Damals noch mit Dampf

Kassel war weltweit die dritte Stadt mit einer dampfbetriebenen Straßenbahn

Endhaltestelle am Bergpark Wilhelmshöhe: Das Foto entstand um 1900 als bereits das neue und bis heute erhaltene Haltestellengebäude gebaut war. Zuvor stand dort ein kleinerer Haltestellenbau.

Vor 140 Jahren fuhr die erste dampfbetriebene Straßenbahn in Kassel. Damit war Kassel nach Paris und Kopenhagen die dritte Stadt auf der Welt mit diesem Verkehrsmittel. Überall sonst wurden die Bahnen noch von Pferden durch die Städte gezogen. 

Paris, Kopenhagen, Kassel: Nicht häufig spielt die nordhessische Großstadt in einer Liga mit Hauptstädten. Bei der Etablierung einer Straßenbahn aber schon. Während in New York und Moskau im Jahr 1876 noch Pferdebahnen unterwegs waren, wurde in Kassel die dampfbetriebene Straßenbahn auf die Schiene gebracht. Die Linie 1 führte damals wie heute vom Königsplatz bis zum Bergpark Wilhelmshöhe.

Auflauf auf dem Königsplatz: Dieses Bild entstand vor der Jahrhundertwende auf dem Königsplatz. Mittig der Durchgang zur Kölnischen Straße. Links steht heute der Peek & Cloppenburg-Neubau.

Während in den weiteren Pionierstädten Paris und Kopenhagen längst keine Straßenbahnen mehr fahren, existiert das Kasseler Tram-Netz bis heute. Mitinitiator vor 140 Jahren war der Kasseler Buchhändler Georg Heinrich Wigand. Bereits 1870 hatte Wigand während der Industrieausstellung eine Pferdebahn nach Wilhelmshöhe organisiert. Er handelte nicht uneigennützig, denn er wollte sein Hotel in Wilhelmshöhe besser erreichbar machen.

Nachdem der Geschäftsmann Wigand in Deutschland keine Geldgeber fand, konnte er schließlich die Firma Jay & Company aus London für den Bau und Betrieb einer dampfbetriebenen Straßenbahn gewinnen. Bei der Jungfernfahrt der „Cassel Tramway Company“ am 5. Juli 1877 standen die Kasseler entlang der Königsstraße und der Wilhelmshöher Allee Spalier.

Der neue Betriebshof: Dieses Foto zeigt den 1899 neu gebauten Betriebshof Wilhelmshöhe kurz vor seiner Eröffnung.

Zunächst pendelten zwei qualmende Züge. 30 Minuten brauchte die Bahn noch für die sechs Kilometer lange Strecke. Für die einfache Fahrt wurden 30 Pfennig fällig, hin und zurück 50 Pfennig. Warnsignale gab der Fahrer mit einem Messinghorn ab. Es dauerte eine Weile, bis die Bahn auch von der Oberschicht akzeptiert wurde. Vor allem bei feinen Damen galt es anfangs als unschicklich, das Gefährt zu benutzen.

Während die ersten Dampftrams noch in England gefertigt wurden, stieg die Kasseler Firma Henschel kurz darauf in die Produktion ein. 1881 wurde die Dampfbahn von der „Casseler Straßenbahn-Gesellschaft übernommen“. Damit war der englische Investor aus dem Geschäft.

Pferdebahn in Wolfsanger: Das Foto entstand 1897. Die Bahn war von 1897 bis 1909 in Betrieb.

Parallel entstanden in Kassel nun auch Pferdebahnen. Die Wagen wurden jeweils von einem PS auf Schienen gezogen. Solche Bahnen fuhren zwischen der Germaniastraße im Vorderen Westen und Bettenhausen, später auch zwischen dem Stadtteil Wolfsanger und dem Altmarkt.

Bis 1899 waren die Dampfzüge in Betrieb, bereits ein Jahr zuvor wurden die Strecken sukzessive auf Elektroantrieb umgestellt. Zum gleichen Zeitpunkt wurde auch der Betriebshof Wilhelmshöhe gebaut.

Während die letzte Pferdebahn im Wolfsanger 1909 eingestellt wurde, lief der Streckenausbau für die elektrische Straßenbahn. So begann 1901 der Bau der Herkulesbahn, die unter anderem das Druseltal mit Kassels Wahrzeichen verband. Die Herkulesbahn wurde 1927 von der Großen Casseler Straßenbahn AG übernommen und 1966 eingestellt. Die Kasseler Verkehrsgesellschaft (KVG) ging 1936 aus der Großen Casseler Straßenbahn AG hervor. Nachdem im Zweiten Weltkrieg große Teile des Netzes und Fuhrparks zerstört wurden, begann der Wiederaufbau.

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