Chronist des alten Kassel wurde 88 Jahre alt

Trauerfeier für Hans Germandi: „Stadt hat ihm viel zu verdanken“

Kassel. Es sei der Abschied von einem Urkasseläner und von einer großartigen Persönlichkeit, sagt Oberbürgermeister Bertram Hilgen. Am Freitag fand in der Martinskirche die Trauerfeier für Hans Germandi statt.

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Der Mann, der wie kein anderer die Erinnerung an das alte Kassel wachgehalten hat, war am 6. August gestorben. Neben der Familie wollten sich zahlreiche Freunde und Weggefährten verabschieden, die Chorkirche von St. Martin war voll besetzt. „Kassel hat ihm viel zu verdanken“, sagte Bertram Hilgen und sprach damit vielen aus der Seele.

Hans Germandi ist nur einen Steinwurf entfernt von der Martinskirche aufgewachsen. Sein Elternhaus stand an der Kastenalsgasse, im Herzen der Altstadt. In der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 wurde es ebenso wie die gesamte Kasseler Innenstadt zerstört. Seine Eltern und die große Schwester gehörten zu den 10 000 Opfern, der damals 17-jährige Hans war Soldat bei der Marine.

Trauerarbeit

So bleibt er in Erinnerung: Eines der letzte Fotos von Hans Germandi beim Zissel im August. Foto:  Pflüger-Scherb

Dieser Schicksalschlag hat ihn geprägt. Seine Form der Trauerarbeit war es, Bilder vom alten Kassel vor der Zerstörung zu sammeln und in seiner unverwechselbaren Art davon zu erzählen, wie es damals war. In der Martinskirche hat er vor Hunderten von Zuhörern seine Diavorträge gehalten. Am Martinsplatz wohnte er die vergangenen drei Jahrzehnte zusammen mit seiner Frau Gretel. Vom Wohnzimmerfenster konnte er immer auf die Kirche gegenüber blicken.

Deshalb schloss sich mit der Trauerfeier in der Martinskirche ein Kreis. Daran erinnerte auch Pfarrer Dr. Willi Temme, der den Trauergottesdienst hielt. Hans Germandi kannte als langjähriger ehrenamtlicher Küster jeden Winkel der Kirche und machte zahlreiche Führungen bis hinauf auf die nach dem Krieg neu gebauten Glockentürme.

Glocke läutete

Jedes Jahr beim Gedenkgottesdienst zum Jahrestag der Bombennacht läutete er die große Osanna-Glocke, die an den Fliegeralarm am Abend und den verheerenden Feuersturm wenig später erinnerte. Diese Glocke, die sonst nur noch am Karfreitag ertönt, wurde gestern zu Ehren von Hans Germandi geläutet.

Mitten im Leben habe er bis zum Schluss gestanden, sagte Pfarrer Temme. Bei der Bootsfahrt zum Zissel habe man ihn noch einmal so erlebt, wie er jetzt in Erinnerung bleibt. Strahlend und schick gekleidet, mit Kasseläner Charme und Mutterwitz. Dafür dürfe man dankbar sein.

Seine letzte Ruhestätte hat sich Hans Germandi schon vor einigen Jahren ausgesucht. Seine Urne wurde im Familienkreis auf dem Waldfriedhof Schäferberg beigesetzt. Unter einer Buche mit Blickrichtung Kassel, wie sein ältester Sohn berichtet.

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