Uni Kassel überwindet Grenzen 

Kassel und Tel Aviv arbeiten im virtuellen Seminarraum zusammen 

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Das Gegenüber sitzt in Isreal: Online arbeiten Studierende aus Kassel mit jüdischen und arabischen Kommilitonen zusammen. Unser Bild zeigt von links Studentin Salima Zitouni, die Tutoren Nina Schröder und Markus Pusch, Prof. Dr. Claudia Finkbeiner, und die Tutorinnen Leonie Rittmeier und Raphaela Nickel.

Wenn sich die Lehramtsstudenten im Seminar von Prof. Dr. Claudia Finkbeiner mit ihren Arbeitsgruppen treffen, wird der Laptop aufgeklappt. Auf dem Bildschirm springen fünf Fenster auf: Die Kommilitonen aus Tel Aviv schalten sich dazu. Erstaunlich geordnet beginnen die jungen Leute in dem Video-Chat zu diskutieren.

Das Projekt „Online Educational Initiatives“, das kürzlich beim Hessischen Hochschulpreis für Exzellenz in der Lehre den zweiten Platz belegte, überwindet gleich in mehrfacher Hinsicht Grenzen. Denn im virtuellen Seminarraum nehmen mit den Kasseler Studierenden sowohl jüdische als auch arabische Studenten der verschiedenen Partnerhochschulen in Israel Platz, die sonst keinen Kontakt miteinander hätten.

Berührungsängste überwinden

In gemischten Gruppen arbeiten die angehenden Lehrerinnen und Lehrer gemeinsam an fachdidaktischen Themen und entwickeln dazu interaktive Webseiten: vom Problem übergewichtiger Schüler bis zu einer Online-Plattform, auf der man Tandempartner zum Sprachenlernen findet.

Durch die Konzentration auf die inhaltliche Arbeit falle es meist leichter, Berührungsängste und Vorbehalte zu überwinden, sagt Anglistikprofessorin Finkbeiner, Leiterin des Fachgebiets „Fremdsprachenlehr- und -lernforschung und interkulturelle Kommunikation“. Vor sechs Jahren hat sie das Projekt zusammen mit Fachkolleginnen aus Israel ins Leben gerufen. Neben fachdidaktischen Kenntnissen erwerben die Studierenden in den Kursen praxisnah interkulturelle Kompetenzen. Das fange damit an, bei der Terminplanung auf Gebetszeiten, Sabbat und Feiertage der unterschiedlichen Religionen Rücksicht zu nehmen. Mitunter hätten sich die Gruppen sonntags um 7 Uhr zu Arbeitssitzungen getroffen, berichtet Finkbeiner, die in dem Projekt von Wiebke Ost und Marcel Förster unterstützt wird.

Deutschland hinkt hinter Israel hinterher

Zudem sammeln die Studierenden Erfahrungen im Umgang mit digitalen Medien. Die viel beschworene Digitalisierung der Schulen könne nur funktionieren, sagt Finkbeiner, wenn angehende Lehrkräfte den Einsatz neuer Medien in der Ausbildung selbst erproben könnten. In diesem Bereich hinke Deutschland weit hinter Israel her. So könnten die Kasseler Studierenden gerade bei den technischen Fertigkeiten viel von ihren Online-Kommilitonen lernen.

Am Ende des Semesters, wenn die internationalen Teams ihre Ergebnisse vor dem gesamten Seminar präsentierten, seien die Gruppen meist eng zusammengewachsen. Dass die virtuellen Beziehungen tragen, war auch beim ersten „echten“ Treffen in Israel im vergangenen Sommer zu spüren: „Wir wurden so herzlich empfangen, das hat sich direkt wie Familie angefühlt“, erinnert sich Raphaela Nickel, die inzwischen als Tutorin im Projekt mitarbeitet. Im Juni erwarten die Kasseler den Gegenbesuch aus Israel.

Uni Kassel zweifach ausgezeichnet

Mit dem Hessischen Hochschulpreis für Exzellenz in der Lehre zeichnet das Land hervorragende Lehr- und Lernkonzepte aus. Gleich zwei der vier vergebenen Preise gingen dieses Mal an die Uni Kassel. Den dritten Platz belegte das Projekt „Die virtuelle Dimension“, bei dem Kunsthochschul- und Informatikstudenten historische Kunstausstellungen in virtueller Realität nachbauen. 

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