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SPD-Kandidatin kritisiert OB Geselle: „In der Rathauspolitik muss es besser laufen“

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Von: Matthias Lohr, Kathrin Meyer

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Isabel Carqueville will gegen Oberbürgermeister Christian Geselle antreten.
car.jpeg © privat

Es war eine Überraschung, als sich Isabel Carqueville diese Woche als Oberbürgermeisterkandidatin der SPD präsentierte. Im Interview spricht sie über ihre Motive - und kritisiert den Amtsinhaber.

Kassel – Die bislang weitgehend unbekannte Isabel Carqueville (38) will im März 2023 für die Kasseler SPD im Oberbürgermeisterwahlkampf antreten und damit Amtsinhaber Christian Geselle herausfordern, der sich als unabhängiger Kandidat zur Wiederwahl stellt. Wir sprachen mit der Gewerkschafterin und promovierten Erziehungswissenschaftlerin, die von 2017 bis 2018 Stadtverordnete für die SPD war. 

Frau Carqueville, Sie haben eine Kandidatur erst ausgeschlossen. Wieso haben Sie sich dann anders entschieden?

Vor einigen Wochen hat mich SPD-Parteichef Ron-Hendrik Hechelmann angerufen und gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte. Ich habe laut gelacht und deutlich Nein gesagt. In der Nacht darauf habe ich gegrübelt, warum ich so schnell Nein gesagt habe. Als Gewerkschafter fordern wir, dass junge Frauen und Mütter in die Politik gehen sollen. Es fehlen jedoch die Vorbilder. Junge Frauen haben einen anderen Blick auf die Politik und bringen vielleicht auch einen anderen Stil mit rein. Darum biete ich meine Kandidatur an. Sie hat nichts mit dem innerparteilichen Streit zu tun. Die SPD hat gute Inhalte. Die wollen wir jetzt nach vorn bringen.

Rechte Sozialdemokraten werfen der SPD-Führung parteischädigendes Verhalten vor, weil sie mit einer eigenen Kandidatin ins Rennen gehen will. Spaltet Ihre Nominierung die Partei nur noch weiter?

In diesen Streit mische ich mich nicht ein. Ich gehe ja nicht als Kandidatin der viel beschworenen Flügel ins Rennen, sondern für die Kasseler Sozialdemokratie. Ich komme mit Parteichef Ron-Hendrik Hechelmann und der Fraktionschefin Ramona Kopec ebenso gut aus wie mit Esther Kalveram und Wolfgang Decker. Als SPD wollen wir die Stadt mitgestalten. Über das Wie gibt es unterschiedliche Ansichten. Das ist auch am Mittwoch in der Sitzung des Unterbezirksausschusses deutlich geworden.

Dort soll lang und laut gestritten worden sein. Welche Reaktionen haben Sie dort bekommen?

Es gab sehr viel Rückhalt, auch am Tag danach. Natürlich wurde am Mittwochabend emotional diskutiert. Aber wir sind immer auf der sachlichen Ebene geblieben. Einige waren sicher auch überrascht, als ich nach vorne ging. Am 12. Oktober stelle ich mich auf dem Wahlparteitag dem Votum der SPD. Der Parteitag ist offen für alle Mitglieder, jeder kann kommen. Ich bin zuversichtlich.

Viele sagen, diese OB-Wahl werde so spannend wie schon lange keine mehr. Ihre Konkurrenten sind ein erfahrener Oberbürgermeister, eine langjährige Landesministerin und zwei gestandene Stadtverordnete. Sie kennt kaum jemand. Warum tun Sie sich das an?

Ich trete an aus der Überzeugung, dass es in Kassels Rathauspolitik besser laufen kann und muss. Etwa beim Stau in der Verkehrspolitik. Die Menschen werden sich sicher fragen, wer die festgefahrenen Positionen am besten auflösen kann. Ein weiterer Punkt ist für mich wichtig. Ich will beweisen, dass man sich auch mit Familie und einem hauptamtlichen Job als Oberbürgermeisterin bewerben kann. Die SPD ist eine starke politische Kraft in Kassel, wir können erhobenen Hauptes unsere Inhalte und gute Arbeit in der Stadt präsentieren.

Wie ist Ihr Verhältnis zum Oberbürgermeister?

Wir kennen uns aus meiner Zeit als Stadtverordnete. Im Parlament haben wir etwa gemeinsam den Haushalt besprochen.

Ist er Amok gegen die Partei gelaufen, wie es Oberzwehrens Ortsvorsteher Philipp Humburg gesagt hat?

Wir müssen weg von diesem innerparteilichen Streit. Das Klein-Klein in der SPD können die meisten Menschen nicht nachvollziehen. Sie sind genervt davon. Darum müssen wir nun nach vorn schauen und die Frage beantworten: Wo wollen wir hin?

Sie waren ein Jahr lang Stadtverordnete. Was haben Sie da gelernt?

Dass ich etwas ganz oder gar nicht mache. Stadtverordnete absolvieren ein enormes Pensum an Abendterminen. Ich erhielt damals beruflich erheblich mehr Verantwortung, da war ich gerade ein Jahr in der Stavo, dazu die Familie. Deshalb habe ich mich nach etwas mehr als einem Jahr aus der Stavo zurückgezogen. Für den Wahlkampf jetzt habe ich mir ein erhebliches Zeitpolster beiseitegelegt.

Ihre Schwerpunkte sind Bildung und Arbeit. Wo wollen Sie Akzente setzen?

Erst einmal bin ich eine Teamplayerin. Ich will das nicht allein machen, sondern die Partei mitnehmen. Darum werde ich mich mit den Ortsvereinen und Arbeitsgruppen treffen. Gemeinsam werden wir entscheiden, was wir nach vorn stellen. Im Bereich Bildung und Arbeit kenne ich mich am besten aus. Hier muss auch die Stadt Konzepte entwickeln, wie sie mit dem Fachkräftemangel umgehen will. Und wir müssen junge Leute für die Stadt begeistern. Zudem werden wir uns um das große Thema Verkehr kümmern. Hier müssen wir uns alle noch mal an einen Tisch setzen. Wir müssen einen Verkehrsfrieden schaffen. Wir dürfen nicht die eine Verkehrsform gegen die anderen ausspielen.

Größte Herausforderung wird die Energiekrise.

Hier müssen Stadt, Land und Bund schauen, wie wir gut durch den Winter kommen und die Einwohner am besten unterstützen.

Wie finden Sie das Einwohner-Energie-Geld, das Geselle auf den Weg gebracht hat und an dem es jetzt viel Kritik gibt?

Die Idee ist gut, aber es ist fraglich, dass Leistungsempfänger es entgegen anderslautender Aussagen doch angerechnet bekommen sollen. Das ist eine schwierige Situation. Hier muss die Stadt schauen, ob sie nachsteuern kann.

Warum sind Sie eigentlich in die SPD eingetreten?

Das war 2012 im Studium. Mein Mann, den ich seit der Schulzeit kenne, war schon in der Partei. Er meinte, dass ich doch ohnehin sozialdemokratische Werte vertreten würde, und sagte: „Du hast das Parteibuch im Herzen.“ Danach bin ich eingetreten.

Was antworten Sie Kritikern, die monieren, dass Ihr Mann Pressesprecher der Partei ist und Ihre Kandidatur im Hinterzimmer beschlossen worden sei?

Meine Kandidatur haben wir im Familienrat in der Wohnstube beschlossen. Vier zu null, einstimmig. Mit diesem Ergebnis im Rücken gehe ich gestärkt in den Wahlparteitag. Auf das ehrenamtliche Engagement meines Mannes bin ich sehr stolz. Ich glaube, seine riesigen Friedenskundgebungen zum Ukraine-Krieg und der Spendenmarathon beweisen, dass ein einzelner Mensch Großartiges vollbringen kann. Dazu braucht es Mut, Herzblut und ein gutes Timing. Diese Einstellung teile ich mit ihm. Für das Engagement meines Mannes werde ich mich bestimmt nicht entschuldigen, im Gegenteil. Jetzt trete ich aber als Oberbürgermeisterkandidatin an, nicht mein Mann.

Sie pendeln zwischen Kassel, Frankfurt und Wiesbaden. Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?

Den gibt es nicht, weil es oft sehr unterschiedlich ist. Oft fahre ich morgens um sechs los, um Termine in Frankfurt und Wiesbaden wahrzunehmen, und komme erst abends zurück. Als GEW-Referentin für Sozialpädagogik und Weiterbildung bin ich etwa für die Beschäftigten von Kitas zuständig. Ich führe Tarifverhandlungen mit dem Land Hessen, betreue Landesfachgruppen und schreibe Pressemitteilungen. Heute hatte ich mir eigentlich freigenommen, weil die Kita geschlossen ist.

Für Ihre Hobbys Stricken und Spinnen werden Sie als Rathaus-Chefin nur noch wenig Zeit haben.

Mal schauen: Beim Stricken kann man wunderbar zuhören. Andere machen Yoga. Ich kann bei der Handarbeit zur Ruhe kommen und über Lösungen nachdenken.

Vielleicht sollte die Kasseler SPD mal ein Wochenende lang gemeinsam stricken.

Ich weiß nicht. Jeder findet seinen eigenen Umgang. (Kathrin Meyer und Matthias Lohr)

Zur Person

Isabel Carqueville

Geboren: am 27. Dezember 1983 in Gera

Ausbildung: Studium der Erziehungswissenschaft und Germanistik in Kassel. Titel der Dissertation: „Schulwege in den beiden deutschen Staaten. Kinder- und Jugendkulturen zwischen Elternhaus und Schule.“

Beruf: Referentin für Sozialpädagogik und Weiterbildung In der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Privates: Lebt mit ihrem Mann, dem SPD-Pressewart Peter Carqueville, und zwei Kindern im Forstfeld

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