Prozess gegen Geschäftsführer

Rathaus wusste über Tierquälerei im Kasseler Schlachthof Bescheid

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Protest vor dem Gericht gegen Zustände in Schlachthöfen: Das Verfahren wird von einer Mahnwache von Animal Rights Watch begleitet.

Im Gerichtsverfahren gegen den Geschäftsführer eines Schlachthofs kommen brisante Details ans Licht: Die Stadtverwaltung wusste von den Problemen um Hygiene und Tierschutz.

  • Im Gerichtsverfahren um den Schlachthof belasten Zeugen die Stadtverwaltung
  • Tierquälerei und Verstöße gegen Hygienevorschriften waren offenbar im Rathaus bekannt
  • Das Veterinäramt soll bei der Überprüfung des Schlachthofs behindert worden sein

Kassel – Dass es im Schlachthof in Kassel eklatante Probleme mit der Hygiene und Tierquälerei aufgrund von Fehlbetäubungen von Schweinen gab, war auch im Rathaus bekannt. Das wurde am Montag bei der erneuten Vernehmung des Leiters des Veterinäramts von Kassel deutlich. Der 49-Jährige sagte als Zeuge in dem Berufungsverfahren gegen einen ehemaligen Geschäftsführer des Schlachthofs wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz aus. Der Angeklagte war zwischen 2011 und 2013 in dem Schlachthof tätig.

Tierquälerei in Kassel: Tierbetäubungen im Schlachthof "hochgradig schmerzhaft"

Der Leiter des Veterinäramts von Kassel führte aus, dass es im Schlachthof zwar auch schon 2009 Probleme mit der Betäubung der großen Schweine, die zur Herstellung von Ahler Wurscht benötigt werden, gegeben habe. Aber unter dem ehemaligen Geschäftsführer, der jetzt angeklagt ist, habe sich die Tierquälerei zugespitzt. Der Mann, der heute 39 Jahre alt ist, habe auf die Mängel, die Tierärzte festgestellt hätten, nicht ausreichend reagiert. Fehlbetäubungen seien aber „hochgradig schmerzhaft“ für die Tiere. 

Viel zu lange seien die Schweine in Kassel zum Beispiel mit einer zu geringen Amperezahl von 1,3 betäubt worden. Man habe sich im Schlachthof immer darauf berufen, der Trafo sei zu schwach. Aufgrund der geringen Schlachtzahl von 60 bis 70 Tieren, die hier pro Stunde geschlachtet worden seien, habe sich für ihn die Frage gestellt, wie es zu einer Geräteüberlastung kommen sollte, so der Chef des Veterinäramts. 

Der Hersteller der Elektro-Betäubungsmaschine hatte bei seiner Aussage im Prozess um den Schlachthof Kassel beteuert, dass seine Maschinen auf dem neuesten Stand der Technik seien. 

Geschäftsführer blieb trotz Tierquälerei im Schlachthof untätig

Aber auch als ein neuer Trafo angeschafft worden sei, habe der Geschäftsführer nicht reagiert, so der Leiter des Veterinäramts Kassel. Die Tierquälerei ging weiter. Es sei deshalb kurz davor gewesen, die Betäubungsanlage im Schlachthof nicht mehr laufen zu lassen. Das sei nur dadurch verhindert worden, dass ab August 2013 alle Schweine mit 1,6 Ampere Stromstärke betäubt worden seien. Ab diesem Zeitpunkt sei die Fehlerrate bei dem Betäubungsvorgang verschwindend gering gewesen, unter einem Prozent.

Axel Dohmann, der Verteidiger des Angeklagten, wollte von dem Chef des Veterinäramts wissen, ob es stimme, dass er von den Amtstierärzten verlangt habe, dass sie mehr Mängel im Schlachthof dokumentieren sollen, als tatsächlich vorhanden gewesen seien. Das hatte einer der Tierärzte als Zeuge ausgesagt.

Schlachthof Kassel: Angestellte behinderten Arbeit des Veterinäramts 

Dazu sagte der Chef der Behörde: Wenn der besagte Tierarzt etwas dokumentiert habe, habe es gravierende Abweichungen zwischen den Mängeln, die er gesehen habe, und der Realität gegeben. Diesem Tierarzt war übrigens 2011 wegen Verstößen gegen die Hygienevorschriften vom Veterinäramt gekündigt worden.

Er selbst habe nur das bei einer Kontrolle des Schlachthofs in Kassel auf die Mängelliste gesetzt, was er zuvor mit seinen eigenen Augen gesehen habe, so der Chef des Veterinäramts. Allerdings sei es im Schlachthof nicht erwünscht gewesen, wenn Mängelberichte geschrieben worden seien. Wenn er Videos oder Fotos zur Dokumentation habe machen wollen, habe sich ihm ein Mitarbeiter des Schlachthofs auch schon mal in den Weg gestellt. Fälle von Tierquälerei zu verifizieren, sei daher schwierig gewesen. 

Ehemaliger Bürgermeister von Kassel war von der Tierquälerei im Schlachthof informiert

Einen Mängelbericht mit 105 Beanstandungen hatte der Chef des Veterinäramts Kassel im April 2011 geschrieben und wohl auch dem damaligen Bürgermeister Jürgen Kaiser davon berichtet.

Die hygienischen Zustände seien zu diesem Zeitpunkt im Schlachthof nicht gut gewesen, sagte der Angeklagte, der damals erst kurz zuvor Geschäftsführer geworden war. „Ich habe auch oft den Metzgern auf die Füße getreten.“ Dass die Mängelliste aber so umfangreich ausgefallen sei, habe seiner Ansicht nach nur daran gelegen, weil er sich erlaubt habe, bei einer Frage eine andere Meinung als der Chef des Veterinäramts zu haben. 

Der Prozess wird am 20. März, 12 Uhr, fortgesetzt.

VON ULRIKE PFLÜGER-SCHERB

Alle Infos zum Tierquäler-Prozess: Der Ticker zum Gerichtsverfahren um den Schlachthof Kassel. 

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