Neuregelung seit 01. Januar 2020

Macht der Mindestlohn die Ausbildung zu teuer? Tischlermeister aus Kassel mit heftiger Kritik

Seit Anfang 2020 gibt es einen neuen Mindestlohn für Auszubildende. Besonders kleine Ausbildungsbetriebe trifft die neue Regelung. Ein Tischlermeister aus Kassel mit heftiger Kritik.

  • Auszubildende bekommen ab dem 01.01.2020 ein Mindestausbildungsgehalt.
  • Ein Tischlermeister aus Kassel beklagt, dass das Ausbilden dadurch zu teuer wird. 
  • Die Innung findet den Mindestlohn angemessen.

In den vergangenen 34 Jahren hat der Kasseler Tischlermeister Hartmut Prüfer nach eigenen Angaben mehr als 200 Lehrlinge ausgebildet. Das sind im Schnitt sechs pro Jahr. 

Damit ist jetzt Schluss. „Das kann sich mein Betrieb nicht mehr leisten“, sagt der 68-Jährige. Im kommenden Lehrjahr wird er nur noch ei nen Auszubildenden einstellen.

Das Problem aus Prüfers Sicht: Will er einen Lehrling gut und vollumfänglich ausbilden, sind die Kosten, die seit Jahresanfang aufgrund der Mindestvergütung für Azubis anfallen, zu hoch. 

Ausbildung: Mindestvergütung gilt seit Januar

Seit Januar erhalten Auszubildende eine Mindestvergütung in Höhe von 515 Euro monatlich. In den Folgejahren erhöht sich die Untergrenze weiter. 

Wer 2021 seine Lehre beginnt, bekommt mindestens 550 Euro, 2022 sollen es585 Euro sein und im Jahr darauf 620 Euro. Im zweiten, dritten und vierten Lehrjahr gibt es ebenfalls mehr.

„Meine Schmerzgrenze von 400 Euro im ersten, 500 Euro im zweiten und 600 Euro im dritten Lehrjahr ist damit überschritten“, sagt Prüfer, der kein Innungsmitglied und insofern nicht tarifgebunden ist.

Zwei Punkte ärgern den Tischlermeister besonders. Zum einen würde die Regelung die Gleichstellung von Auszubildenden und Studenten assoziieren. 

„Aber Studenten werden entweder von ihren Eltern finanziert oder bekommen BAföG, also Geld vom Staat als Kredit. Bei den Auszubildenden muss der Arbeitgeber zahlen.“

Azubis verschiedener Branchen werden gleichgesetzt

Zum anderen würden Azubis aller Branchen gleichgesetzt. „Aber da gibt es große Unterschiede“, betont Prüfer. 

Es gebe Ausbildungsberufe, in denen Lehrlinge schon binnen kurzer Zeit Geld für ihren Betrieb erwirtschaften könnten und nach einem Ausbildungsjahr schon zu zwei Dritteln wie ein Geselle einsetzbar seien. 

Bei Tischlern sei das aber anders. „Dieses Handwerk ist so vielseitig und umfangreich“, sagt Prüfer. Da brauche die Ausbildung viel Zeit und koste entsprechend viel Geld.

Erschwerend komme hinzu, dass gerade auch wegen dieser Vielseitigkeit eine Tischler-Ausbildung für viele die Basis ihrer beruflichen Zukunft sei. 

Tischler-Azubis verlassen häufig Ausbildungsbetriebe

„Nur 20 Prozent der ausgebildeten Tischler bleiben im Job. Der Rest steigt um oder auf“, so Prüfer. Das Interesse, in Auszubildende zu investieren, die zu 80 Prozent den Betrieb verlassen, sei entsprechend gering.

Prüfer, der aktuell vier Gesellen und drei Lehrlinge beschäftigt, hat eine Rechnung aufgestellt, unter anderem die Ausbildungsvergütung, die Kosten für den Arbeitsplatz, für Lehrgänge und Prüfungen sowie den Stundenverrechnungssatz gegenüber gestellt. 

Sein Ergebnis: „Ich verliere in der Ausbildung aktuell 5,40 Euro pro Stunde.“ Prüfer will es nicht so verstanden wissen, dass die Auszubildenden nicht mehr Geld verdienen sollten. Aber für seinen Betrieb sei das nur mit staatlichen Zuschüssen zu stemmen.

Innung hat bereits 2019 die Vergütung angehoben

Frank Baum, Obermeister der Schreiner-Innung Kassel, teilt die Auffassung Prüfers nicht. Im Gegenteil habe die Innung bereits zum 1. Januar 2019 die Vergütung ihrer Auszubildenden angehoben

Seither erhalten die Lehrlinge 600 Euro im ersten, 700 Euro im zweiten und 800 Euro im dritten Ausbildungsjahr, also mehr als die neue Mindestvergütung vorsieht. 

Frank Baum, Schreiner-Innung Kassel

„Das sind mir meine Auszubildenden auch wert“, sagt der Geschäftsführer der Baum & Söhne Möbelwerkstätten.

Viele Auszubildende entschieden sich für eine Lehrstelle in der Industrie, weil dort besser bezahlt werde. Zudem sei der Lohn für Auszubildende im Tischlerhandwerk in Hessen im Vergleich zu anderen Bundesländern ohnehin geringer

„Wir wollen vernünftig bezahlen, den Beruf so auch interessant machen. Denn wir brauchen Fachkräfte. Und dazu müssen wir ausbilden“, betont er.

Handwerkskammer bedauert fehlende Ausnahmeregelung

In Nord-, Ost- und Mittelhessen wären der Handwerkskammer Kassel zufolge aktuell 60 Ausbildungsbetriebe von den 16.610 in die Handwerks- und Gewerberolle eingetragenen Betrieben mit Sicherheit von der Einführung der Mindestausbildungsvergütung betroffen, wenn sie in diesem Jahr einen Ausbildungsvertrag abschließen würden.

Im Handwerk sind der Kammer zufolge die meisten Ausbildungsvergütungen durch eine tarifliche Einigung geregelt. 

Da diese aber in den allerseltensten Fällen allgemein verbindlich sei, könnten die Betriebe die Ausbildungsvergütung um bis zu 20 Prozent unterschreiten. 

Aus diesem Grund könnte die Zahl der tatsächlich betroffenen Betriebe höher liegen, da diese nun darauf achten müssten, bei der Absenkung der Ausbildungsvergütung die Mindestausbildungsvergütung nicht zu unterschreiten.

Zur attraktiven Ausbildung gehört angemessene Vergütung

Für viele Betriebsinhaber sei es selbstverständlich, dass zu einer attraktiven Ausbildung auch eine angemessene Ausbildungsvergütung gehört, so die Kammer weiter. 

„Vor allem vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung ist es für Handwerksbetriebe schon heute schwierig, geeignete junge Nachwuchskräfte zu finden“, erläutert der Präsident der Handwerkskammer Kassel, Heinrich Gringel.

Heinrich Gringel, Handwerkskammer Kassel

Deshalb sei eine Ausbildungsvergütung, die sich mindestens an der tariflichen Vereinbarung orientiert, sicher ein wichtiger Teil einer erfolgreichen Nachwuchswerbung.

Aber sicherlich werde es im eher ländlich strukturierten Gebiet der Handwerkskammer auch Betriebe geben, die sich nun sehr genau überlegen müssten, ob die Ausbildung junger Menschen für sie weiterhin noch zu finanzieren ist.

Keine Ausnahmeregelung für kleine Betriebe

„Schwierig ist aus unserer Sicht, dass die Mindestausbildungsvergütung unabhängig von Größe, Lage und Branche der Betriebe gilt“, erläutert Gringel.

Die Kammer bedauere daher, dass es keine Ausnahmeregelungen gibt, die es kleineren Betrieben, Betrieben in strukturschwachen Räumen und in grundsätzlich nicht so umsatzstarken Gewerken ermöglicht, auch weiterhin auszubilden.

„Unter dem Strich zählt, dass es dem Handwerk, Betrieben wie Handwerksorganisation, auch künftig gelingt, junge Menschen für eine Ausbildung im Handwerk zu begeistern. 

Inwieweit die Einführung der Mindestausbildungsvergütung dabei hilfreich ist oder die Zahl der ausbildenden Betriebe zurückgeht, wird sich erst im Lauf der nächsten Jahre zeigen“, so Gringel. 

Rubriklistenbild: © Andreas Fischer

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