Unterwegs in Zimmermannstracht

Ein besonderer Sänger: Straßenmusiker Philipp Hoffmann spielt politische Volkslieder

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Oft im Kasseler Westen unterwegs: Straßenmusiker Philipp Hoffmann auf dem Wehlheider Platz. Mit einer mehr als 80 Jahre alten Harmonika mit Helikonbass.

Kassel. Oft trägt er seine Zimmermannstracht, dazu schwere Stiefel. Wenn Philipp Hoffmann in Kassel unterwegs ist, dann fällt er auf: nicht nur durch die Kleidung, sondern vor allem durch seinen Gesang.

„Sonst bin ich ja nichts“, sagt Hoffmann. Er hat mehrere Ausbildungen begonnen, aber abschließen konnte er keine. „Alles, was ich damals angefangen habe, ist gescheitert“, sagt er. Grund ist Hoffmanns Sehbehinderung – mittlerweile sieht der junge Mann weniger als drei Prozent und gilt damit als blind. Die Beeinträchtigung seines Sehvermögens begleitet ihn bereits seit seiner Geburt, aber über die Jahre hat sie sich verschlimmert. Der 31-Jährige ist in Harleshausen aufgewachsen. Seit sieben Jahren verdient er sein Geld als Straßenmusiker.

Der Zimmermannsberuf hat Hoffmann immer Spaß gemacht, aber am Ende sei es zu gefährlich gewesen, ihn auszuüben. Die Tracht seiner Zunft trägt er trotzdem noch, aber eben auch, weil sie zu seiner Musik passt. Hoffmann spielt nämlich vorwiegend alte Volkslieder, die von Handwerkern und Arbeitern gesungen wurden. Mit seinen Liedern tritt er auch auf.

Besonders ältere Menschen sind begeistert, wenn sie Lieder hören, die sie noch von früher kennen. Da es schwer ist, an die Texte zu kommen, hat Hoffmann das Arbeitermusikarchiv gegründet. In seiner Wohnung hat er dafür mehr als 15 000 Schallplatten, 1000 CDs und 3000 Liederbücher gesammelt. Auf die Frage, ob er ein Lieblingslied hat, antwortet Hoffmann ungern. Zu seinem Repertoire zählen mehr als 1000 Stücke. Von denen kennt er nach eigener Aussage zwar nicht alle Strophen, aber zumindest die ersten drei. „Mein Lieblingslied ist dann eben das, was ich gerade spiele“, sagt er.

Das Harmonikaspielen hat er sich selbst beigebracht. Damit setzt er eine Familientradition fort, denn sein Urgroßvater und sein Großvater haben das Instrument ebenfalls gespielt. Einige ihrer Instrumente besitzt Hoffmann noch. Nachdem er die Zimmermannslehre abbrechen musste, hat er dann eine professionelle Musikausbildung an der Blindenanstalt in Nürnberg gemacht – zum staatlich geprüften Laienmusiker.

Meistens spielt Hoffmann auf seiner Harmonika und singt dazu. Manchmal hat er auch noch eine Mundharmonika oder eine Trompete dabei – zuhause hat er aber noch viele andere Instrumente.

Begonnen hat der junge Mann mit den lockigen Haaren seine Straßenmusiker-Karriere beim Wochenmarkt auf dem Wehlheider Platz. Aber zu oft spielt er auch nicht an einer Stelle. „Es soll ja nicht heißen: Der schon wieder. Sondern eher: Wann kommt er denn mal wieder?“, sagt er. Mittlerweile ist Hoffmann aber auch mit dem Zug rund um Kassel unterwegs. Er spielt auf Märkten oder unterstützt mit seinen politischen Liedern bei Streiks.

Was die Musik für ihn ausmacht? „Gesang und Musik sind mein Leben – wenn ein Sinn geschwächt ist, dann ist es ein Geschenk, dass die übrigens Sinne dafür ganz besonders ausgeprägt werden“, sagt Hoffmann. „Es ist schön, wenn das dann auch andere so wahrnehmen.“

www.harmonica-amuk.jimdo.com

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