„Privat organisierter Terror“

Ex-Freundin über Jahre gestalkt: Jetzt ist das Urteil gefallen

Verurteilt: Drei Männer aus Kassel haben lange Haftstrafen bekommen. Sie waren der Polizei bereits bekannt.
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Kassel: Das Urteil im Stalker-Prozess um Joachim G. ist gefallen.

Jahrelang hat ein Mann aus Kassel seine Exfreundin gestalkt. Das Gericht sprach von "Terror“.

Kassel - Weil er seine Exfreundin über Jahre gestalkt hat, ist der 56-jährige Joachim G. aus Kassel nun verurteilt worden. Das Gericht berücksichtigte dabei die emotionale Belastung des Angeklagten.

„Ich bin froh, dass er keine Bewährungsstrafe bekommen hat. Aber ich denke, dass er Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen wird“, sagte Maria Meier (Name von der Redaktion geändert) am Freitagnachmittag, nachdem ihr ehemaliger Lebensgefährte Joachim G. (56) vor dem Kasseler Amtsgericht wegen Nachstellung in drei Fällen (mehrere angeklagte Fälle wurden zusammengefasst) und Anstiftung zur Brandstiftung in zwei Fällen zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden ist.

Die zwei jungen Männer, die angeklagt waren, im Auftrag von G. die Autos von der Tochter und eines Bekannten von Maria Meier anzuzünden, kamen glimpflicher davon. Ein 23-Jähriger wurde wegen Brandstiftung in zwei Fällen zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Der 22-jährige Angeklagte wurde sogar freigesprochen. Die Verhandlung hatte ergeben, dass er wohl nur die anderen Täter zu den Brandorten gefahren hatte. „Es ist wahrscheinlich, dass Sie etwas gewusst haben, aber für eine Verurteilung reicht das nicht. Auch wenn ein gewisser Beigeschmack bleibt“, so Richter Tilman Fehlig bei der Urteilsbegründung.

Ex-Freundin über Jahre gestalkt: Joachim G. beauftragte Angestellte

Bei dem Hauptangeklagten Joachim G. sah das Gericht aufgrund der Schwere, der Vehemenz und der Langwierigkeit seiner Taten keine Möglichkeit, ihn zu einer Bewährungsstrafe zu verurteilen, die sein Verteidiger Thomas Hammer gefordert hatte.

Über drei Jahre habe Joachim G. seine Angestellten damit beauftragt, seine ehemalige Lebensgefährtin und deren Umfeld mit „skrupellosen und empathielosen Aktionen“ zu schädigen, so der Richter. Neben den beiden Autos, die angezündet worden waren, wurden an etlichen Fahrzeugen die Reifen zerstochen, die Autos mit Farbe übergossen und anonyme diffamierende Schreiben verschickt. G. habe alles dafür getan, um ein Klima der Angst und Bedrohung bei seiner Exfreundin und ihrem Umfeld aufzubauen. Die Opfer litten bis heute unter den Folgen. „Sie haben einen privat organisierten Terror ausgeweitet, der von außen schwer nachvollziehbar ist“, so Fehlig.

Maria Meier hatte sich Mitte 2015 von Joachim G. getrennt. Ein Jahr zuvor waren seine beiden Söhne freiwillig nach Syrien ausgewandert, um dort für den Islamischen Staat zu kämpfen. Fast alle deutschen Medien berichteten ausführlich über das Schicksal des 56-Jährigen, der damals noch in Kassel lebte. Mittlerweile lebt Joachim G. mit einer neuen Partnerin und zwei kleinen Kindern in Zierenberg und betreibt im Landkreis Kassel ein Lokal.

Zu einer Haftstrafe verurteilt: Der 56-jährige Joachim G. gestern vor dem Kasseler Amtsgericht. (Zeichnung)

Gericht berücksichtigt emotionale Belastung von Joachim G.

Die emotionale Belastung, der er durch das Handeln seiner beiden erwachsenen Söhne ausgesetzt worden ist, berücksichtigte das Gericht bei der Urteilsfindung. Seine Wut und Enttäuschung habe er in der Folge auf seine ehemalige Lebensgefährtin gerichtet.

Aber nicht nur das. Sogar eine Ermittlungsbeamtin der Polizei kam in den Fokus von Joachim G. Die Polizistin erzählte gestern im Zeugenstand, dass sie bei der Auswertung der Datenträger, die bei der Durchsuchung von G.s Wohnung und Firma sichergestellt worden waren, Fotos ihrer eigenen Tochter und ihres Hundes gefunden hatte. Zudem habe sie einen Chatverlauf entdeckt, in dem G. einen IS-Rückkehrer aus Wien damit beauftragt habe, Informationen über ihre Tochter zu sammeln. Die Ermittlerin, der G. zuvor Geheimnisverrat unterstellt und Ermittlungsfehler vorgeworfen hatte, wurde daraufhin von dem Fall abgezogen. Das Polizeipräsidium veranlasste, dass sie überwacht wird, um sie zu schützen.

G. hatte am Morgen in einer persönlichen Erklärung bei allen Beteiligten um Entschuldigung gebeten. Unter Tränen sagte er, dass er in so einen „Tunnel reingeraten“ ist, nachdem seine Söhne weg waren. Deshalb habe er einen Hass auf seine ehemalige Lebensgefährtin bekommen, obwohl sie gar nichts dafür konnte. Jetzt, nachdem er seine beiden Söhne in Syrien getroffen habe und er eine Therapie mache, gehe es ihm wieder besser. (Ulrike Pflüger-Scherb)

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