bei „Querdenker“-Veranstaltungen auf. Wie würde seine Tante das finden?
Davon habe ich auch gehört. Auch diese Frage finde ich schwierig. Sophie Scholl war eben eine komplexe Persönlichkeit. Man kann sich ewig mit ihr beschäftigen.
Dein Brief an Sophie Scholl endet mit dem Satz: „Ich langweile mich fürchterlich, fürchterlich ohne dich.“ Wie meinst du das?
Das ist eine Songzeile aus einem Lied von Fettes Brot. In „Hörst du mich?“ geht es auch um Sophie Scholl. Ich habe den Satz als Referenz eingebaut.

Brief von Julius Striegel an Sophie Scholl

Liebe Sophie!

Danke für Deinen letzten Brief. Hier war auch einiges los, seit ich Dir das letzte Mal geschrieben habe. Du bist jetzt wieder in aller Munde, natürlich weil Du bald deinen runden Geburtstag feiern würdest, aber auch, weil kürzlich eine Jana, die zufällig genauso wie ich aus Kassel kommt, auf einer Demo behauptet hat, sich wie Du zu fühlen.

Seit ziemlich langer Zeit breitet sich eine Viruserkrankung, Corona, weltweit rasant aus. Die Regierungen beschließen immer neue Gesetze und Verordnungen, um das Virus einzudämmen. Dadurch werden unsere Rechte eingeschränkt. Wir müssen Masken tragen in der Öffentlichkeit, es gibt nächtliche Ausgangssperren und alle Menschen sollen sich impfen lassen.

Einige Leute wehren sich dagegen, sie nennen sich Querdenker und fühlen sich in ihren Grundrechten eingeschränkt. Dazu gehört auch diese Jana. Stell Dir mal vor, sie vergleicht sich mit Dir und bezeichnet sich als Widerstandskämpferin. Ist das nicht verrückt? Wir leben seit 75 Jahren im Frieden in einer Demokratie, wir haben Meinungsfreiheit, ganz anders als Du und auch die anderen aus der Weißen Rose. Ihr hattet damals keine Redefreiheit, Ihr habt in einer Diktatur gelebt, wart im Denken und Handeln eingeschränkt, Ihr wurdet mit dem Tode bedroht. Ihr habt geschrieben: „Wir schweigen nicht, wir sind euer böses Gewissen, die Weiße Rose lässt euch keine Ruhe.“ Es ist wichtig, dass es dieses „böse Gewissen“ gibt, dass jemand kritisch hinterfragt, was passiert. Aber es ist doch nicht vergleichbar, ob man seine Meinung im Angesicht des Todes vertritt, oder ob man sie in den sozialen Medien herausprustet. Wie kann man ein Gesetz zum Infektionsschutz mit dem Ermächtigungsgesetz von 1933 vergleichen, mit dem alle Parteien außer der NSDAP verboten wurden, das einem einzelnen Mann die unumschränkte Macht gegeben hat, das die Freiheit eines jeden einzelnen aufgelöst hat?

Wie ein katholischer Bischof einmal sagte, wird „politischer Widerstand da notwendig, wo für legale Opposition kein Platz mehr ist.“ Aber was bedeutet Opposition eigentlich? Das Wort stammt von dem lateinischen „oppositio“ und bedeutet „das Entgegengesetzte“. Es bedeutet, eine Meinung zu äußern, die nicht der Meinung der Herrschenden entspricht. In Deutschland ist das heute erlaubt, und zwar auf vielen verschiedenen Ebenen, beispielsweise in der Politik. Aber auch außerhalb der Parlamente ist Opposition möglich, etwa durch Bürgerinitiativen. Hier in Kassel setzen sich viele Menschen dafür ein, dass eine fahrradfreundlichere Verkehrspolitik gemacht wird, obwohl diese Menschen nicht in ein Parlament gewählt wurden. Ich finde es wichtig, dass so etwas möglich ist. Denn es ist in jeder Gesellschaft wichtig, dass das System kritisch hinterfragt wird und werden darf.

Natürlich hat auch Jana das Recht, ihre Meinung zu sagen, und es ist auch gut, dass sie das hat, denn das ist das Recht zur Opposition. Ihr konntet nicht legal gegen das NS-Regime vorgehen, Euch war die Opposition verwehrt. Daher blieb Euch nur die Möglichkeit zum politischen Widerstand. Ob man den legalen Weg verlassen darf, ist eine Entscheidung des Gewissens. Wenn man diese Entscheidung treffen will, muss man sein Gewissen bilden und für seine Entscheidung die Verantwortung tragen. Ihr musstet in den Untergrund gehen, Ihr konntet nur euch selbst vertrauen und habt mit jedem eurer Flugblätter euren Kopf riskiert. In einer solchen Situation Widerstand zu leisten, das erfordert den Mut, den Du hattest, und der Dich heute noch zu einem Vorbild macht.

Rosa Luxemburg sagte einmal, dass die Freiheit immer die Freiheit der anders Denkenden sei. Du hattest diese Freiheit, anders zu denken, nicht. Wir haben sie heute fast uneingeschränkt.

Du musstest dein Gewissen bilden und Mut beweisen. Ich hoffe, dass ich auch diesen Mut aufbringen würde, und diese richtige Gewissensentscheidung treffen würde, wenn ich in eine Situation gerate, in der ich ein Unrecht erkenne, aber Nachteile fürchten muss, wenn ich meine Stimme erhebe oder einschreite.

Ich langweile mich fürchterlich, fürchterlich – ohne Dich

Dein Julius

Brief von Jana aus Stuttgart an Sophie Scholl

Liebe Sophie

Mein Name ist Jana. Ich bin 16 Jahre alt und komme nicht aus Kassel, sondern aus Stuttgart. Dies ist jedoch nicht der einzige Unterschied zur 22-jährigen Querdenkerin namens Jana, die sich Ende November letzten Jahres bei einer Corona-Demo in Hannover mit Dir verglichen hat. Einfach nur, weil sie seit Monaten damals im „Widerstand“ gegen die Beschränkungen in der Corona-Pandemie aktiv sei. Für mich völlig indiskutabel! Der amtierende Außenminister Heiko Maas fand in einem Tweet dafür folgende Worte: „Wer sich heute mit Sophie Scholl (…) vergleicht, verhöhnt den Mut, den es brauchte, Haltung gegen die Nazis zu zeigen. Das verharmlost den Holocaust und zeigt eine unerträgliche Geschichtsvergessenheit“. Da kann ich mich nur anschließen, denn nichts verbindet meiner Ansicht nach Corona-Protestler mit Widerstandskämpferinnen wie Dir. Dieser Vergleich mit Dir machte mich fassungslos. Wie gut, dass sich in unserem System führende Politiker so offen davon distanzierten! Das gab es zu Deiner Zeit nur eingeschränkt, denn man musste mit erheblichen Repressalien rechnen und setzte sein Leben bzw. das von Familienangehörigen aufs Spiel!

Dass sich diese Jana wie Du fühlt, ist meiner Ansicht nach absurd. Dein Vorgehen gegen das Nazi-Regime in der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ unter Einsatz Deines Lebens ist nicht im Geringsten zu vergleichen mit dem Leben in der heutigen BRD. Wie gesagt, für mich unerklärlich, wie man so etwas behaupten kann.

Musste sie im Geheimen agieren? Nein, sie hatte eine öffentliche Plattform. Kam im Anschluss an die Kundgebung die Geheimpolizei, um sie abzuholen? Nein, sie konnte weiterhin medienwirksam ihre Aussagen wiederholen. Musste sie gar ihr Leben lassen? Nichts von alldem trifft zum Glück zu, denn wir leben in einer gut funktionierenden Demokratie, wofür ich sehr dankbar bin.

Sie lebt in einer Demokratie und kritisiert Maßnahmen, welche die Bevölkerung vor dem Coronavirus schützen sollen. Ihren „Widerstand“ gegen die Beschränkungen in der Corona-Pandemie als einen Widerstand gegen ein neues „Drittes Reich“ zu deklarieren, unglaublich. Damit ignoriert sie, was Ihr als Opfer des Nazi-Terrors tatsächlich erlitten habt. Damals bei Euch war die leiseste, selbst im privaten Umfeld geäußerte Kritik an Hitler, seiner Ideologie, seinem Handeln oder seinen Plänen lebensgefährlich. Die Gestapo versuchte die Gedanken der Bürger bis in die Familien hinein zu kontrollieren. Trotzdem wagten es wenige Menschen wie Ihr, dem Unrechtsregime zu widersprechen - und noch weniger versuchten gar, es zu beseitigen. Im Hinblick auf diese Jana ist ein selbstgewählter Abbruch der eigenen Rede oder ein Shitstorm im Netz zwar unangenehm, aber eben nicht tödlich.

Für diese Selbstbezüglichkeit hagelte es zum Glück viel Kritik, Empörung und auch Häme, aber eben nicht nur. Unter den Querdenkern sympathisieren zahlreiche mit dieser jungen Frau und feierten sie als Aktivistin. „Nichts ist eines Kulturvolks unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen (…) Herrschaftsclique regieren zu lassen“. Diesen aus dem Kontext herausgenommenen Anfangsworten Eures ersten Flugblattes vom Juni 1942 würden sich sicherlich heute viele Menschen aus den Reihen der Querdenker bedienen, wenn es darum ginge einen Aufruf gegen das „Merkelregime“ zu starten. Sie fühlen sich als isolierte Minderheit in einer überwältigenden Mehrheit von Regimeanhängern. Sie sind in allen gesellschaftlichen Gruppierungen anzutreffen und zeigen ein breites Spektrum von Aktivitäten und Formen. Damit hören die vermeintlichen Parallelen in diesem absurden Vergleich aber auch schon auf.

Natürlich ist gesunde Skepsis gegenwärtig angebracht. Niemand von uns sollte Regierungsbeschlüssen blind folgen. Vor allem, wenn es um unsere Grundrechte geht, ist höchste Aufmerksamkeit geboten. Dafür sind Du und Deine Mitstreiter bereits damals eingetreten und das hat auch heute noch oberste Priorität.

Und selbstverständlich gilt auch für Positionen, die aus meiner Sicht jenseits der Basis des wissenschaftlichen Konsenses und der Mehrheit der Bevölkerung liegen, das Recht auf Meinungsfreiheit. In einer offenen Gesellschaft ist es ja geradezu erwünscht, dass es eine lebhafte Debatte (über die Regierung) gibt. Experten und Politiker haben in dieser Krisenzeit viel richtig gemacht, aber eben auch eklatante Fehler begangen, wie wir alle wissen. Der uneinheitliche Schlingerkurs was Schulen anbelangt, ist nur einer davon.

Demonstrationen und Kundgebungen gehören also als Antwort richtigerweise dazu. Dass diese Veranstaltungen momentan bei mir einen verstörenden Eindruck hinterlassen, liegt also nicht an ihren Themen. Wer aber den Grundkonsens aufgibt, dass die Politiker nach der besten Lösung für uns alle suchen, gefährdet unsere repräsentative Demokratie. Richtig gefährlich werden diese abweichenden Meinungen dann, wenn dadurch das Vertrauen in die politischen Institutionen insgesamt verloren geht. Demnach ist es unser aller Aufgabe zu verhindern, dass unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung angegriffen wird und Populisten zu Gewinnern in dieser Krise werden. Skepsis und abweichende Meinungen sind mehr als legitim, gefährlich wird es aber dann, wenn sie als alleinige Richtschnur für das Handeln von uns allen gelten. Dem muss man mutig entgegentreten, nicht nur in Krisenzeiten.

Alle bisher ergriffenen Corona-Maßnahmen basieren in unserem parlamentarischen System auf strittigen Beratungen und es wurde oftmals hart um die Ergebnisse gerungen. Außerdem müssen sich die demokratisch legitimierten Funktionsträger auf allen Ebenen des politischen Systems, u.a. in diesem Sommer im Bund, für ihre Beschlüsse und Entscheidungen in demokratischen Wahlen verantworten. Natürlich gab und gibt es Streit über die Maßnahmen bzw. deren Dauer. Nicht alle leuchten immer ein, sodass jeder von uns bei Kundgebungen und Demonstrationen, in Interviews, im persönlichen Austausch hierzu Stellung beziehen kann oder auch die freie Presse. Aber es stellt für mich eine Anmaßung dar, sich hierbei als unterdrückte Minderheit auszugeben oder gar den Vergleich mit Euch als Widerstandskämpfern im Dritten Reich heranzuziehen. Was mich ebenfalls empört sind bewusst oder unbewusst gesetzte „Achtlosigkeiten“ im Sprachgebrauch. Wörter wie „Ermächtigungsgesetz“ oder „Gesundheitsdiktatur“ im Zusammenhang mit dem Infektionsschutzgesetz lassen mich erschrecken und sind für mich schlichtweg als demagogisch einzustufen. Davon muss sich in aller Form distanziert werden und man kann so etwas öffentlich und privat nicht durchgehen lassen.

Ich persönlich zähle mich zu dieser demokratisch gesinnten Mehrheit, die den Meinungsstreit hochhält, sich in Debatten einklinkt und aber eben auch Wissenschaftler und Experten zu Wort kommen lässt und deren Sicht berücksichtigt. Ich unterstelle weiterhin den Politikern, dass sie als handelnde Personen das Gemeinwohl im Blick haben. Zum Glück gilt diese Auffassung noch für einen Großteil der Bevölkerung. Zudem will ich die Querdenker-Bewegung auch nicht größer und relevanter machen, als sie ist. Anstatt sich jedoch nur zu empören, muss man solchen Mitmenschen mit einem Faktencheck begegnen.

In diesen konstruktiven Streit mit Andersdenkenden einzutreten, bin ich bereit, mit Toleranz und einer klaren Haltung nicht nur zum aktuellen Geschehen, sondern auch zu dem System, in dem wir leben. So verstehe ich Demokratie, das ist mein Demokratieverständnis. Ich hoffe, dies ist auch in Deinem Sinne.

Happy Birthday, liebe Sophie

Deine Jana

Brief von Marla aus Konstanz an Sophie Scholl

Liebe Sophie!
Stell dir vor, wenn alles normal verlaufen wäre, wärst du nun 100 Jahre alt.
Wie sich das anhört: 100 Jahre! Vielleicht säßest du gerade in einem quietschenden Schaukelstuhl und würdest deinen Enkeln, nein wahrscheinlich schon deinen Urenkeln, beim Spielen zusehen.
Ich gehe auf eine Schule, die den Namen von dir und deinem Bruder trägt, die „Geschwister-Scholl-Schule“.
In der Aula steht sogar ein Bild von dir und deinem Bruder Hans. Oft laufe ich daran vorbei und bewundere dich. Dann denke ich, - wow, wie ihr gegen den Gruppenzwang angekämpft habt und wie jede einzelne Stunde, nein, jede einzelne Minute angsterfüllt gewesen sein muss.
Diese Furcht, gleich verhaftet zu werden oder aufzufliegen! Schrecklich!
Dass ihr alles, was auf euch zu kommen sollte nicht einfach so in Kauf genommen, sondern es auch durchdacht habt. Und da sieht man, dass es gut ist, wenn mal nicht alle nach der gleichen Pfeife tanzen!
Danke. Das wollte ich dir schon immer einmal sagen. Danke für alles. Danke dafür, dass wir so leben können, wie wir es heute tun. Danke an alle, die Widerstand geleistet und dafür gesorgt haben, dass das Ganze ein Ende nahm. Dieser Hass und dieser Krieg!
Vielleicht beruhigt dich das etwas, wenn ich dir sage, dass du und Hans nicht umsonst gestorben seid. Durch euer Verhalten habt ihr andere zum Nachdenken gebracht und somit auch den Lauf der Dinge geändert. Ihr seid für viele auch heute noch ein Vorbild.
Wenn alles so weiter gegangen wäre, würde ich wahrscheinlich nicht leben. Ich wäre einfach nicht da, würde nicht existieren und nie existiert haben.
Ich stände in keinem Namensverzeichnis und in keiner Liste, da mein Vater ein dunkelhäutiger Ausländer ist. Meine Eltern – und ich wette, auch noch viele andere- hätten sich noch nicht einmal kennen lernen dürfen. Dann hätten sie auch nicht existiert, zumindest nicht als Paar.
Dieser Rassismus und das Dritte Reich, was für eine abscheuliche Idee!
Ich muss dir leider sagen, dass manche Leute immer noch rassistisch denken. Das steckt manchen immer noch in den Köpfen, zum Beispiel wurde in Amerika ein Dunkelhäutiger von einem weißen Polizisten umgebracht. Ihm wurde die Luft abgedrückt, obwohl er mehrmals sagte: „I can´t breath!“ Daraus entwickelte sich die „Black Lives Matter“-Bewegung, in der auf Rassismus aufmerksam gemacht wird.

Ich meine, was haben Ausländer denn Schlimmes getan? Nichts!

Das sind Menschen, wie du und ich. Es gibt gute und weniger gute, mit all ihren Gefühlen, Wünschen, Talenten und Träumen.
Was für ein Verbrechen!


Dank, dass ihr ihnen die Augen geöffnet, und gesagt habt: „Hey, merkt ihr eigentlich was hier abgeht?“ Oder naja, ihr habt es nicht direkt gesagt, eher geschrieben, auf euren Flugblätter.

Wie war das eigentliche, die Zettel heimlich in der Schule zu verteilen?
Was ihr für eine Furcht gehabt haben müsst…

Ihr, Hans und du und die ganze Weiße Rose, wart ein kleines Teil vom Ganzen der Veränderung.
Ich habe dir doch von dem Bild in der Aula, mit dir und deinem Bruder, erzählt. Dieses Bild besteht aus lauter kleinen Bildchen von Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern.
Denn so ist es, jeder von uns ist ein kleines Teil vom Ganzen!

Ich hoffe, dass ich in schwierigen Situationen meine Meinung genauso gut vertreten kann und ebenso viel Mut haben werde wie du, Sophie!

Ruhe in Frieden.

An dich denkt

Marla

(Matthias Lohr)

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