„Das sind gewaltige Zahlen“

Kasseler KVG schätzt Kosten für Ausbau des ÖPNV auf Hunderte Millionen Euro

Für den geplanten ÖPNV-Ausbau in Kassel werden auch Investitionen in die Infrastruktur der KVG-Betriebsanlagen nötig sein. Unser Foto zeigt den Straßenbahn-Betriebshof in Wilhelmshöhe.
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Für den geplanten ÖPNV-Ausbau in Kassel werden auch Investitionen in die Infrastruktur der KVG-Betriebsanlagen nötig sein. Unser Foto zeigt den Straßenbahn-Betriebshof in Wilhelmshöhe.

Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs in Kassel wird Hunderte Millionen Euro kosten. Das geht aus einem Schreiben der Kasseler Verkehrs-Gesellschaft (KVG) hervor.

Kassel - Das Schreiben der KVG wurde in der Stadtverordnetenversammlung von Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) verlesen. Das KVG-Papier ist die Antwort auf eine Anfrage der CDU-Fraktion. Die wollte damit in Erfahrung bringen, mit welchen Mehrkosten im ÖPNV Kassel bei der vom Klimaschutzrat geforderten Taktverdichtung zu rechnen ist.

Dichtere Takte, attraktivere Verbindungen und Angebote, um mehr Menschen zum Umstieg auf Busse und Bahnen zu bewegen: Den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV) fordern in Kassel alle Parteien. Was das kosten könnte, dazu hat die Kasseler Verkehrs-Gesellschaft (KVG) nun erstmals eine grobe Schätzung vorgelegt. Ergebnis: Allein für die Anschaffung zusätzlicher Straßenbahnen und Busse müssten bis zu 122 Millionen Euro investiert werden.

Öffentlicher Nahverkehr in Kassel - KVG-Papier als Reaktion auf CDU-Anfrage

Das der HNA vorliegende KVG-Papier geht auf eine Anfrage der CDU zurück. Sie fragte, welchen Mehraufwand eine dichtere Taktfolge im Straßenbahnverkehr (fünf Minuten) und im Busverkehr (15 Minuten) zur Folge hätte. Anlass dazu gibt die Forderung des Klimaschutzrats nach Verkürzung des Taktintervalls auf den Hauptverkehrsachsen auf fünf Minuten, ansonsten auf zehn beziehungsweise 20 Minuten.

Nach Angaben der KVG fahren die Trams in Kassel bisher im 15-Minuten-Takt, überlagern sich auf Hauptverkehrsachsen zum 7,5-Minuten-Takt. Bei Bussen variiert die Taktdichte deutlich. Die geforderte Verdichtung der Takte würde nach Berechnung des Unternehmens eine Steigerung der Fahrplanleistungen um bis zu 50 Prozent bedeuten. Um das zu schaffen, müsste der KVG-Fuhrpark um 20 bis 30 Straßenbahn-Triebwagen (Kosten: 60 bis 90 Millionen Euro) sowie um 20 bis 35 Busse (18 bis 32 Mio. Euro) aufgestockt werden – zuzüglich Reserven, heißt es in dem Schreiben.

Der Mehrbedarf an Fahrpersonal wird mit 120 bis 180 Vollzeitstellen (jährliche Mehrkosten: sechs bis neun Mio. Euro) beziffert. Hinzu kämen Kosten für weiteres Personal etwa in Werkstatt und Verwaltung.

Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs in Kassel - „Weitreichende Investitionen“ notwendig

Zu Investitionen in die Infrastruktur – etwa in Oberleitungen, zweigleisige Streckenausbauten und Betriebsanlagen – legt die KVG keine Kostenschätzung vor. Sie spricht lediglich von „weitreichenden Investitionen“. Zur zeitlichen Umsetzbarkeit nennt sie die Jahre 2027 bis 2036. Nicht berücksichtigt sind in den Schätzungen Ausbauvorhaben wie die mit über 100 Millionen Euro kalkulierte Tram-Verlängerung nach Harleshausen.

Unterschiedlich reagieren die Stadtverordneten-Fraktionen auf die jetzt vorgestellten KVG-Zahlen. Während die CDU fordert, sich aufs Machbare zu konzentrieren und keine „Luftschlösser“ zu bauen, betonen Grüne und SPD, der ÖPNV-Ausbau sei unumgänglich für die Klima- und Mobilitätswende.

Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs in Kassel - Investitionen in Haltestellen und Gleise nötig

Nach Aussage der KVG sind die finanziellen Dimensionen schwer abschätzbar. Daher seien die Zahlen als grobe Schätzung zu verstehen. Das Papier geht davon aus, dass für die Beschaffung zusätzlicher Straßenbahn-Triebwagen und Busse bis zu 122 Millionen Euro investiert werden müssten. Die Kosten für das zusätzlich benötigte Fahrpersonal würden mit bis zu neun Millionen Euro im Jahr zu Buche schlagen. Damit nicht genug: Mit dem bisherigen Infrastrukturnetz lasse sich die Taktverdichtung nicht realisieren. Deshalb wären weitere Investitionen etwa in Stromversorgung, Haltestellen und Gleise nötig.

Einig waren sich die Stadtverordneten darüber, dass der von der KVG genannte Mehraufwand hoch ist. „Das hört sich gewaltig an“, räumte auch Oberbürgermeister Geselle ein. Man werde aber Lösungen für eine solche Aufgabe erreichen können.

Kosten für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs in Kassel - „Das sind gewaltige Zahlen“

Das sah die CDU etwas anders. „Das sind gewaltige Zahlen“, sagte Dominique Kalb, der verkehrspolitische Sprecher der Fraktion. Er erwarte, dass der Magistrat ein realistisches Szenario entwerfe, welche Maßnahmen umgesetzt werden könnten, was man sich leisten könne und was nicht. Es dürften keine „Luftschlösser“ gebaut werden.

Widerspruch meldete Sven Schoeller, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen, an. Wenn man als Konsequenz dieser Zahlen nun bei der Verkehrswende auf die Bremse treten wolle, sei dies der falsche Weg. Es gebe Tausende von Menschen, die in Kassel auf ihr Auto verzichten könnten und die man durch ein besseres ÖPNV-Angebot zum Umstieg vom Auto auf Busse und Bahnen bewegen könne. „Wir als Stadt sollten den Weg für die Verkehrswende bereiten, soweit das in unserer Verantwortung liegt“, so Schoeller.

Hohe Kosten für Ausbau des ÖPNV in Kassel - Parteien äußern sich

Sozialdemokrat Sascha Gröling wies die CDU-Ansicht ebenfalls zurück. „Ein Weiter- so kann es nicht mehr geben“, meinte der verkehrspolitische SPD-Sprecher. Der ÖPNV müsse attraktiver werden. Zudem gehe es bei der KVG-Einschätzung um den Zeitraum von 2027 bis 2036. Im „Worst-Case-Szenario“, im schlimmsten Fall, sei mit Kosten von 122 Millionen Euro zu rechnen. Von Bund und Land müsse für die in Kassel notwendigen Investitionen Unterstützung eingefordert werden, betonte Gröling.

Violetta Bock, Fraktionsvorsitzende der Linken, kritisierte, dass die KVG-Informationen in der Sitzung verlesen wurden und vorab nicht schriftlich zur Verfügung gestellt worden waren. Damit sei Zeit gestohlen worden, um andere wichtige Tagesordnungspunkte wie Kohleausstieg und A 44 behandeln zu können, so Bock.

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Als „vermessen“ bezeichnete OB Geselle diese Kritik. Auch die Kritik der Linken an der wegen der Corona-Pandemie gestrichenen Fragestunde ließ er nicht gelten. Der Verzicht darauf sei nicht Sache des Magistrats, sondern eine Vereinbarung des Ältestenrats. Geselle: „Die Stavo ist ihre Spielwiese.“

Abgelehnt wurde der CDU-Antrag, die KVG-Liniennetzreform zurückzunehmen und zunächst den alten Zustand wieder herzustellen. Man wolle eine „echte Neukonzeption“ und Angebote, um die Fahrgastzahlen zu erhöhen, begründete Dominique Kalb den Antrag. Zurück auf den alten Stand zu gehen, sei nicht der richtige Weg, entgegnete Sascha Gröling (SPD). „Die Rücknahme der Reform bringt uns keinen Schritt weiter“, so Sven Schoeller (Grüne). „Wir müssen den Blick nach vorn richten.“

Auch die Linke lehnte ab. Zurückgedreht werden müssten die Einsparungen, der Ausbau des ÖPNV müsse endlich beginnen, forderte Violetta Bock. Sven Dreyer (AfD) hielt die „Rolle rückwärts zum alten Stand“ ebenfalls nicht für sinnvoll. Man brauche eine Analyse und Fahrbetriebssimulationen, um den ÖPNV attraktiver zu machen. Den CDU-Antrag trugen nur die FDP und Bernd Hoppe (Bienen-Liste) mit. (Andreas Hermann)

Einen Tag konnte man in Kassel kostenlos mit Bus und Bahn - doch viele Kasseler wussten von dem Angebot nichts.

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