Ausstieg wird auf 2028 vorgezogen

Kassel will schneller weg von der Kohle - Klärschlamm als Ersatz

Darf nicht mehr auf die Felder: die Gülle der Landwirtschaft. Ab 2020 sollen in Kassel 100 000 Tonnen Klärschlamm getrocknet und im Kraftwerk verbrannt werden. archivFoto: ingo wagner/dpa

Bis 2028 – und damit zwei Jahre früher als bisher geplant – will die Kasseler Verkehrs- und Versorgungs-GmbH (KVV) aus der Kohleverbrennung aussteigen.

Dies haben am Mittwoch KVV-Geschäftsführer Dr. Michael Maxelon und Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) als Vorsitzender des KVV-Aufsichtsrats angekündigt.

Als wichtigen Baustein für den Kohleausstieg bezeichnete Maxelon die knapp sieben Millionen Euro teure Anlage zur Klärschlammtrockung, deren Bau jetzt am Kraftwerk in der Dennhäuser Straße begonnen hat. Anfang 2020 soll sie in Betrieb gehen. Pro Jahr sollen rund 100.000 Tonnen des an Bändern getrockneten Klärschlamms im Kraftwerk verbrennen. Die Umstellung erhöhe den Anteil der Fernwärme, die CO2-frei erzeugt werde. Seit 2016 würden bereits rund 65.000 Tonnen Klärschlamm verbrannt. Allein dadurch spare man 2020 rund 20.000 Tonnen Kohlendioxid ein, so Maxelon.

Nach KVV-Angaben werden derzeit im Kraftwerk Kassel rund 95.000 Tonnen Kohle pro Jahr verbrannt. 20 000 Tonnen weniger sollen es künftig durch den Klärschlamm-Einsatz sein. Um zu 100 Prozent aus der Kohle auszusteigen, sei die Verbrennung weiterer biogener Stoffe nötig. So solle in einigen Jahren an der Dennhäuser Straße CO2-neutrales Altholz verbrannt werden, das bisher im Heizkraftwerk Mittelfeld zur Fernwärme- und Stromproduktion verfeuert wird.

Bis 2028 will die KVV rund 28 Millionen Euro in den Klimaschutz investieren. Zur Forderung nach einem noch früheren Kohleausstieg erklärten Maxelon und Geselle, es gelte auch technische Möglichkeiten, rechtliche Rahmenbedingungen, die Versorgungssicherheit sowie arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitische Aspekte zu beachten. Das Kraftwerk Kassel erzeuge Strom und Fernwärme mittels Kraft-Wärme-Kopplung und erziele bereits einen Brennstoffausnutzungsgrad von über 80 Prozent. Kassel plane den Kohleausstieg strategisch und nicht mit Gewalt, betonte OB Geselle.

Klärschlamm darf nicht mehr auf die Felder

Getrockneter Klärschlamm soll ab 2020 im Kraftwerk Kassel verbrannt werden und damit die Kohleverbrennung weiter verringern. KVV-Geschäftsführer Maxelon sprach von drei Vorteilen: Mit dem Klärschlamm wachse der Anteil biogener Brennstoffe weiter an. Zudem nutze man ein Abfallprodukt aus der Abwasserklärung, das nicht mehr deponiert oder von Landwirten auf die Felder aufgebracht werden darf. Unter anderem liefert Kasselwasser Klärschlamm an die KVV.

Langfristige Strategie – früherer Ausstieg

Den ab dem Jahr 2020 geplanten Ausbau der Klärschlammverbrennung im Kraftwerk Kassel versteht Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) als „einen Schritt einer Gesamtstrategie“ für den Klimaschutz und Kohleausstieg. Schon seit dem Jahr 2013 beschäftigten sich die Gremien der Kasseler Verkehrs- und Versorgungs-GmbH (KVV) mit diesen Themen. In den Jahren 2016/2017 seien die Entscheidungen dafür getroffen worden. Nun stehe die Umsetzung an.

„Bis 2028 wollen wir Schritt für Schritt aus der Kohleverbrennung weitgehend ausgestiegen sein“, erklärte KVV-Geschäftsführer Dr. Michael Maxelon. Die KVV investiere dafür in erheblichem Umfang im Rahmen einer langfristigen Strategie. Ein Teil davon sei der nun begonnene Bau der Klärschlamm-Bandtrocknung am Kraftwerk Kassel.

Die Städtische Werke Energie + Wärme GmbH als Teil der KVV-Gruppe erzeugt Strom und Fernwärme für die Stadt Kassel an verschiedenen Standorten:

Das Kraftwerk Kassel in der Dennhäuser Straße ist das Fernwärmekraftwerk, es erzeugt Strom und Fernwärme mittels Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). Die Investitionen in das Werk bis 2028 sollen sich nach den derzeitigen Planungen des Unternehmens auf rund 28 Millionen Euro belaufen.

Das Müllheizkraftwerk (Am Lossewerk) speist die erzeugte Wärmeenergie in das Fernwärmenetz und den erzeugten Strom in das Netz der Städtische Werke ein. Nach KVV-Angaben werden etwa ein Drittel der Wärme in das Kasseler Netz eingespeist, das rund 30 000 Haushalte und zahlreiche Gewerbebetriebe versorgt.

Das Heizwerk Mittelfeld befindet sich in der Holländischen Straße. 2023 soll dieser sanierungsbedürftige Standort geschlossen werden. Das Altholz, das derzeit noch im Heizkraftwerk Mittelfeld als Brennstoff für die Fernwärme- und Stromproduktion eingesetzt wird, soll nach der Schließung im Kraftwerk an der Dennhäüser Straße ganzjährig zum Einsatz kommen.

Zur KVV zählten nicht nur die Energieversorger und ihre Kraftwerke, sondern auch die Kasseler Verkehrs-Gesellschaft (KVG), betonte das Unternehmen. Die gesamte Gruppe sei seit Langem auf klimafreundliches Wirtschaften ausgerichtet, erklärten Maxelon und Geselle. So fahren die Straßenbahnen schon seit Jahrzehnten emissionsfrei mit Strom durch das Stadtgebiet, seit April gar mit regionalem Windstrom. Geplant und beantragt sei der Betrieb von zwölf Elektro-Bussen. Geselle kündigte für die nächsten Monate die Vorstellung weiterer Klimaschutz-Projekte an.

Hohe Dioxin-Belastung: Probleme mit Klärschlamm in Ottrau

In der Gemeinde Ottrau im Schwalm-Eder-Kreis wurden im Klärschlamm in der Kläranlage Görzhain/Weißenborn Dioxin entdeckt. Laut Bürgermeister  Norbert Miltz wurde der "Grenzwert erheblich überschritten". Er will wegen des Umweltdeliktes jetzt die Staatsanwaltschaft einschalten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.