Blick in vergangene Welten

Blick in vergangene Welten: Kassels alte Bunker haben ausgedient

Kassel. Alte Bunker werden zunehmend verkauft, da für viele der 2000 Anlagen in Deutschland seit einer Gesetzesänderung der Zivilschutz aufgehoben wurde. In Kassel stehen sechs Bunker zum Verkauf.

Was viele nicht wissen: Auch die Tiefgarage der Kurfürstengalerie sollte im Ernstfall Schutz für Menschen bieten – eine Spurensuche. Der Mann der hundert Schlüssel findet an seinem Bund auch für den Gitterkäfig einen passenden Türöffner. Peter Bobel, Haustechniker, kennt die Ecken und verschlossenen Türen des Parkhauses der Kurfürstengalerie, die auf die weniger bekannte Funktion der Stellflächen hinweisen – die als Schutzraum. Der 44-jährige Haustechniker öffnet die Gittertür des Verschlags im Westteil des dritten Untergeschosses. Dahinter stapeln sich Kartons. Licht gibt es nicht. „Das sind Campingklos drin“, sagt Bobel. Ein Eimer, eine Brille, eine Tüte zum Entsorgen – Dutzende davon stehen dort herum. Zum Einsatz gekommen sind sie aber nie. 

Hintergund

Änderung der Gesetze: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) hat seit dem Wegfall der Bedrohung des Kalten Krieges für viele der rund 2000 bundesweiten Bunker den Zivilschutz aufgehoben. Die Bundesanstalt für Immobilien verkauft die Bunker, wie derzeit in Kassel. Neben dem Schutzraum in der Kurfürstengalerie hätten rund 1000 Menschen beispielsweise im Bunker im Weinberg und bis zu 4000 Menschen im Bunker unter dem Hauptbahnhof Schutz gefunden. (mho)

Nie benutzte Aufgänge Genauso wenig wie die 30 zentimeterdicken Bunkertore aus Stahlbeton, die sich im Fall eines Bombenangriffs vor die Auf- und Abfahrten der zweiten und dritten Etage geschoben hätten. „6800 Menschen hatten hier Platz“, sagt Joachim Gries. Brandamtsrat und Einsatzleiter des Zivil- und Katastrophenschutzes Kassel. 1989 begann der Bau der Kurfürstengalerie. Vorgesehen war auch die Nutzung der Tiefgarage als Schutzraum. Das erste Parkdeck diente dabei als Puffer. Wenn eine Bombe auf das Gebäude gefallen wäre, hätte das Deck die Trümmer aufgehalten. Das zweite und dritte Parkdeck hätten Schutz vor radioaktiver Strahlung, chemischen und biologischen Gefahren geboten, sagt der 55-jährige Gries. Haustechniker Bobel ist schon zum nächsten Raum geeilt – vorbei an Wasseranschlüssen, die an der Decke zu sehen sind. „Darunter hätte man Waschrinnen aufgebaut“, sagt Gries. Vorbei an Stromanschlüssen, wo Küchen aufgestellt worden wären. „Man hätte hier ein Krankenhaus mit mobilem OP aufgebaut“, sagt Bobel. Mit zwei Wochen Vorlauf hätte man rechnen müssen, um alles in Gang zu setzen. Doch seitdem die Bundesregierung für viele Bunker und Gebäude den Zivilschutz aufgehoben hat, wurde viel der Ausstattung verkauft. „Das mobile Krankenhaus ging nach Afghanistan“, sagt Bobel. Geblieben sind zwei alte, jungfräuliche Dieselaggregate mit 100 PS. 

Bobel bleibt bei der Tour über die Parkdecks an einem Aufgang stehen. „An jeder der Treppen sind Schleusen“, erklärt er. Die Schleuse ist der Raum, den man durchquert, wenn man vom Treppenhaus auf das Parkdeck geht. Zwei Türen verbinden den Raum. Eine davon wäre beim Einlass von Menschen immer geschlossen gewesen. Durch das Belüftungssystem und Überdruck im Schleusenraum wären giftige Stoffe nicht in den Schutzraum gekommen, erklärt Gries. Zurück auf dem ersten Parkdeck, öffnet der Haustechniker eine weitere verschlossene Tür. Es geht einen schmalen Gang entlang, an dessen Ende eine Treppe steht. „Die führt hoch zur Kölnischen Straße, vor die Kurfürstengalerie“, sagt Bobel Der Aus- bzw. Eingang nach draußen ist durch eine Betonplatte versperrt. Bei einer Evakuierung hätte ein Kran die Platte entfernt und Tausende Menschen wären in die unteren Bereiche gelangt – und damit in Sicherheit. 

Essensmarken hinter Mauern 

Im Bunker an der Ahrensbergstraße verbirgt sich ein kleiner Schatz. Wie viel Lebensmittelkarten und Bezugsscheine in einem der Räume des ehemaligen Führungsbunkers an der Ahrensbergstraße lagern, weiß Joachim Gries, Brandamtsrat der Feuerwehr Kassel, nicht. Die Regale in dem kleinen Raum im Inneren des Bunkers sind aber vollgestellt. „Wenn es zu einer Katastrophe gekommen wäre, hätte die Behörde mit den Lebensmittellkarten rationiert Essen an die Bürger verteilen können“, sagt Gries. „Irgendwie muss man ja Plünderungen verhindern.“ Seit wann die Karten in Päckchen verpackt dort lagern, weiß Gries nicht.

Eine Aufschrift auf einem der Päckchen gibt aber einen Hinweis: „Inhalt acht Blocks Bezugsscheine. Gepackt am 19.10.1979.“ Auf den Lebensmittelkarten sind verschiedene Einheiten angegeben: Fett 5 g, Brot 50 g, Käse 25 g. Die Lebensmittelkarten wären im Katastrophenfall an die Bevölkerung verteilt worden. Mit den Bezugsscheinen wäre der Empfang der Lebensmittel protokolliert worden, vermutet Gries. „Die sind im Ernstfall auch weiterhin gültig und damit bares Geld wert“, sagt er. Laut Gries ist der Bunker jetzt verkauft worden. Deshalb müssen die Räume, die vom Deutschen Roten Kreuz bisher genutzt wurden, geräumt werden.

Von Max Holscher

Bilder aus den Bunkern

Alte Bunker in Kassel

Rubriklistenbild: © Max Holscher

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