Ort mit demselben Namen liegt in Südhessen

Kassel ist nicht einmalig: Wir besuchten das andere Kassel in Südhessen

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Idyllisch: Ein Blick auf das Dorf Kassel. Im Hintergrund sind die umstrittenen Windräder zu sehen.

Kassel-Biebergemünd. Orte mit dem Namen Kassel gibt es weltweit eine ganze Reihe: In den USA, in Südafrika, auf den Philippinen. Was aber wohl die wenigsten kennen, obwohl es relativ naheliegend ist: das 2460-Seelen-Dorf Kassel in der südhessischen Gemeinde Biebergemünd.

Sein Spitzname „Besenkassel“ geht auf die dortige Tradition des Besenbindens zurück.

Direkt hinter dem Ortsschild von Kassel liegt die „Toscana“. Genauer gesagt die „Toscana 2“. So heißt die Pizzeria in der ehemals gutbürgerlichen Gaststube. Wenige Fußminuten dahinter, am Rande des Kasselbachs, ragt die katholische St. Johannes Nepomuk-Kirche empor. Der schmucke Ortskern des mehr als 1000 Jahre alten Dorfes wirkt jedoch verwaist. Das Leben spielt sich an diesem Vormittag am Dorfrand beim Netto- und Rewe-Supermarkt ab.

Hauptstraße durch das Dorf: Gleich hinter dem Ortseingang von Biebergemünd-Kassel liegt die Pizzeria „Toscana 2“. Es ist eines von drei Lokalen im 2460-Einwohner-Dorf.

Aber das größte Dorf der Gemeinde, das unmittelbar an der Grenze zu Bayern liegt, hat mehr zu bieten als drei Restaurants, eine schöne Kirche und eine intakte Nahversorgung. Zu den Besonderheiten zählt ein sehr lebendiges Vereinsleben. Fast jeder Kasseler – in der Mundart nennen sie sich „Kässeler“ – ist in einem oder mehreren der 24 ortsansässigen Vereinen aktiv.

Zu diesen zählen Manfred Stock, Martin Logsch und Lothar Igumnow. Die drei sind im über die Dorfgrenzen hinaus bekannten Motor-Sport-Club Kassel engagiert. An einem Waldstück oberhalb des Ortes hat der Verein vor 61 Jahren ein Mekka für Motocross-Fans angelegt. 300 Mitglieder sind im Verein aktiv, der einmal jährlich ein großes Rennen organisiert. Bis 2007 wurden sogar Europameisterschaftsläufe veranstaltet.

Hin und wieder sei es in früheren Jahren passiert, dass die Fahrer im falschen, nordhessischen Kassel gestrandet sind, erzählt der Vorstandsvorsitzende Logsch. Dabei sei es dort nur halb so schön wie in Besenkassel, frotzelt er.

Tabea und Kira Betz haben auch so ihre Erfahrungen mit Verwechslungen gemacht. Wer nicht unmittelbar aus der Gemeinde komme, denke bei Kassel meist an das große Kassel. Die beiden Schwestern führen in Kassel die Reitschule „Islandpferde vom Hofacker“, wo sie auch reitpädagogisch arbeiten. „Wir leben gerne hier. Kassel ist klein und kompakt, hat mit Supermärkten, einer Schule und einer Kita aber eine gute Infrastruktur“, sagt Tabea Betz. Das jeder jeden kenne, sei aus ihrer Sicht eher ein Vorteil. Dies stärke den Zusammenhalt.

Dies sieht auch Friedhelm Amend vom Alphorn-Ensemble in Kassel so. 180 Flüchtlinge hätten die Kasseler privat untergebracht. Dies sei reibungslos verlaufen. Amend schätzt auch die musikalische Ader der Dorfbewohner. Viele Musikformationen seien der Beweis. Für sein Alphorn-Ensemble ist der Talkessel des Dorfes, der Kasselgrund, eine optimale Bühne. „Da gibt es ein wunderschönes Echo.“

Mit fast 700 Mitgliedern ist der TSV Kassel 08 der größte Verein des Dorfes. Der erste Vorsitzende Joachim Reitz ist glücklich in seiner Heimat. „Viele Feste, viele Vereine. Das ist Kassel“, sagt er. Dessen Blüte habe viel mit der Familie Strauss zu tun, die seit Generationen in Kassel lebt und im Nachbarort die Zentrale des weltweit tätigen Arbeitsbekleidungsherstellers „Engelbert Strauss“ führt. Der größte Arbeitgeber der Region.

Julia Wolf und Sigrid Maiberger vom Gesangverein Harmonie haben auch Anekdoten über Kassel-Verwechslungen zu erzählen. Es habe mal ein Auswärtiger im Ort angehalten und gefragt, wo es zur Wilhlemshöher Allee gehe. Zudem kämen oft E-Mail-Anfragen aus Nordhessen von Eltern, die ihre Kinder im Gesangverein anmelden wollten. Doch die Anreise sei zu weit.

„Kassel hat den Waschbären, wir den Biber“

Der Bürgermeister von Biebergemünd Manfred Weber (parteilos) kennt die beiden Kassels. Er war in seiner Bundeswehrzeit in den 70er-Jahren in Homberg stationiert und damals regelmäßig im nordhessischen Kassel. Mit ihm sprachen wir über die Besonderheiten des südhessischen Kassels, die sich oft gar nicht so sehr von denen des nordhessischen Pendants unterscheiden.

Das Maskottchen: Was für die Kasseler der Waschbär ist, ist für die Menschen in Kassel-Biebergemünd der Biber. Der steckt ja auch schon im Namen. Ein ausgestopftes Exemplar steht im Rathaus von Biebergemünd, das im Ortsteil Kassel steht.

Die Mundart: Wie in Kassel wird auch Kassel-Biebergemünd die Mundart gepflegt. Das „Kässeler Platt“ ist in vielen Mundartgedichten und auch Liedern verewigt. Viele Sprichworte werden bis heute im Alltag der Besenkasseler verwendet. Hier einige Beispiele:  „De Zeit gebote“: Bedeutet soviel wie jemanden grüßen. Man hat sich die Zeit genommen, ihn zu grüßen.  „Ehgeblaggte“: Zugezogene. „Kässeler Kierb“: Die Kasseler Kirmes. Ähnlich wie der bei uns bekannte „Zissel“ – nur in klein.

Das Leibgericht: Während bei uns die Ahle Wurst als lokale Spezialität populär ist, wird in Kassel-Biebergemünd traditionell der Hackbraten hoch gehandelt. Dieser wird etwa beim Mühlenfest über der Feuerglut frisch zubereitet.

Die Vereinsliebe: Der größte Verein im Ort ist der TSV Kassel 08, der auch eine große Fußballabteilung hat. Ansonsten schwören die meisten Einheimischen aber auf Eintracht Frankfurt. Etliche Flaggen sind in den Gärten der Bewohner gehisst.

Vom größten Verein: Joachim Reitz (li.) und Franz Karl Stock.

Die Aufreger: Während die Menschen im nordhessischen Kassel aktuell über den Obelisken diskutieren, sind in Besenkassel die nahegelegenen Windräder ein Streitobjekt. Auch der Fluglärm aus Frankfurt ist ein Thema im Ort. 

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