Von Kassel in den Tod: Erster Sonderzug mit Juden vor 70 Jahren gestartet

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Der Weg zur Deportation: Vom Sammellager an der Schillerstraße ging es am 9. Dezember 1941 zum Hauptbahnhof. Die Luftaufnahme entstand vor der Zerstörung am 22. Oktober 1943.

Kassel. Es war nur eine kurze Etappe auf einem Tausende Kilometer langen Weg in den Tod. Vor 70 Jahren fuhr auf Gleis 13 der erste von drei Deportationszügen ins lettische Ghetto Riga ab.

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Die 1025 jüdischen Menschen an Bord hatten die Nacht unter Bewachung der Gestapo in zwei Turnhallen der Bürgerschule 1 und 2 an der Schillerstraße verbracht. Auf dem Gelände befindet sich heute die Walter-Hecker-Schule.

Von hier aus gingen sie in einem langen Zug über die Orleansstraße (heute Erzbergerstraße), die Bahnhofsstraße (heute Werner-Hilpert-Straße) zum Hauptbahnhof. Für die meisten von ihnen war der Bahnhof das Letzte, was sie von Kassel sahen.

Das Gepäck blieb zurück: Die Aufnahme von der Deportation stammt aus Würzburg. Aus Kassel gibt es keine Bilder.

Von Gleis 13 wurden am 9. Dezember 1941, am 1. Juni 1942 und am 7. September 1942 in drei Sonderzügen insgesamt 2500 Männer, Frauen und Kinder deportiert. Sie kamen aus Kassel, Witzenhausen, Eschwege, Guxhagen, Melsungen und wurden in das jüdische Ghetto von Riga sowie die Konzentrationslager Majdanek und Theresienstadt deportiert. Einer der wenigen Überlebenden berichtete 1946 in einem Brief an Verwandte von dem Transport nach Riga. Das Dokument von Siegfrid Ziering wird in der Gedenkstätte Yad Vashem (Jerusalem) aufbewahrt.

Zeitzeugen erinnern sich

Er schrieb: „Am 9.12.41 nachmittags fuhren wir ab. Es waren ungeheizte 3ter Klasse Coupes. Wir fuhren über Berlin, Breslau, Posen, Königsberg, Tilsit und kamen am 12. Dez. 41 in Riga an. Es war 40 Grad Kälte. Das meiste Gepäck ließen wir am Bahnhof auf nimmer Wiedersehen. Bei einem furchtbaren Schneesturm mußten wir ins Ghetto marschieren. Zehn Kilometer. Wir bekamen zu zehn Personen ein kleines Zimmer und Küche. Die ersten drei Wochen bekamen wir überhaupt keine Verpflegung. An Frieden und Freiheit dachte schon keiner mehr, unser einziger Wunsch war, als Juden zu sterben, und wenn, dann zusammen.“

Aus Witzenhausen kommt Marga Griesbach, geborene Steinhardt. Sie war damals 17 Jahre alt und wurde mit ihren Eltern Max und Therese Steinhardt sowie ihrem Bruder Alfred deportiert. Sie hat ihre Erinnerungen aufgeschrieben. „Am 8. Dezember um vier Uhr in der Frühe versammelten wir uns auf dem Marktplatz. Für unsere Bewachung sorgte die Polizei von Witzenhausen. Sie begleitete uns zur Bahnstation. Wir fragten, wann unsere Koffer abgeholt werden würden. Man sagte uns, sie würden in Frachtwaggons nach Riga und dort zu uns gebracht werden. Natürlich sahen wir sie nie wieder.

Der Sammelpunkt war in Kassel. Mit Leuten aus anderen Städten wurden wir für eine Nacht in einer Turnhalle untergebracht. Am nächsten Nachmittag mussten wir zu einer Bahntrasse marschieren, wo uns ein Zug erwartete. Wir wurden in die Waggons hineingestoßen und dort zusammengepfercht, bis mehr als tausend Leute gleichmäßig verteilt waren.“

Von Thomas Siemon

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