Kriminalitätsbrennpunkt

Kassel: Türkische Unternehmer beklagen Drogenhandel auf Jägerstraße

Kassel. Dealer verkaufen Drogen auf offener Straße. Männer gehen mit Tüten und Rucksäcken hin und her, verschwinden mitunter in einem Laden. Meter weiter trifft sich die Trinker- und Drogenszene auf dem Platz vor der Paul-Julius-von-Reuter-Schule. Türkische Unternehmer beklagen die Szene auf der Jägerstraße.

„Manchmal halten sich hier 100 Menschen auf“, sagt Oktay Belen, Geschäftsführer des türkischen Unternehmervereins.

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Im vergangenen Jahr hatte sich der Kasseler Verein darüber beschwert, dass die Stadt nichts gegen den Drogenhandel am Stern (Untere Königsstraße / Kurt-Schumacher-Straße) unternehme. Nachdem die HNA berichtet hatte, habe sich etwas verändert, sagt Belen. Die Situation direkt am Stern habe sich verbessert, dafür werde jetzt verstärkt um die Ecke - auf der Jägerstraße - mit Drogen gehandelt. „Jetzt sind dort die Geschäftsleute sauer“, sagt Belen.

Viele türkische Unternehmer hätten in jüngster Zeit trotz der Zustände Geld in ihre Geschäfte investiert, sagt Belen, direkt an der Ecke zur Gießbergstraße wird ein großes Restaurant saniert. Auf der Jägerstraße hat Bülant Kilic jüngst eine Bäckerei mit einem großen Café eröffnet. Aber meistens kämen nur Männer, sagt Kilic.

„Viele Frauen trauen sich nicht, zu uns zu kommen“, sagt Nezihe Kilic, die Tochter des Unternehmers. Auch ihre Freundinnen, das seien fast alle Deutsche, scheuten die Gegend. Die junge Frau berichtet dafür von Abhängigen, die jetzt regelmäßig Tee oder Kaffee schnorren wollten.

Fordern mehr Präsenz von Polizei und Ordnungsamt: Alla Albachit (links) und Oktay Belen vom türkischen Unternehmerverein kämpfen für eine drogenfreie Jägerstraße, die unser Bild zeigt. Fotos: Fischer (4)

Nach Angaben von Polizeisprecher Torsten Werner ist die Gegend rund um den Stern, wo sich auch der illegale Straßenstrich befindet, nach wie vor ein Kriminalitätsbrennpunkt. Deshalb habe die Polizei das Gebiet auch besonders im Auge. Allerdings sei hier kein Anstieg von Straftaten und Drogenkriminalität festzustellen.

Damit will sich Oktay Belen nicht zufriedengeben. „Es kann nicht sein, dass die Polizei uns seit sieben Jahren immer wieder sagt, dass sich hier nichts geändert hat.“ Der Geschäftsführer des Unternehmervereins sieht nach wie vor auch die Stadt in der Pflicht. „Wir wollen endlich eine Aufwertung. Wir wollen hier in keinem heruntergekommenen Stadtteil leben.“

Auf einen Wandel hofft auch der Kasseler Arzt Dr. Arif Ordu, der mit Kollegen im Frühjahr das Gesundheitszentrum Meditürk direkt am Stern eröffnet hat. „Hier wurden mehr als 2,5 Millionen Euro investiert“, sagt Ordu. Derzeit wird das Eckhaus von außen saniert. „Das könnte die Initialzündung für die ganze Ecke werden“, sagt der Mediziner, der sich noch mehr Polizeipräsenz und Engagement der Stadt wünscht. „Solange die Stadt aber der Ansicht ist, dass Drogenhandel am Stern das kleinere Übel als an einer anderen Stelle ist, bleibt das problematisch.“

Ergün Öner arbeitet in einem Haarstudio an der Jägerstraße. Er erzählt, dass sich viele seiner Kunden unwohl fühlten wegen des Treibens auf der Straße. Manchmal beobachte man auch Schlägereien. „Viele haben einfach auch nur Angst, dass hier etwas passieren könnte“, sagt Öner.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

Das sagt die Stadt

„Für die Bekämpfung der Drogenkriminalität ist grundsätzlich die Polizei des Landes zuständig“, sagt Ingo Happel-Emrich, Sprecher der Stadt. Die Mitarbeiter des Ordnungsamtes der Stadt Kassel hätten dafür weder die rechtlichen Befugnisse noch seien sie dafür ausgebildet und ausgerüstet.

Die Stadt nehme die Sorgen und Ängste der Anlieger der Unteren Königsstraße / Jägerstraße sehr ernst. Daher unterstütze die Stadt die Polizei seit Jahren unter anderem durch eine Videoüberwachung in diesem Bereich. Selbstverständlich sind die Mitarbeiter des Ordnungsamtes bei ihrer Außendiensttätigkeit im Stadtgebiet Ansprechpartner für die Menschen, sollten sie dabei Hinweise auf Straftaten erhalten, schalteten sie die Polizei ein und stellen gegebenenfalls bis zu deren Eintreffen die Personalien fest.

Diese Zusammenarbeit werde von der Polizeidirektion Kassel ausdrücklich positiv bewertet. Die elf Ordnungspolizeibeamten sind für das gesamte Stadtgebiet zuständig - nicht nur für den Bereich Untere Königsstraße. Dort seien sie jedoch regelmäßig und täglich mit Fußstreifen unterwegs.

Zusätzlich seien Mitarbeiter des Ordnungsamtes im Zuge ihrer weiteren Aufgaben dort präsent, wie etwa des Gewerbeaußendienstes, der Gaststätten- und Spielhallenkontrollen. „Alles in allem sind Mitarbeiter des Ordnungsamtes etwa 1800 Mal pro Jahr im Bereich Untere Königsstraße / Jägerstraße präsent.“ (use)

Rubriklistenbild: © Fischer, Andreas

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