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„Lassen uns nicht einschüchtern“: Kasselerin besucht ihre Heimatstadt in der Ukraine

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Von: Kathrin Meyer

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60 Stunden war sie mit dem Bus unterwegs: Die Kasselerin Iryna Höhmann besucht derzeit ihre Heimatstadt Tschernihiw in der Ukraine.

Kassel – Man sieht die Spuren des Krieges überall, beschreibt es Iryna Höhmann aus Kassel. „Es sind nicht nur die zerstörten Häuser. Auf der Straße begegnen einem teils junge Menschen, denen Arme oder Beine fehlen. Einige haben ihr Augenlicht durch Splitter von Bomben und Granaten verloren. Viele sind auffällig dünn.“ Sie sagt, die meisten Ukrainer sind sehr patriotisch und trotz bestehender Gefahr zurückgekehrt.

Anfang Februar war Iryna Höhmann zuletzt in ihrer Heimatstadt Tschernihiw. Damals hatte die Kasselerin im Gespräch mit der HNA die Stimmung im Land geschildert, als sich der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine mehr und mehr zuspitzte. Am 24. Februar dann griffen die Russen ukrainische Städte an, der Beginn eines Krieges in Europa, der noch vor wenigen Monaten als kaum vorstellbar galt.

34-Jährige aus Kassel reist in die Ukraine: Erst Bus, dann Taxi, dann zu Fuß über Grenze

Als die 34-Jährige aus Kassel sich vor wenigen Tagen erneut in ihre Heimat aufmachte, hatte sie keine Bedenken aufgrund der aktuellen Situation. Aber auch noch keinen festen Plan, wie sie die fast 2000 Kilometer bis dorthin zurücklegen würde. Mehr als 60 Stunden war sie insgesamt im Bus unterwegs. Mit einem Taxi ist sie dann bis zur Grenze gefahren, die sie im Beisein polnischer Soldaten zu Fuß überquert hat. Jemand nahm sie von dort im Auto bis nach Lwiw mit.

Nicht nur zerstörte Häuser lassen sie emotional werden: Iryna Höhmann aus Kassel war zuletzt im Februar in der Ukraine, jetzt ist sie wieder in ihre Heimat gereist.
Nicht nur zerstörte Häuser lassen sie emotional werden: Iryna Höhmann aus Kassel war zuletzt im Februar in der Ukraine, jetzt ist sie wieder in ihre Heimat gereist. © Privat

„Mit dem Zug zu fahren, wäre keine Alternative gewesen, denn der ist über Wochen ausgebucht, sagt Iryna Höhmann. Und wenn man versuche, die gesamte Strecke nur mit dem Auto zu bewältigen, stehe man womöglich tagelang im Stau. Auch Lastwagen stecken auf unbestimmte Zeit an der Grenze oder im Landesinneren fest. „Es wollen einfach zu viele Menschen zurück in ihre Heimat, die zu Beginn des Jahres von dort geflüchtet sind.“

Kasselerin berichtet aus ukrainischer Heimatstadt: Lebensmittel sind teuer

Trotz der weiter bestehenden Gefahr gibt es mittlerweile wieder einen gewissen Alltag, schildert Iryna Höhmann die Situation in Tschernihiw. Die Großstadt befindet sich im Norden des Landes – etwa 140 Kilometer von Kiew entfernt. 80 Kilometer sind es bis zur weißrussischen Grenze. „Tschernihiw ist eine der am meisten zerstörten Städte in der Ukraine“, sagt Höhmann. Die Wohnung ihrer Mutter ist bisher bei den Angriffen nicht beschädigt worden. Ihre Großmutter, die in einem abgelegenen Dorf wohnt, habe vom Kriegsgeschehen dort bisher kaum etwas mitbekommen.

Auch wenn Geschäfte, Supermärkte, Fitnessstudios und Theater geöffnet sind, heulen täglich mehrmals Sirenen, die Iryna Höhmann das Kriegsgeschehen unmittelbar ins Bewusstsein zurückrufen. Wer eine medizinische Versorgung benötige, müsse die benötigten Medikamente und Verbandsmittel selbst besorgen. Finanzielle Unterstützung gebe es keine. Weder um Schäden zu beseitigen, noch um Lebensmittel zu kaufen. „Die Preise sind mittlerweile vergleichbar mit denen in Deutschland“, sagt Höhmann. „Nur verdienen die Menschen in der Ukraine einen Bruchteil der Löhne, die in Deutschland gezahlt werden.“

Frau aus Kassel über Ukraine-Reise: „Gefahr ist weiter groß“

Emotional wird Iryna Höhmann auch beim Anblick der völlig zerstörten Hochhäuser. Freunde und Kollegen ihrer Mutter, die als Grundschullehrerin arbeitet, seien gestorben, als der Plattenbau, in dem sie lebten, mit Raketen angegriffen wurde. Auch eine Schulfreundin von Iryna Höhmann ist bei den Angriffen gestorben. Sie kenne niemanden, der nicht Familienmitglieder und Freunde verloren habe. Der Krieg habe aber in der Stadt ein vorher so nie da gewesenes Gemeinschaftsgefühl hervorgerufen, so zumindest empfindet es Höhmann. Man helfe und unterstütze sich gegenseitig.

Etwa die Hälfte der Bewohner von Tschernihiw sei mittlerweile in die Stadt zurückgekehrt, sagt Iryna Höhmann. „Alle sind sich bewusst, dass die Gefahr weiter groß ist. Immer wieder hört man von Menschen, die zum Beispiel beim Pilze suchen auf eine Miene getreten und gestorben sind.“

Die Ukrainer seien aber ohnehin sehr patriotisch und optimistisch, dass man den Krieg gewinnen werde. „Wir lassen uns nicht einschüchtern“, sagt Iryna Höhmann. (Kathrin Meyer)

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