Auszeichnung wird ohne umstrittenen Verein in Baden-Baden vergeben

Kassel verliert Kulturpreis Deutsche Sprache

Letzte Preisträgerin in Kassel: Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller wurde vorige Woche in der Stadthalle ausgezeichnet.
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Letzte Preisträgerin in Kassel: Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller wurde vorige Woche in der Stadthalle ausgezeichnet.

Nach 20 Jahren in Kassel wird der Kulturpreis Deutsche Sprache künftig in Baden-Baden vergeben - und zwar ohne den umstrittenen Verein Deutsche Sprache.

Kassel – Als Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller vorige Woche in der Stadthalle den Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache entgegennahm, wusste fast niemand im Saal, dass an diesem Tag eine Ära endete. Der Kulturpreis Deutsche Sprache, den die Eberhard-Schöck-Stiftung und der Verein Deutsche Sprache (VDS) seit 20 Jahren in Kassel an Persönlichkeiten wie den Komiker Loriot, Musiker Udo Lindenberg und Schauspieler Ulrich Tukur überreichen, wird künftig in Baden-Baden vergeben. Dies erklärte Stiftungsvorstand Peter Möller gestern gegenüber unserer Zeitung.

Die Entscheidung sei bereits im Mai gefallen, wurde jedoch geheim gehalten, damit die Verleihung an Müller nicht überlagert wurde, sagte Möller. Es sei der Wunsch der Familie Schöck gewesen, den Preis künftig dort zu vergeben, wo man zuhause sei. Baden-Baden ist der Sitz der Stiftung des Bauingenieurs und Unternehmers Eberhard Schöck. Auch die von ihm gegründete Firma residiert dort.

Die Entscheidung gegen die Stadt der Brüder Grimm ist jedoch mehr als nur ein Umzug. Der Kulturpreis, der aus dem mit 30 000 Euro dotierten Jacob-Grimm-Preis, dem Initiativpreis (5000 Euro) und dem undotierten Institutionenpreis besteht, wird künftig allein von der Stiftung und nicht mehr vom VDS vergeben, der unter anderem wegen seines Kampfes gegen das Gendern und angeblich reaktionärer Positionen immer wieder in der Kritik steht.

Laut Stiftungsvorstand Möller stimme man in wichtigen Punkten nicht mehr überein: „Mit dem Kulturpreis soll etwas Positives ausgezeichnet werden. Der VDS ist jedoch besonders aktiv darin, aus seiner Sicht negative Dinge anzuprangern. Davon wollten wir uns abgrenzen.“

Zuletzt hatten die Grünen gefordert, dass die Stadt ihre Zusammenarbeit mit dem VDS beende – denn der Magistrat zahlte für den Kulturpreis Jahr für Jahr einen Zuschuss von 5000 Euro. Diese Debatte hat sich nun erledigt.

Oberbürgermeister Christian Geselle bedauert den Umzug. Er habe sich „intensiv bemüht“, dass der Preis auch künftig in Kassel vergeben werde – ohne Erfolg. Der SPD-Politiker versichert: „Kassel bleibt eine Stadt, in der die deutsche Sprache eine besondere Bedeutung hat.“ Der CDU-Fraktionschef Michael von Rüden sagte: „Das ist ein Verlust für Kassel.“

Die Schöck-Stiftung will Kassel weiter verbunden bleiben. So wird laut Möller ein Alphabetisierungsprojekt an der Oskar-von-Miller-Schule fortgeführt: „Wir haben uns in Kassel immer sehr wohl gefühlt.“

Ähnliches sagt der VDS-Vorsitzende Walter Krämer, obwohl sein Verein bereits bei der ersten Verleihung im Jahr 2000 von linken Kritikern verunglimpft worden sei. Doch der Dortmunder Statistik-Professor, der auch schon mal gegen den „aktuellen Meinungsterror unserer weitgehend linksgestrickten Lügenpresse“ wettert, hat sich daran gewöhnt: „Wer nicht wenigstens einmal im Leben von der taz als Nazi beschimpft wurde, ist kein echter Demokrat.“

Gerade wegen der Kritik am Gendern bekomme sein Verein immer mehr Zulauf. Künftig will der VDS einen eigenen Preis vergeben. Wo, ist noch nicht klar. Krämer sagt: „Wenn Kassel ein gutes Angebot macht, sind wir offen für eine Kooperation.“ (Matthias Lohr)

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