Sozialarbeiter wünschen sich rechtliche Absicherung

Kasseler Streetworker über die Diskriminierung von Drogenabhängigen: "Wir fordern Hilfe für alle"

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Einer der Treffpunkte: Der Platz vor der Reuter-Schule an der Schillerstraße wird seit Jahren regelmäßig von Mitgliedern der Kasseler Alkohol- und Drogenszene aufgesucht. 

Die Drogenhilfe Nordhessen hatte Sozialarbeiter aus ganz Deutschland zu einem Treffen geladen. Wir sprachen mit Initiator Timo Eichel über das Treffen und die Drogenszene in Kassel.

Am Wochenende fand in Kassel ein bundesweites Treffen von Straßensozialarbeitern für Erwachsene statt. Eingeladen hatte die Abteilung „Straßenarbeit mit Schlichtungsfunktion“ der Drogenhilfe Nordhessen, die das Treffen zum vierten Mal ausgerichtet hat. 

Wir sprachen mit dem Organisator, dem Kasseler Streetworker Timo Eichel.

Das Thema Ihrer Tagung lautete Diskriminierung – ist das ein aktuelles Problem bei Ihrer Arbeit?

Nein, Diskriminierung hat immer stattgefunden und findet statt. Die Frage, die wir uns gestellt haben: Wie sehr ist mir das als Fachkraft bewusst? Ich muss mich auch fragen, wo mein eigenes Handeln zu einer Benachteiligung führt. Es darf ja nicht vergessen werden, dass ein Großteil der Sozialarbeiter nicht aus der Schicht des Klientels kommt. 

Wenn man benachteiligten Menschen hilft, ist das immer auch eine Machtposition. Das muss mir bewusst sein. Es gibt auch versteckte Diskriminierung etwa vonseiten der Behörden und Institutionen. Simples Beispiel: Wenn jemand aus der Szene einen Brief vom Jobcenter oder vom Gericht bekommt, dessen Inhalt er nicht annähernd versteht, weil es zu kompliziert formuliert ist, ist das auch diskriminierend.

Was kann man dagegen tun?

Es ist wichtig, Diskriminierung zu benennen, um überhaupt ein Bewusstsein zu schaffen. Man muss sich des Machtgefälles bewusst sein und bei sich selbst anfangen. Ein Mensch, der Drogen nimmt und krank ist, wird sich kaum zur Wehr setzen. Aber die Sozialarbeiter haben die Möglichkeit, für ihn zu sprechen.

Welches sind die vordringlichen Probleme in Kassel?

Timo Eichel, Drogenhilfe Nordhessen.

Das ist die Wohnraumknappheit, die viele Klienten in schlechte Wohnsituationen zwingt, und die damit verbundene Obdachlosigkeit. Das kann man übrigens auch unter den Aspekt Diskriminierung fassen. Die Not und Diskriminierung geht ja sogar über die Obdachlosigkeit hinaus. Beispielsweise können EU-Bürger ohne Leistungsanspruch, also ohne Grundsicherung, keine Notschlafstelle in Anspruch nehmen. Es gibt andere Städte, wie Köln, wo alle versorgt werden, unabhängig von ihrem Status. Bei uns fallen viele, die auf der Straße leben, ganz hinten runter.

Und die Lösung?

Es sollte Angebote geben, die nicht an eine Finanzierung geknüpft sind. So könnte man sich um akute Obdachlosigkeit kümmern, unabhängig von der Nationalität eines Betroffenen. Dass nichts passiert, liegt daran, dass sich von den Betroffenen niemand beschwert und sich niemand verantwortlich fühlt. Ein Beispiel für Hilfe, die man auch ohne Anspruch auf eine Leistung erhält, ist die humanitäre Sprechstunde.

Was können Sie zur aktuellen Szene in Kassel sagen?

Die Szene als Einheit gibt es ja nicht. Es handelt sich um eine Ansammlung von Gruppen und Einzelpersonen. Die Szene ist heterogen und zersplittert und fühlt sich im öffentlichen Raum nicht mehr akzeptiert. Man kann auch nicht mehr unter Alkoholabhängigen und Konsumenten härterer Drogen unterscheiden. Das vermischt sich zusehends.

Ist das bundesweit so?

Es gibt leichte regionale Unterschiede. Bei uns verzeichnen wir einen stärkeren Konsum von Medikamenten als anderswo.

Wie verhält sich die Szene?

Sie ist dynamisch, aber bleibt in ihrer Anzahl zwischen 100 und 150 Menschen relativ konstant. Ein Drittel sind Frauen. Da sie häufig vertrieben wird, ist sie örtlich in Bewegung. Von einer Freiwilligkeit, sich irgendwo aufzuhalten, kann keine Rede sein. Irgendwo müssen sie ja hin. Die permanente Verdrängung der Szene ist auch eine Form der Diskriminierung.

Sind aus Ihrer Tagung Vorschläge und Forderungen hervorgegangen?

Wir wünschen uns eine rechtliche Absicherung: Wir unterliegen ja der Schweigepflicht. Die kann aber vor Gericht leicht ausgehebelt werden. Deshalb fordern wir ein Zeugnisverweigerungsgesetz auch für Sozialarbeiter. Dann wünschen wir uns mehr Hilfesysteme für Menschen, die keine Leistungsbezüge haben. Und wir glauben, dass das Problem Wohnraumknappheit politisch angegangen werden muss und sollte. Generell appellieren wir an uns selber, mehr Eigenreflexion aufzubringen und zu fragen: Welche Interessen vertrete ich gerade?

Zur Person: Timo Eichel

Timo Eichel (38) arbeitet seit 2013 in der Kasseler Innenstadt als Streetworker. Zuvor war er als studentische Hilfskraft im Café Nautilus im Einsatz. Eichel hat an der Uni Kassel Soziale Arbeit studiert.

Wesertor ist ein Brennpunkt der Kasseler Drogenszene

Im vergangenen Jahr berichtete der Streetworker Michael Fichtelmann über die Tinker- und Drogenszene im Wesertor. Der Sozialarbeiterber schilderte, dass sich nicht mehr nur die ortsansässige Trinkerszene dort versammelt, sondern sich der Kreis seit der Schließung des städtischen Trinkraumes und in Folge der Vertreibung der Drogenszene aus der Innenstadt erweitert hat. Damit hätten auch die Probleme im Stadtteil zugenommen – vor allem der Konsum harter Drogen habe Einzug gehalten

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