"Zu Hause war mein Schutzraum"

Mobbing in der Schule: Kasseler Landtagsabgeordnete erzählt, wie sie als Lesbe schikaniert wurde

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Gewann bei der Landtagswahl im Oktober das Direktmandat in Kassel: Die Grünen-Politikerin Vanessa Gronemann.

In Berlin nahm sich eine Grundschülerin das Leben – vermutlich wegen Mobbing. Hier erzählt die Kasseler Politikerin Vanessa Gronemann, wie sie wegen ihrer Homosexualität schikaniert wurde.

Der Fall hat für Entsetzen gesorgt und das Thema Mobbing an Schulen in den Mittelpunkt gerückt. Nach dem Tod der Elfjährigen in Berlin meldete sich auch die Kasseler Landtagsabgeordnete Vanessa Gronemann von den Grünen bei Twitter zu Wort. Sie schrieb, dass auch sie in der Schule gemobbt wurde – wegen ihres Aussehens und später wegen ihrer Homosexualität. Die Schule sei für sie immer ein Angstraum gewesen, den sie nicht meiden konnte. Im Interview spricht sie über das, was sie in ihrer Jugend erlebt hat.

Frau Gronemann, in welcher Form haben Sie Mobbing erfahren?

Das war eine typische Schulhofgeschichte. In den Pausen sind mir ältere Schülerinnen hinterhergelaufen und haben mir üble Dinge hinterhergesagt. Sie haben gerufen, ich sei zu dick und zu hässlich und, und, und – und das über eine sehr lange Zeitspanne hinweg. Das war damals womöglich noch etwas anders als heute, wo das Mobbing durch das Internet ganz andere Formen annimmt. Da ist es dann schwer, sich generell zu entziehen. Bei mir war es immerhin so, dass ich mich zurückziehen konnte, sobald ich zu Hause war. Dort war mein Schutzraum.

Welche Folgen hatte das Mobbing in der Schule bei Ihnen?

Es führte zum Beispiel dazu, dass ich nicht mehr in den großen Pausenraum gegangen bin und dass ich versucht habe, mich auch innerhalb der Schule zurückzuziehen. Immerhin war ich dabei nicht allein, weil ich ein, zwei Leute hatte, die mir beistanden. Diese Unterstützung hat mir auch geholfen, als ich geoutet worden bin. Da hatte ich Freundinnen und Freunde, die mich verteidigt haben. Wenn man in solch einer Lage völlig isoliert ist, dann wird es ganz schrecklich.

Sie sagen, Sie sind geoutet worden. Wie haben Sie das empfunden?

Das war damals eine falsche Freundin, die weitergetragen hat, dass ich homosexuell bin, bis es jeder wusste. Und auf einmal haben mich Leute aus der Parallelklasse verfolgt und „Lesbe, Lesbe“ gerufen. Das ist eigentlich keine Beleidigung, aber es ging darum, mich bloßzustellen. Außerdem war die ganze Sache unschön, weil ich selbst gern die Entscheidung getroffen hätte, wem ich was sage.

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Sie sprechen vom Angstraum Schule. Wie hat sich diese Angst bei Ihnen geäußert?

Gerade beim Thema Outing gingen bei mir die Angst und Verzweiflung so weit, dass ich Suizidgedanken entwickelt habe. Das lag aber auch an dem fragilen Gesamtkonstrukt damals – als ich dabei war, die eigene Identität zu finden. Es fällt mir auch heute noch schwer, darüber zu sprechen. Es gab Momente, in denen ich mich allein gefühlt und gedacht habe, die ganze Welt hätte sich gegen mich verschworen. Es war dann verdammt schwer, eine Perspektive zu entwickeln. Zumal ich vor allem als junger Mensch nicht gerade zeigen wollte, dass mich das so mitnimmt und so berührt.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Was hat Ihnen geholfen?

Die generelle Solidarität meiner Familie und meiner Freunde, indem sie gesagt haben: Du bist nicht anders, sondern du bist du. Es stärkt einen auch zu wissen, dass es Menschen gibt, denen man vertrauen kann. Und es braucht in Extremsituationen Menschen, die sagen: Hör nicht hin.

Sie sind in Bad Karlshafen zur Schule gegangen. Welche Möglichkeiten gab es damals dort, sich helfen zu lassen?

Die Sensibilität dafür war damals noch nicht so ausgeprägt wie heute. Ich weiß noch, dass ich mich mal mit meinen Problemen einer Pausenaufsicht anvertraut habe. Und die hat das Ganze einfach abgetan. Die hat einfach nicht gesehen, dass ich eine richtig schwere Zeit durchlebe. Ich hoffe, dass dies heute generell besser läuft und Schüler in ähnlichen Situationen sozialpädagogisch begleitet werden und die Schulen deutlich machen, an wen sich die Betroffenen wenden können. Die Vertrauenslehrer müssen eben auch sichtbar sein.

Sie sind jetzt in der Politik, können auch etwas bewirken. Mittlerweile gibt es die Forderung, dass Lehrer generell in Aus- und Weiterbildungen lernen, wie sie mit dem Thema Mobbing umgehen. Ist das der richtige Ansatz?

Ja. Aber es geht dabei nicht nur darum, bestimmte Situationen zu erkennen, sondern es geht auch darum, präventiv tätig zu werden. Wichtig ist es daher auch, dass die Lehrer das Thema Mobbing mit den Schülern besprechen, damit Extremsituationen gar nicht entstehen. Das heißt, die Lehrer müssen bei den Kindern eine gewisse Empathie hervorrufen, sie sensibilisieren und ihnen sagen, dass Mobbing gerade deswegen funktioniert, weil einige wegsehen. Insgesamt ist das eine große Aufgabe, zumal wir den Lehrern generell viel abverlangen.

Was würden Sie denn Mobbingopfern heute raten?

Ich würde ihnen versuchen zu vermitteln, dass die Angriffe oder Beleidigungen gegen sie nichts mit ihnen zu tun haben, sondern sie haben mit der Person zu tun, die einen angreift oder beleidigt. Wenn man das verinnerlicht hat, hält man es besser aus. Das Schlimmste ist, wenn einem eingeredet wird, dass man nichts wert sei – und das dann auch glaubt.

Wie haben Sie sich selbst von der Angst befreit?

Ich habe gelernt, nicht zuzulassen, dass die Meinung anderer die eigene Wahrnehmung beeinträchtigt. Und ich habe gelernt, nur auf die Menschen zu hören, denen ich vertraue, ohne sich auch von deren Meinung komplett vereinnahmen zu lassen. Das war insgesamt ein schwerer und schmerzhafter Prozess. Aber ihn zu durchlaufen, war für mich überlebenswichtig.

Zur Person: Vanessa Gronemann 

Vanessa Gronemann ist 29 Jahre alt. Sie ist in Hofgeismar geboren und in Gieselwerder aufgewachsen. Bereits mit 25 wurde sie Grünen-Vorsitzende des Kreisverbandes Kassel-Stadt. Seit 2017 arbeitete sie für die Bundestagsabgeordnete Bettina Hoffmann. Im Herbst vergangenen Jahres gewann Gronemann das Direktmandat im Kasseler Westen, das sie in den Landtag brachte.

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