Auf der Suche nach seinen Kindern

Leben beide Söhne noch? Vater will Kasseler IS-Anhänger in kurdischem Gefängnis gefunden haben

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Das Foto soll das Gefangenenlager der kurdischen Miliz YPG im Nordosten Syriens zeigen, in dem Fabian und Manuel Gerhard inhaftiert sein sollen. 

Joachim Gerhard aus Kassel hat noch Hoffnung: Er ist sich sicher, dass seine Söhne leben und sich in einem Gefangenenlager der kurdischen Miliz YPG im Nordosten von Syrien befinden. 

  • IS-Anhänger aus Kassel sind 2014 nach Syrien ausgereist
  • Vater sucht verzweifelt nach seinen Söhnen
  • Er ist überzeugt, sie in einem kurdischen Gefangenenlager in Syrien gefunden zu haben

Kassel - Seit Jahren sucht Joachim Gerhard seine Söhne. Fabian und Manuel sind im Oktober 2014 von Kassel nach Syrien ausgereist, um sich der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) anzuschließen. Jetzt ist er sicher, beide in einem Gefangenenlager der kurdischen Miliz YPG im Nordosten des Landes gefunden zu haben. „Ich habe mit ihnen mehr als vier Stunden sprechen dürfen“, sagt der 56-jährige Unternehmer, der inzwischen in Zierenberg lebt.

Leben Kasseler IS-Anhänger noch? Vater bereits zum 30. Mal in Syrien

Ende Januar hatte sich Joachim Gerhard aus Kassel zum mehr als 30. Mal seit dem Verschwinden seiner Söhne auf den Weg in das syrische Grenzgebiet gemacht, begleitet von zwei Kameramännern des deutsch-französischen Fernsehsenders Arte. Dort glaubte er bereits im vergangenen Jahr, den älteren der beiden Brüder gefunden zu haben. Den heute 27-Jährigen habe er nur aus der Ferne sehen dürfen, er sei sich aber sicher, dass es sich um Fabian handle, sagte er damals.

Gerhard verklagte in der Folge die Bundesregierung auf dessen Rückholung. Ein Eilantrag wurde im November 2019 allerdings abgelehnt, weil Gerhard nicht über die notwendige Prozessvollmacht seines Sohnes verfügte. Manuels Schicksal war zu dem Zeitpunkt unklar.

Leben Kasseler IS-Anhänger noch? Sicherheitsbehörden haben sie 2016 für tot erklärt

Jetzt steht für den Vater aus Kassel fest, dass auch der heute 23-Jährige lebt. Dabei hatten die deutschen Sicherheitsbehörden beide Männer 2016 für tot erklärt. Der kurdische Geheimdienst soll Gerhard zufolge ein Treffen in dem Lager ermöglicht haben.

„Ich hatte weiche Knie. Wir alle haben die ganze Zeit geweint, uns immer wieder umarmt“, schildert Gerhard das Wiedersehen mit Fabian und Manuel. Beide seien ziemlich mitgenommen. Die psychischen und physischen Belastungen ihrer Gefangenschaft seien ihnen deutlich anzusehen, sagt Gerhard. Film- und Fotoaufnahmen seien bei dem Treffen nicht erlaubt gewesen.

Kassel: Vater von IS-Anhängern will Söhne in kurdischem Gefangenenlager entdeckt haben

Über die konkreten Verhältnisse in dem Lager und über mögliche Folter hätten seine Söhne nicht sprechen dürfen. „Es tut ihnen unendlich leid, dass sie damals gelogen haben und ausgereist sind“, beteuert Gerhard. Sie hätten andere Erwartungen gehabt, hätten nur helfen wollen. Alles Weitere hätten sie nur getan, um zu überleben. 

Laut ihrer eigenen Schilderung befänden sich beide schon seit Jahren in kurdischer Haft, nachdem sie sich ergeben hätten. Beide Männer aus Kassel wollten nach Deutschland zurückgeholt werden und sich hier einem Gerichtsverfahren stellen, sagt Gerhard. Um auf ihre Rückholung zu klagen, hätten ihm Fabian und Manuel jeweils eine Prozessvollmacht erteilt.

Kassel: Vater von IS-Anhängern überzeugt, dass Staatsschutz wusste, dass seine Söhne noch leben

Der Staatsschutz habe gewusst, dass Fabian und Manuel aus Kassel am Leben seien, glaubt Gerhard. Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes hätten sie seinen Söhnen zufolge in der Vergangenheit regelmäßig in dem Gefangenenlager aufgesucht. Gerhard wirft den deutschen Sicherheitsbehörden vor, ihn wissentlich getäuscht zu haben. 

„Sie hatten Angst, ich könnte die beiden zurückholen, und es könnte bekannt werden, dass sie die ganze Zeit wussten, dass Fabian und Manuel dort festsitzen.“ Auf Anfrage unserer Zeitung, ob der Staatsschutz über den Aufenthaltsort der beiden Brüder informiert ist und/oder in der Vergangenheit war, antwortet die Behörde, dass sie personenbezogene Anfragen aus Datenschutzgründen nicht beantwortet.

Kassel: Vater von IS-Anhängern sieht Bestätigung in Haftbefehlen gegen seine Söhne

Seine These sieht Gerhard auch bestätigt, weil gegen seine Söhne Haftbefehle vorliegen sollen. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt bestätigt lediglich, dass ein Ermittlungsverfahren gegen einen 27-jährigen und 23-jährigen Tatverdächtigen aus Kassel wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung geführt wird. Ihnen werde vorgeworfen, sich im Jahr 2014 dem IS in Syrien angeschlossen zu haben. Zu Haftbefehlen und Fahndungsmaßnahmen gebe die Behörde generell keine Auskünfte, um Ermittlungen nicht zu gefährden.

Gerhards Anwältin Seda Basay-Yildiz sagt, sie habe die Haftbefehle nicht gesehen, wisse aber, dass sie existierten. Ihrer Kenntnis nach seien sie im April 2019 erlassen worden. „Dies bedeutet, dass es (neue) Erkenntnisse zu den beiden Söhnen gab. Haftbefehle gibt es nur gegen lebende Personen. Alles andere macht keinen Sinn“, sagt sie.

Von Nicole Schippers

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