Massive Waldschäden

Trotz Regens herrscht Dürre: Trockenheit verdrängt Nadelbäume aus der Region

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Es regnet, es regnet: Stella Marlene Kroll (13) aus Kassel kann dem Regenwetter der vergangenen Tage noch etwas Positives abgewinnen.

Nadelbäume in Nordhessen sind wegen der Dürre der letzten Jahre gefährdet. Die Regenfälle der vergangenen Wochen sorgen nur für oberflächliche Nässe. 

  • Nadelbäume in der Region sind wegen der Dürre in den vergangenen Jahren gefährdet
  • Die derzeitigen Regenfälle sorgen lediglich für oberflächliche Nässe
  • Dreimal so viele Bäume wie in normalen Jahren mussten aus den Wäldern geholt werden. 

Diese Botschaft verwundert: Trotz der häufigen Regenfälle in den vergangenen Wochen sind die Böden im Raum Kassel nur oberflächlich feucht. In den tieferen Schichten, die für die Versorgung der Bäume wichtig sind, ist es trocken

Region um Kassel mit "schwere Dürre" eingestuft

Dies belegt der aktuelle Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ). Nach dessen Daten werden Teile des Stadtgebietes und des Umlandes als Zonen mit „schwerer Dürre“ eingestuft. 

„Die Böden sind aktuell oberflächlich relativ nass. Wenn jetzt Vegetationsperiode wäre, hätten Getreide und andere flachwurzelnde Ackerpflanzen keine Probleme“, sagt Dr. Andreas Marx vom Leipziger UFZ. 

Anders sehe es in Bodentiefen von 1,80 Meter aus. Dort kam das Wasser noch nicht an. Ursache dafür seien die zwei zurückliegenden Trockenjahre. „Davon war auch Nordhessen stark betroffen“, sagt Marx, wenn auch nicht so stark wie der Osten Deutschlands. 

Dreimal so viele Bäume sterben

Die Folgen lassen sich in den Parks und im Wald ablesen: Mit 300. 000 Festmetern Holz hätten er und seine Kollegen vergangenes Jahr dreimal so viel Bäume aus den Wäldern rund um Kassel geholt wie in normalen Jahren, sagt Theo Arend, stellvertretender Leiter des Forstamtes Wolfhagen. 

Theo Arend vom Forstamt Wolfhagen.

Die Fichte habe langfristig keine Chance in der Region und auch der Buchenbestand sei infolge des Trockenstresses durch Pilze und Borkenkäfern massiv geschädigt worden. „Ich arbeite seit 37 Jahren als Förster. So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt Arend. 

Nach Daten des Deutschen Wetterdienstes beträgt die mittlere jährliche Niederschlagsmenge in Kassel 730 Liter pro Quadratmeter. 2018 lag dieser Wert bei nur 458 Litern. 

Einzelne Monate waren zu trocken

2019 waren die Regenfälle in Kassel zwar insgesamt durchschnittlich, doch einzelne Monate waren viel zu trocken. Dies galt vor allem für den Februar, Juli, September und November. 

„Das Regendefizit für die Region Kassel beträgt vermutlich etwa 300 Liter pro Quadratmeter. Das entspricht einem halben Jahresniederschlag. Um das aufzufangen, bräuchten wir also noch monatelang diese grauen, verregneten und kühlen Tage“, sagt Marx

So ermitteln die Forscher die Dürresituation

Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung erstellt fortlaufend einen Dürremonitor. Dieser stellt tagesaktuell dar, wie sich die Bodenfeuchte in deutschen Regionen entwickelt. 

Es wird nach unterschiedlichen Bodentiefen (Oberboden/ Gesamtboden) unterschieden. Die Ergebnisse stammen nicht aus Bodenproben, sondern einer Modellrechnung, in die die Werte von 2500 Wetterstationen und Daten zur Bebauungsdichte, Höhenlagen, Bewuchs, Bodenqualität etc. fließen.

Regen rettet Fichten nicht mehr

Eine Katastrophe kommt selten allein: Das musste auch Theo Arend erleben. Er ist stellvertretender Leiter des Forstamtes Wolfhagen, das für den Wald rund um Kassel zuständig ist. 

„Mit Friederike fingen die Probleme an“, sagt Arend. Das Orkantief hatte im Januar 2018 auch dem Baubestand rund um Kassel kräftig zugesetzt. Es folgten der trockene Sommer und ein weiteres trockenes Jahr. Und als die Bäume schließlich geschwächt waren, machten sich Pilze und Borkenkäfer über sie her.

Kranke Bäume warfen dicke Äste ab

Die Folgen waren überall in der Region zu beobachten. Weil die kranken Bäume dicke Äste abwarfen und einige auch nicht mehr standfest waren, mussten sie gefällt werden. „Erst waren die Fichten betroffen, die sehr flach wurzeln und dann die Buchen“, erzählt der Forstwirt. 

Dürresituation in 1,80 Metern Tiefe in Hessen

Buchen seien die wichtigste Baumart in Hessen. „Wir mussten wegen der Gefahr von herabfallenden Ästen herrliche alte Bäume fällen und ziemlich wüst im Wald arbeiten“, sagt Arend. Die Bevölkerung habe zum Glück meistens Verständnis gezeigt.

Für die Fichten gebe es in der Region schon jetzt keine Hoffnung mehr. „Wir werden uns hier in den nächsten 50 Jahren von der Fichte verabschieden. Sie hat nur noch in den regenreicheren Höhenlagen von Vogelsberg und Meißner eine Chance“, sagt Arend. 

Lagerplätze für Fichten sind voll

Seine Kollegen hätten so viele kranke Fichten aus dem Wald geholt, dass die Lagerplätze voll seien. Der Markt sei hemmungslos überversorgt und das, obwohl der Fichtenholz-Bedarf am Bau sehr hoch sei.

Werde das Jahr 2020 ähnlich trocken wie die vergangenen beiden, seien auch die alten Buchenbestände bedroht. „Viele Buchen treiben nur noch wenig oder gar nicht mehr aus“, sagt der Forstwirt. 

Auch die Esche sei gefährdet. Im Forstamt regiere angesichts der klimatischen Veränderungen das Prinzip Hoffnung. „Für die Zukunft setzen wir neben Buchen unter anderem auf Eichen, Bergahorn, Tannen und Douglasien.“

Schäden im Wald waren 2019 noch massiver als 2018

Dr. Andreas Marx erläutert, dass die Schäden im Wald im vergangenen Jahr noch massiver gewesen seien als 2018. 

Bäume seien – anders als die einjährigen Ackerpflanzen – auf Feuchtigkeit in tieferen Bodenschichten angewiesen. Kurze und heftige Niederschläge, wie es sie im vergangenen Sommer durchaus gegeben habe, hätten da wenig Einfluss. 

Das Wasser fließe schneller ab, als es versickern könne. Langanhaltender und gleichmäßiger Regen sei für die Bodenfeuchte wichtiger.

Zukunft noch ungewiss

„Ich bin schon einige Male auf der A 44 von Kassel in Richtung Dortmund gefahren. Dort sieht man rechts und links überall tote Nadelwälder“, sagt Marx. 

Wie sich die Niederschläge 2020 entwickelten, sei ungewiss. „Wenn sie durchschnittlich sind, reicht es vielleicht für die Landwirtschaft“, so der Forscher. Aber das Defizit für die Bäume bleibe.

Laut Dürremonitor des UFZ gibt es allein im Kasseler Stadtgebiet vier unterschiedliche Dürrezonen. Die geringere Bodenfeuchte im Süden und Osten des Stadtgebietes hängt mit der höheren Bebauungsdichte in dem Bereich zusammen. Im Norden gibt es mehr Waldflächen und nur eine dünne Besiedlung.

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