Training für den Puffer im Kopf

Hochschulambulanz der Uni übt Sozialverhalten mit auffälligen Auszubildenden

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Ratschläge vom Meister: Lehrlinge müssen auch im sozialen Umgang fit sein, wenn sie die Ausbildung schaffen wollen.

Kassel. Nicht nur die Leistung spielt in der Lehre eine Rolle. Auch das Sozialverhalten muss stimmen, damit man es bis zum Abschluss schafft. Junge Menschen, denen es schwerfällt, die eigenen Gefühle im Zaum zu halten, und die immer wieder mit ihrem Meister oder den Berufsschullehrern aneinandergeraten, brechen die Ausbildung häufig ab.

In einem Pilotprojekt hat die Psychotherapeutische Hochschulambulanz der Uni Kassel jetzt mit Auszubildenden des Berufsbildungswerks Nordhessen (BBW) deren Sozialverhalten trainiert.

18 junge Erwachsene, die eine Lernbehinderung haben, in ihrer Ausbildung aber vor allem wegen ihres Sozialverhaltens auffällig geworden sind, nahmen ein Jahr lang an Gruppentrainings teil. Zusätzlich bekam ein Team aus Meistern, Berufsschullehrern und Sozialarbeitern des BBW Supervision. Die Lehrlinge hatten mit Wutausbrüchen, aggressivem Verhalten, ständigen Regelverstößen, aber auch häufigen Krankschreibungen ihren Ausbildungsbetreuern Kopfzerbrechen beschert, berichtet Agnieszka Unger, Psychotherapeutin und Geschäftsführerin der Hochschulambulanz. Sie hat das Projekt „Mentalisierende Berufsausbildung“ geleitet.

Keine Frage der Intelligenz 

Agnieszka Unger

„Unsere Vermutung war, dass die Probleme nicht in erster Linie mit mangelnder Intelligenz zu tun haben, sondern vor allem mit der fehlenden Fähigkeit, die eigenen Affekte zu regulieren“, sagt Unger. Die Psychologen sprechen dabei von Mentalisierungsfähigkeit. Wer mentalisieren kann, ist in der Lage, das eigene Verhalten und das Verhalten anderer mit jeweils zugrunde liegenden Gefühlen oder Absichten zu verbinden, erklärt Prof. Cord Benecke, wissenschaftlicher Leiter der Hochschulambulanz: Wie könnte es dem anderen gehen und warum verhält er sich so? „Das kann man sich wie eine Art mentalen Puffer vorstellen“, sagt Benecke. Er nennt ein Beispiel: Wenn der Meister mal grußlos am Lehrling vorbeigeht, muss das nicht heißen, dass er ihn geringschätzt oder nicht leiden kann. Er kann auch gerade gedanklich mit etwas anderem beschäftigt sein. Ein Azubi, der diese Möglichkeit gar nicht in Betracht zieht, könnte durch das Verhalten aber gleich wütend oder frustriert werden - und dann als Reaktion bocken.

Cord Benecke

„Im Training ging es darum, dass die Jugendlichen lernen, einen Puffer zwischen ihre spontanen Gefühle und Reaktionen zu schieben“, sagt Agnieszka Unger. „Dabei sollen sie im Moment des Affekts noch mal hinterfragen, was los sein könnte.“ Dies wurde gemeinsam in der Gruppe geübt.

Noch steht nicht fest, wie nachhaltig das Training gewirkt hat. „Jedenfalls wollten die meisten Teilnehmer, dass es weitergeht“, sagt Unger. Die Psychologen wollen im weiteren Verlauf untersuchen, ob für die Teilnehmer die Chance steigt, ihre Ausbildung erfolgreich zu Ende zu bringen.

An einer Kooperation interessierte Ausbildungsinstitutionen können sich bei der Hochschulambulanz melden: Tel. 0561 - 804 7578.

Von Katja Rudolph

 

Hintergrund

Die Psychotherapeutische Hochschulambulanz ist am Institut für Psychologie der Uni Kassel angesiedelt. Sie wurde vor zwei Jahren an der Moritzstraße 2a eröffnet. Seitdem wurden dort über 100 Erwachsene und 13 Kinder und Jugendliche behandelt.

Insgesamt fünf Psychotherapeuten arbeiten in der Ambulanz nach den drei Verfahren Psychoanalyse, Tiefenpsychologische Therapie und Verhaltenstherapie mit den Patienten. Die Therapiegespräche und Behandlungsverläufe werden zu Forschungszwecken dokumentiert. (rud)

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