Kassel: Wenn die Ikea-Versicherung doch nicht zahlt

IKEA

Kassel. Wer einen Vertrag über eine Family-Bezahlkarte beim Möbelhaus Ikea abschließt, bekommt automatisch auch eine Versicherung gegen Arbeitslosigkeit angeboten. Die springt aber nicht zwingend ein, wenn man seinen Job verliert.

Diese Erfahrung hat jetzt der Kasseler Kunde G. gemacht, den die Ikea-eigene Ikano Bank auf Zahlung von 863 Euro verklagt hatte.

Im Februar 2008 hatte der 37-jährige G. für knapp 700 Euro bei Ikea eingekauft. Dabei war ihm die Family-Bezahlkarte angeboten worden, mit der er seine Rechnung in monatlichen Raten von 25 Euro begleichen konnte.

G. willigte ein und schloss zugleich eine Versicherung ab, die für den Fall der Arbeitslosigkeit einspringen sollte. „Wenn du arbeitslos wirst, musst du nichts mehr bezahlen“, mit diesem Satz sei ihm die Versicherung schmackhaft gemacht worden, die fünf Euro im Monat kostet. G. ließ sich überzeugen und unterschrieb.

Wenig später wurde er tatsächlich arbeitslos. Doch die Versicherung lehnte es ab, die offenen Raten zu übernehmen, obwohl G. die Bescheinigungen der Arbeitsagentur einsandte. Grund: Der Kunde war nicht mindestens ein Jahr beim selben Arbeitgeber beschäftigt. Genau das stehe in den Versicherungsbedingungen.

Beim erneuten Blick über den Vertrag fand G. folgenden Satz: „Ausführliche Informationen über diese Versicherung werden Ihnen bei Unterschrift ausgehändigt und sind Vertragsbestandteil.“ Aber das sei nicht passiert, sagt G. Er habe diese Bedingungen nie bekommen. Er sei auch nicht aufgeklärt worden. Zu einem Urteil kam es vor dem Kasseler Amtsgericht jedoch nicht. Kurz vor Beginn der Güteverhandlung zog die Ikano-Bank ihre Klage zurück. Das heiße allerdings nicht, dass die Ikano damit vollständig auf ihre Forderungen verzichte, sagte Richter Dr. Rüdiger Bringe. Theoretisch könne die Bank die Klage erneut erheben.

Ikano Bank zog die Klage nach Anfrage der HNA zurück

Sichtlich angespannt ist G., als er den Saal des Kasseler Amtsgerichts betritt. Diese Erfahrung hätte er sich gern erspart. Verärgert über sich selbst denkt er an den Tag im Februar 2008 zurück, als er den Vertrag über die Ikea-Family-Bezahlkarte unterzeichnete.

„Ich werde nie wieder etwas unterschreiben, was ich nicht komplett gelesen habe“, sagt G. Einen klein gedruckten Satz am Ende des Vertrags über seine Ikea-Family-Bezahlkarte hat er nämlich überlesen: „Ausführliche Informationen über diese Versicherung werden Ihnen bei Unterschrift ausgehändigt und sind Vertragsbestandteil.“

G. hat eine Versicherung abgeschlossen, die im Fall seiner Arbeitslosigkeit einspringen sollte und die noch zu zahlenden Raten für seine Ikea-Möbel übernimmt. Doch daraus wurde nichts, weil G. nicht mindestens ein Jahr lang bei demselben Arbeitgeber beschäftigt war.

Aber auch unabhängig davon sei der Vertrag über die Bezahlkarte „ziemlich raffiniert gemacht“, sagt Anwalt Michael Müller-Goebel, der G. in dem Verfahren gegen die Ikano Bank vor dem Kasseler Amtsgericht vertritt. Oben steht, dass man einen Vertrag mit Ikea abschließt. Unten taucht dann der Finanzdienstleister des Möbelhauses auf, der damals im Februar 2008 noch Plus Finanzservice GmbH hieß und heute den Namen Ikano Bank führt. Zudem muss man ein Kästchen ankreuzen, wenn man keine Versicherung haben will. Vergisst man das Kreuzchen, hat der Kunde eine Versicherung abgeschlossen, die jeden Monat knapp fünf Euro kostet und nur unter bestimmten Bedingungen greift.

„Wohnst du schon oder zahlst du noch ab?“, so hat Anwalt Müller-Goebel den Werbespruch des schwedischen Möbelkonzerns in Anlehnung an die Geschichte mit der Bezahlkarte abgewandelt. Die Klausel zur Arbeitslosigkeit in den Versicherungsbedingungen habe sein Mandant nie zu Gesicht bekommen, sagt Müller-Goebel. Zudem habe die Ikea-Mitarbeiterin seinerzeit das Gegenteil versichert.

Nach Auffassung des Anwalts muss G. die noch ausstehenden Raten für die Möbel nicht zahlen. Schließlich sei über ein Jahr lang jeden Monat die Versicherungsprämie von 4,83 Euro abgebucht worden. „Wofür soll er dieses Geld bezahlt haben, wenn er nicht versichert ist?“, fragt Müller-Goebel.

Dass die Ikano-Bank ihre Klage kurz vor Verhandlungsbeginn zurückgezogen hat, passierte wohl nicht ganz zufällig. Am Tag zuvor hatte die HNA um eine Stellungnahme zu dem Fall gebeten. Ob die Anfrage tatsächlich der Grund für den Rückzug war, blieb allerdings unklar. Bislang hat die Ikano Bank – auch trotz erneuter Nachfrage – nicht auf die Anfrage der HNA geantwortet. (clm)

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