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Tödlicher Unfall im Kreis Kassel: Es herrscht noch Aufklärungsbedarf

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Von: Florian Hagemann

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Nach einem Tödlichen Unfall im Kreis Kassel wehrt sich ein 44-Jähriger gegen eine Gefängnisstrafe. Der Berufungsprozess behandelt etliche offene Fragen.

Kassel/Habichtswald – Bei einem Unfall mit einem auffälligen Sportwagen ist im August 2020 ein 32 Jahre alter Mann ums Leben gekommen. Der Fahrer muss sich nun vor dem Landgericht Kassel verantworten. Auch sieben Stunden Verhandlungszeit reichten am Montag (25. Oktober) nicht aus, um zu einem Urteil zu kommen. Am Ende gab es noch viele offene Fragen zu diesem tödlichen Unfall, der sich im August 2020 zwischen Ehlen und Dörnberg ereignet hatte und für großes Aufsehen sorgte.

Der inzwischen 44 Jahre alte Angeklagte war damals mit seinem auffälligen Sportwagen – einem 240 PS starken Alfa Romeo 4C – unterwegs. Er soll dabei die freie Strecke zu einer Art Fahrtest genutzt haben und in hohem Tempo Schlangenlinien über die gesamte Breite der Fahrbahn gefahren sein, als er die Kontrolle verlor und mit dem Auto gegen die Leitplanke krachte. Der 32 Jahre alte Beifahrer starb noch an der Unfallstelle. In dessen Werkstatt war das Fahrzeug einen Monat zuvor gewesen – allerdings sah der Angeklagte noch Nachholbedarf. Das Auto reagiere schwammig, meinte dieser. Deshalb kam es zum erneuten Kontakt – diesmal mit fatalen Folgen.

Tödlicher Unfall im Kreis Kassel: Es geht um Details

Das Amtsgericht Kassel hatte den Angeklagten im Dezember des vergangenen Jahres bereits wegen fahrlässiger Tötung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Allerdings legte der Mann aus Kassel das Rechtsmittel der Berufung ein. Deshalb wurde gestern vor dem Landgericht Kassel erneut verhandelt.

Diesmal kam der Angeklagte mit einem neuen Verteidiger – und mit beiden erschien auch ein zweiter Sachverständiger, der im Laufe des Tages mit dem eigentlich beauftragten Experten nicht immer einer Meinung sein sollte. Es entwickelte sich zeitweise sogar eine Diskussion unter den Sachverständigen. Dabei ging es um Nachlaufwinkel, um die Gaspedalstellung und um jede Menge Zahlen aus Protokollen, bei deren Erwähnung selbst die Prozessbeteiligten scheinbar Mühe hatten zu folgen. Für den eigentlich beauftragten Sachverständigen war der Unfall zumindest die Folge eines rücksichtslosen Fahrmanövers – noch dazu mit einem Fahrzeug, das so auf einer öffentlichen Straße nicht hätte fahren dürfen. Denn es enthielt nachträglich eingebaute Teile, die technisch noch nicht abgenommen worden waren. Sein Kollege meldete insgesamt Zweifel an der Sichtweise an.

Tödlicher Unfall: Der Beifahrer des Autos starb im August 2020 auf der B 251 bei Ehlen. Ende 2021 war der Fahrer wegen fahrlässiger Tötung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt worden.
Tödlicher Unfall: Der Beifahrer des Autos starb im August 2020 auf der B 251 bei Ehlen. Ende 2021 war der Fahrer wegen fahrlässiger Tötung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt worden. © Luisa Weckesser

Nun herrscht noch Aufklärungsbedarf. Unklar ist zum Beispiel, ob es zuvor schon einmal eine Art Test- oder Probefahrt des Angeklagten mit dem Chef der Werkstatt gegeben hat – als der Angeklagte nach den ersten Arbeiten im Juli 2020 sein Auto abgeholt hatte.

Offen blieb auch, warum der Angeklagte selbst das Auto bei jener verhängnisvollen Fahrt im August fuhr – und nicht derjenige, der die Reparatur vorgenommen hatte. Allgemein wurde das als unüblich bezeichnet. Laut dem Angeklagten soll er die Schlangenlinien auch nur auf Anraten seines Beifahrers gefahren sein. Das will er bereits unmittelbar nach dem Unfall auch einem Polizisten gegenüber geäußert haben. Dieser soll nun noch einmal als Zeuge aussagen.

Tödlicher Unfall im Kreis Kassel: „Wird uns das ganze Leben lang begleiten“

Aber auch der vom Gericht bestellte Sachverständige bekam noch eine Aufgabe bis zur nächsten Sitzung am 9. November in Kassel. Denn trotz aller geprüfter Details konnte gestern niemand sagen, wie viele Meter auf der Unfallstrecke eigentlich zwischen Aufhebung der Geschwindigkeitsbegrenzung von 60 km/h und der genauen Unfallstelle liegen. Das ist nicht unerheblich, um feststellen zu können, wann der Angeklagte wo wie viel zu schnell gefahren ist. Laut den bisherigen Ermittlungen soll er zwischenzeitlich mehr als Tempo 110 gefahren sein.

Bei allen offenen Fragen wurde eins gestern doch ganz deutlich: wie sehr der Verlust des 32 Jahre alten Opfers die Familie schmerzt. Seine Frau tritt als Nebenklägerin auf. Wie es ihr und den beiden jetzt zwei und fünf Jahre alten Söhnen gehe, fragte sie der Richter. Sie antwortete: „Wir sind schon ein ganzes Stück weiter, und es ergeben sich Routinen. Aber es gibt auch Momente, die uns zurückwerfen, und ich denke: Es wird nicht wieder gut. Vor eineinhalb Jahren waren noch viele Leute da, mittlerweile steht man aber schon viel allein da. Wahrscheinlich wird es uns das ganze Leben lang begleiten. Der Papa fehlt – und auch der Ehemann.“ (Florian Hagemann)

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