Vorlesungsreihe über die Entwicklung der Stadt Kassel

Prof. Wolfgang Schroeder: „Kassel hat unschätzbare Potenziale“

"Kassel 4.0 - Stadt der Transformationen" - Unter diesem Titel veranstaltet die Universität Kassel bis Mitte Juli eine Ringvorlesung mit Wissenschaftlern, Kommunalpolitikern und Akteuren der Stadtgesellschaft. Wir sprachen darüber mit dem Initiator der Reihe, Prof. Dr. Wolfgang Schroeder.

Wie ist die Idee zu der Ringvorlesung entstanden und welchen Zweck verfolgt sie? 

Prof. Schroeder: Ausgangspunkt war die Debatte um die documenta 14, die ja 2017 gemeinsam mit der griechischen Hauptstadt Athen veranstaltet werden wird. Dieses internationale Konzept bietet große Chancen, aller Kritik zum Trotz. An diesem Beispiel hatte man den Eindruck, dass es Teile der Stadtgesellschaft gibt, denen es an städtischem Selbstbewusstsein mangelt. Das hat uns auf die Idee gebracht, einmal anhand von positiven Beispielen im lokalen Raum aufzuzeigen, wie gut Kassel den Wandel im Zeitalter von Globalisierung, Digitalisierung und einer älter werdenden Bevölkerung gestalten kann. Wir wollen uns als anwendungsorientierte Forscher an der Diskussion über die Zukunft der Stadt beteiligen.

Im Dynamik Ranking der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ist Kassel von der Spitzenposition 2011 auf den 19. Platz 2014 verdrängt worden. Sind das nicht doch Zeichen eines Abwärtstrends? 

Schroeder: Das sind vor allem Momentaufnahmen. Sie demonstrieren anhand bestimmter Standortindikatoren, was ich gerade dargelegt habe: In Kassel ist viel Bewegung drin. Dieses Ranking sollte Kassel eher als Ansporn verstehen.

Welche Chancen sehen Sie hier? 

Schroeder: Früher wurden Standorte meist nur nach harter wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit beurteilt. So wurde der zweckmäßige Ausbau von Großwohnsiedlungen oder die Schaffung der autogerechten Stadt in Kassel über lange Zeit als bundesweit vorbildlich betrachtet. Heute werden vielfach andere Standortfaktoren herangezogen, um die Potenziale einer Stadt zu verstehen: Hochschulen, Kultur- und Bildungseinrichtungen, Naherholungsgebiete und Kinderbetreuungsplätze werden in zunehmendem Maße wichtiger für die Beurteilung einer Stadt und vor allem für die Entscheidung, ob man hier ein Unternehmen gründen und leben will. Und: Viele dieser Faktoren sind politisch herstellbar. Hier besitzt Kassel unschätzbare Potenziale.

Was verstehen sie eigentlich unter Kassel 4.0? 

Schroeder: Analog zu Industrie 4.0 sollten wir eine Debatte über die Stadt 4.0 beginnen. Industrie 4.0 ist ja so etwas wie ein Synonym für die Fähigkeit zur Vernetzung. Eine Stadt 4.0 muss sich als Netzwerkakteur begreifen, um die vielfältigsten Kompetenzen zu einer Synthese zu bringen.

Wie sehen Kassels Chancen im Vergleich zu anderen Städten aus? Welche Vorteile besitzt Kassel, die andere Städte nicht haben? 

Schroeder: Kassel ist prädestiniert für die Stadtformation 4.0. Und zwar wegen seiner starken industriellen und starken kulturell-wissenschaftlichen Basis. Zudem ist die geographische Mittellage in Deutschland ein unglaubliches Pfund. Kassel hat sich von Hessisch-Sibirien zu Hessisch-Kalifornien entwickelt.

Sehen Sie auch Gefahren für die weitere Entwicklung? 

Schroeder: Eine große Gefahr ist der drohende Fachkräftemangel. Das wird ein wichtiger Aspekt, um den sich die Konkurrenz unter den Städten künftig drehen wird. Vor diesem Hintergrund wird Kassel seine Chance als Hochschulstandort weiter stärken müssen. Die Stadt muss versuchen, mehr junge Leute nach ihrem Studium in Kassel zu halten. Auch die wachsende Zahl von Flüchtlingen ist ein Potenzial. Unternehmen müssen einen Strukturwandel einläuten, damit auch schwächere Azubis ihre Chance erhalten. Es geht also um die vielfältigen Standortfaktoren, die Lebensqualität in der Stadt stärken können. Wie wollen wir in Kassel leben? Welches Leitbild wollen wir für die Stadt gewinnen? Das werden die entscheidenden Zukunftsfragen für Kassel sein.

Prof. Dr. Wolfgang Schroeder (54) ist Leiter des Fachgebiets „Politisches System der BRD - Staatlichkeit im Wandel“ an der Uni Kassel. Der Politikwissenschaftler war von 2009 bis 2014 Staatssekretär im Brandenburger Sozialministerium. Er lebt in Kassel. 

Nächster Termin: „Von der Residenz zur Industriemetropole - Kassel im Spiegel der Zeit“, Prof. Dr. Jens Fleming, Dienstag , 21. April, 18.15 Uhr, Hörsaal II.

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