Auch Entwurfsübung

Aus Protest gegen Wohnungsnot: Styroporhaus als Studentenbude

+
Wohnen in der Mauernische: Das Mini-Haus an der Gottschalkstraße bietet Schlaf- und Arbeitsplatz auf zehn Quadratmetern.

Kassel. Bezahlbare Wohnungen für Studenten sind in Kassel knapp geworden. Günstig und platzsparend neuen Wohnraum zu erschließen war daher Ziel eines Entwurfsprojekts, an dem 20 Architekturstudenten gearbeitet haben. Jetzt stehen die ersten Mini-Studentenbuden auf dem Campus. Sie sind aus Styropor.

In dem zehn Quadratmeter großen Würfel, der über die Mauer an der Gottschalkstraße ragt, ist es gemütlich. Was der Betrachter von unten nicht sieht: Eigentlich hat das Häuschen eine L-Form, es schmiegt sich in die Mauernische.

So gibt es unten einen Bereich, in dem man stehen kann, und treppenartig gelangt man auf zwei höhere Ebenen. Auf der oberen liegt ein Schlafsack.

Witzige Details: Passgenau ausgeschnitten bieten Hohlräume im Styropor Platz für Bücher, eine Wasserflasche, Kopfhörer und den Regenschirm.

Die Hausherrinnen Hannah Müller und Alexandra Eberhardt haben schon probegewohnt. Als Übergangslösung könnte ihr Styroporhaus durchaus dienen, finden die Studentinnen. „Das ist wie Zelturlaub im luxuriösen Stil“, sagt Hannah Müller (22). Duschen und Toiletten gebe es in der Uni, Essen in der Mensa.

Marktreif sind die Mini-Wohnungen, deren Materialwert bei etwa 500 Euro liegt, natürlich nicht, sagt Prof. Claus Anderhalten, Leiter des Fachgebiets Umweltbewusstes Planen und Experimentelles Bauen. Derzeit werde Styropor vor allem zur Dämmung eingesetzt. Wenn man es als Baustoff nutzen wolle, müssten Nachweise über Statik und Brandschutz erbracht sowie Belüftung, Beleuchtung und Verschließbarkeit berücksichtigt werden.

So weit ins Detail hätten die Studenten im zweiten Semester nicht gehen können. Das Experiment zeige aber, dass Styropor ein Alleskönner-Material sei, sagt Anderhalten: Es biete Witterungsschutz, Wärme, könne auch Schneelasten tragen und verrotte nicht.

Der Student Victor Tuschick hat sein Styroporhaus sogar mit Putz versehen. In seinem Entwurf müsste der Bewohner mit fünf Quadratmetern auskommen. Zum Schlafen kann man in eine Art Tunnel rutschen, auf der anderen Seite des an eine Kirche erinnernden Spitzdaches befindet sich eine enge Nische mit Bücherecke.

Fenster gibt es nicht, alles ist sehr beengt. „Bei diesem Entwurf kann man auch Gesellschaftskritik erkennen“, sagt Dozent Mark Niehüser, der das Projekt mitbetreut hat. Neben den zwei bereits umgesetzten Projekten gibt es noch fünf Entwürfe, von denen weitere realisiert werden sollen.

Die Häuschen dürfen zwei Jahre auf dem Campus stehen bleiben. Dimitri Dusty Hess hat einen „Kleinstpalast“ im römischen Stil ausgearbeitet. Nur weil man auf kleinem Raum wohnt, muss man ja nicht bescheiden sein. Als Standort hat er den Platz vor dem Verwaltungsgebäude der Uni ausgewählt. Wohnen als ein künstlerisches Statement gegen die Wohnungsnot.

Von Katja Rudolph

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.