Besitzer sieht wenig Zukunft

Porzellanhaus Lange: Das Traditionsgeschäft  in Kassel schließt nach 75 Jahren

Kassel: Traditionsgeschäft  Porzellanhaus Lange schließt nach 75 Jahren
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Der Ausverkauf hat begonnen: Petra und Reinhard Lange haben sich entschlossen, das Porzellanhaus zu schließen.

Ein Traditionsgeschäft in Kassel schließt seine Türen: Das Porzellanhaus Lange wird nach 75 Jahren aufgegeben.

  • Traditionsgeschäft Porzellanhaus Lange schließt in Kassel
  • Besitzer geben Geschäft nach 75 Jahren auf
  • Stammkunden traurig über Nachricht

Kassel. Das Porzellanhaus Lange in Kassel schließt nach 75 Jahren. Viele Stammkunden hätten die Neuigkeit traurig aufgenommen, sagt Petra Lange. „Einige hatten sogar Tränen in den Augen. Die haben doch schon als Kinder mit ihren Eltern bei uns eingekauft.“ 

Anfang dieser Woche verschickten Petra und Reinhard Lange eine Karte an ihre Stammkunden, mit der Info, dass sie sich dazu entschlossen haben, das Porzellanhaus Lange nach 75 Jahren zu schließen.

Kassel: Traditionsgeschäft  Porzellanhaus Lange schließt: Schließung durch Corona beeinflusst

„Wenn Corona nicht dazwischen gekommen wäre, hätten wir schon am 30. April aufgehört“, sagt Reinhard Lange (66), der das Geschäft vor 40 Jahren von seinen Eltern übernommen hat. Im vergangenen Jahr hätten sie sich zu diesem Schritt entschieden. Auch um das Leben im Alter ohne Arbeit zu genießen.

Nachdem Langes Vater Otto und sein Onkel Hugo aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt waren, entschlossen sich die Brüder, sich mit einem Geschäft für Haushaltsartikel selbstständig zu machen. Zunächst entrümpelten sie einen Raum im ersten Stock der Commerzbank am Königsplatz, wo sie den „Nachkriegsbedarf“ verkauften. „Sie haben mit Kochtöpfen und Hausrat angefangen“, sagt Reinhard Lange. Porzellan spielte zunächst keine Rolle.

Kassel: Porzellanhaus Lange schließt: 1948 Umzug zum Königsplatz

1948 bauten die Brüder Lange dann gemeinsam mit dem Unternehmen Overmeyer neue Räumlichkeiten am Königsplatz, wo das Geschäft expandierte. Die Brüder wurden dort Untermieter. Im Laufe der nächsten Jahre wurde auch Porzellan ins Sortiment aufgenommen, Haushaltswaren spielten hingegen eine immer geringere Rolle.

Es gab auch private Veränderungen: Hugo Lange verließ 1951 das Geschäft und wanderte nach Kanada aus. Im selben Jahr heiratete Otto Lange. Seine Frau Hildegard arbeitete fortan im Laden mit, der ab 1952 keine Haushaltwaren mehr führte, sondern sich zu einem Fachgeschäft für den gedeckten Tisch spezialisiert hatte.

Kassel: Traditionsgeschäft  Porzellanhaus Lange: Erneuter Umzug

Porzellane der führenden Manufakturen wurden auch am neuen Standort an der Wilhelmsstraße in Kassel angeboten, an den das Porzellanhaus 1967 umzog, nachdem der Mietvertrag am Königsplatz ausgelaufen war. Reinhard Lange, der noch eine ältere Schwester hat, stieg 1980 ins Familiengeschäft ein. Sein Vater Otto starb im selben Jahr. Diplom-Volkswirt Reinhard Lange führte mit seiner Mutter das Geschäft weiter.

Apropos Frauen: „Ohne meine Frauen hätte der Betrieb nie laufen können. Frauen haben ein ganz besonderes Gefühl für die Branche“, sagt Lange. Damit meint er nicht nur seine Mutter Hildegard und seine Frau Petra, die er 1991 heiratete. Zu Hochzeiten – in den Jahren 1994 bis 1996 – waren bis zu 28 Frauen im Porzellanhaus Lange beschäftigt.

Kassel: Traditionsgeschäft  Porzellanhaus Lange: Waren rund um die Küche

1993 hatte sich die Gelegenheit ergeben, ein weiteres Geschäft an der Neuen Fahrt zu mieten, das mit den Geschäftsräumen an der Wilhelmsstraße in Kassel verbunden werden konnte. Hier ging es zurück zu den Wurzeln: Waren rund um die Küche wurden seitdem angeboten. Nachdem es immer mehr Kochsendungen im Fernsehen gab, sei auch die Nachfrage nach Küchenaccessoires und hochwertigen Töpfen und Pfannen gestiegen. „Essen und Trinken wird den Menschen immer wichtiger. Auch das Kochen mit regionalen Lebensmitteln.“

Auf das Geschäft mit dem Küchenzubehör sowie Tischwäsche, Kissen und Dekoartikeln hat sich Lange in den vergangenen zwölf Jahren wieder konzentriert. Handgemaltes Porzellan sei nicht mehr gefragt.

Kassel: Porzellanhaus Lange - Wenig Zukunft für kleine Geschäfte

Auch wenn die Geschäfte bis heute erfolgreich gewesen seien, sieht Reinhard Lange in der Branche wenig Zukunft für kleine Geschäfte. Die Konkurrenz von Kaufhäusern und im Internet sei sehr groß. Wer Tischkultur verkaufen wolle, könne nicht einfach einen kleinen Laden betreiben, sondern benötige viel Platz, um alles präsentieren und lagern zu können. 

Von daher hätten sie schon vor Jahren ihren drei Kindern mitgeteilt, dass sie das Geschäft schließen werden, sobald es Zeit für den Ruhestand ist. Diese Zeit ist jetzt gekommen. Vier Mitarbeiterinnen, darunter Petra Lange, arbeiten heute noch in dem Traditionsgeschäft in Kassel. Eine geht in den Ruhestand, die anderen beiden haben einen neuen Job gefunden.

Kassel: Traditionsgeschäft  Porzellanhaus Lange schließt - Ausverkauf

Service: Der Ausverkauf bei Lange hat begonnen, bis Ende Juli läuft der Mietvertrag. Anschließend wird das Textilgeschäft Voice, das derzeit in der Wolfsschlucht ist, in die Räumlichkeiten einziehen.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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