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„Wehlheider Weihnachtswunder“: Kasseler stürzte als Vierjähriger aus dem Fenster

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Von: Andreas Hermann

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Mit dem Bericht von damals auf dem Tablet: Herbert Werkmeister (75, rechts), das „Wehlheider Weihnachtswunderkind“, und sein Bruder Helmut (87). Auf Bitten unserer Zeitung erzählten sie von dieser besonderen Nacht im Dezember 1951.
Mit dem Bericht von damals auf dem Tablet: Herbert Werkmeister (75, rechts), das „Wehlheider Weihnachtswunderkind“, und sein Bruder Helmut (87). Auf Bitten unserer Zeitung erzählten sie von dieser besonderen Nacht im Dezember 1951. © andreas hermann

Als Vierjähriger stürzte der Kasseler Herbert Werkmeister kurz vor Weihnachten aus dem Fenster - und überlebte. Jahrzehnte später erinnert er sich nun.

Kassel – „Ein böser Weihnachtsmann war in der Wohnung hinter mir her. Ich wollte raus, ich hatte Angst“: So erklärt der 75-jährige Herbert Werkmeister, warum er am Abend des 22. Dezember 1951 mit einem Stuhl auf den schmalen Sims des Küchenfensters gestiegen war.

Unklar ist, was dann geschah. Auf jeden Fall muss der damals Vierjährige einen Schutzengel gehabt haben. Denn wenig später fand ihn eine Nachbarin, wie er unter dem Fenster des Hauses an der Ecke Graßweg/Kettelerstraße im Schnee stand. Barfuß und im Schlafanzug. Vor Kälte bibbernd. Aber ansonsten war er nahezu unbeschadet von dem Fenster im zweiten Stockwerk hinunter auf den Boden gekommen.

„Weihnachtswunder“ in Kassel: Als Kind stürzte er aus dem Fenster – und überlebte

Das waren fast zehn Meter Höhenunterschied. Noch dazu befand sich direkt unter dem Küchenfenster eine Betontreppe. Herbert muss am Balkon der Wohnung im ersten Stock hängen geblieben und dadurch umgelenkt worden sein. So kam er nicht auf dem Beton, sondern daneben auf dem Rasen auf. Eltern, Nachbarn und alle anderen, die sich das genauer ansahen, waren sicher: Das hätte viel schlimmer, vielleicht sogar tödlich ausgehen können. Sie sprachen vom „Wehlheider Weihnachtswunder“.

Mehr als 70 Jahre danach sitzen Herbert Werkmeister, das Wehlheider Weihnachtswunderkind, und sein inzwischen 87-jähriger Bruder Helmut zusammen. Auf Bitten unserer Zeitung lassen die beiden ehemaligen Berufskraftfahrer die Geschehnisse dieses besonderen Abends Revue passieren. Bei Kaffee und Kuchen schauen sie sich noch einmal den damaligen Bericht der „Hessischen Nachrichten“ auf dem Tablet an. Die Original-Zeitungsseite habe er noch. Sie sei aber auf die Schnelle nicht zu finden gewesen, sagt Herbert.

Die Geschichte seines Fenstersturzes sei bei Familientreffen immer wieder Thema gewesen. Und noch viele Jahre später sei er in Wehlheiden darauf angesprochen worden, etwa auf der Kirmes. „Ach, da ist ja der Fensterspringer“, hätten sie gesagt, erzählt Herbert Werkmeister, der seit 45 Jahren mit seiner Frau im Espenauer Ortsteil Hohenkirchen wohnt. Zwei Tage habe er „steif im Bett“ gelegen. Sonst aber habe er „nix gehabt“, betont Herbert zu den Folgen dieser Nacht.

Kasseler „Weihnachtswunder“: Herbert Werkmeister erinnert sich

Wie das Unheil an diesem Samstag seinen Anfang genommen hatte, wissen die Brüder noch genau. Die Familie war am Nachmittag in der Gaststätte gegenüber bei einer privaten Weihnachtsfeier gewesen. Ein kostümierter Nachbar hatte den Weihnachtsmann gespielt. Wer das war, wissen die Brüder nicht. In Erinnerung ist ihnen aber, dass dieser Weihnachtsmann dem kleinen Herbert damit drohte, ihn in seinen Sack zu stecken.

Zeitungsausschnitt zu Herbert Werkmeisters Fenstersturz
„Ach, da ist ja der Fensterspringer“– sei er viele Jahre in Wehlheiden auf diesen Artikel der „Hessischen Nachrichten“ angesprochen worden, sagt Herbert Werkmeister. Um die Szene nachzustellen, war er damals für den Fotograf Werner Lengemann noch einmal auf den Küchenstuhl gestiegen. © HNA

Das zeigte nachhaltige Wirkung. Nachdem die Mutter Herbert am Abend zu Bett gebracht hatte, gingen die Eltern zurück auf die Weihnachtsfeier. Bruder Helmut, damals 16 Jahre alt, erhielt den Auftrag, auf den kleinen Herbert aufzupassen und zu warten, bis er eingeschlafen war. Das tat Helmut auch. Dann verschloss er, wie von den Eltern angesagt, die Wohnung und ging mit Freunden ins Kino. Herbert blieb allein zurück.

„Ich habe geschlafen und dann irgendwann geträumt“, erinnert er sich. Von dem bösen Weihnachtsmann, der ihn fangen und in den Sack stecken wollte. Um ihm zu entkommen, wollte er aus der Wohnung raus, doch die Haustür war abgeschlossen. Deshalb sei er dann auf das Fenster gestiegen, so Herbert.

„Wie ich von dort nach unten gekommen bin, das weiß ich natürlich auch nicht mehr.“ Dem Zeitungsreporter hatte der Vierjährige damals erzählt, ein „Engel mit richtigen Flügeln“ sei gekommen, habe ihn an die Hand genommen und sei mit ihm nach unten geflogen.

„Wehlheider Weihnachtswunder“: Kasseler berichtet von dem Vorfall vor über 70 Jahren

Dass da etwas ganz Besonderes war, daran hält der 75-Jährige noch heute fest. Seine Erinnerung jetzt unterscheidet sich jedoch von seiner Erzählung damals in einem Detail: „Da standen sogar zwei Engel am Fenster, der eine hat mich an die linke Hand und der andere hat mich an die rechte Hand genommen“, sagt Herbert Werkmeister.

Bruder Helmut ist da skeptisch. „Du hattest doch Prellungen von dem Sturz.“ Wie könne er dann an der Engelshand geflogen sein? Herbert bleibt dabei: „Ich habe auf jeden Fall die Engel gesehen.“ Unten im Schnee seien nur seine beiden Fußabdrücke gewesen. Kein Abdruck davon, dass er dort hingestürzt sei. „Das kann doch gar nicht anders möglich sein.“

Jedenfalls endete der Abend für Helmut wenig erfreulich. Als er vom Kino zurückkam, herrschte vor dem Elternhaus im Graßweg helle Aufregung. „Ja, du hast dann Ärger gekriegt“, meint Herbert schmunzelnd. „Und wie, vor allem vom Vater!“, sagt Helmut. Als großer Bruder habe er die Schuld bekommen. Dabei habe er nur gemacht, was die Eltern gesagt hätten, meint der Vellmarer.

Heute können die Werkmeister-Brüder über diese besondere Nacht an Weihnachten 1951 herzlich lachen. Und sie sind sich in einer Frage auch ganz schnell wieder einig: „Schuld hatte nur der böse Weihnachtsmann.“ (Andreas Hermann)

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