Im 18. Jahrhundert wollte Kassel der Porzellanstadt Meißen Konkurrenz machen

Kassel als Porzellanstadt: Als ein Grafentraum zerbrach

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Feingefühl ist nötig: Die Restauratorin der Museumslandschaft Hessen-Kassel (MHK), Anne Becker, begutachtet eine Büste aus der Herstellung der Porzellanmanufaktur. Sie zeigt den Landgrafen Friedrich II., der von 1760 bis 1785 regierte.

Kassel. Vor 225 Jahren endete ein relativ unbekanntes Kapitel der Stadtgeschichte: Im 18. Jahrhundert hatte sich Kassel angeschickt, Porzellanstädten wie Meißen nachzueifern: Fünf Manufakturen stellten Porzellan und andere Keramik-Artikel her. Doch die Luxusgüter blieben Ladenhüter.

Am 12. Juli 1766 muss der Glanz im Auge des Landgrafen Friedrich II. von Hessen groß gewesen sein. In seiner erst vor zwei Monaten gegründeten Kasseler Porzellanmanufaktur gelang der erste Porzellanbrand. Die Fabrik, die Ende des 18. Jahrhunderts mit drei weiteren Keramikbetrieben vor dem Weißensteiner Tor (heute Königstor) ihren Sitz hatte, sollte der Residenzstadt einen Exportschlager bescheren. Ein Traum, der wenige Jahre später zerbrach.

Historie in Kürze

• Seit 10. Jahrhundert: Lange vor der Porzellanherstellung beherrschten die Nordhessen das Glaserhandwerk. Die nötigen Vorkommen für die Herstellung gibt es im Kaufunger Wald: Ton für die Gefäße zum Glasschmelzen, Sand für die Kieselsäure und Holz zur Gewinnung der Pottasche. 1537 wurde der hessische Gläsnerbund gegründet, Glas aus Nordhessen wird europaweit exportiert. 1583 wird in Kassel sogar eine Venezianerglashütte gegründet.

• 1680: Gründung der Kasseler Fayencemanufaktur - die vierte in Deutschland. Betrieb wurde 1788 eingestellt.

• 1766: Kasseler Porzellanmanufaktur nimmt ihren Betrieb auf. 1788 geht der Betrieb in Konkurs.

• 1771: Der Kasseler Hofkonditor Simon Henrich Steitz gründet die Steitz’sche Steingutfabrik, die bis 1805 besteht.

• 1772: Der königlich polnische Generalmajor Le Fort errichtet eine zweite Steingutfabrik, die 1789 in Konkurs geht.

• 1776: Gründung der Steitz’schen Vasenfabrik, deren Existenz bis Mitte des 19. Jahrhunderts vermutet wird.

Den Grundstein für Kassels Aufstieg in den vornehmen Kreis der Porzellanstädte hatte bereits Landgraf Karl von Hessen-Kassel 1680 gelegt. Er gründete in Kassel die vierte deutsche Fayencemanufaktur. Fayence, eine Art Halbporzellan, war seinerzeit ein anerkannter Ersatz für das weiße Gold, dessen Geheimnis nur die Chinesen kannten. Dieser Betrieb sollte trotz finanzieller Schwierigkeiten 108 Jahre bestehen. Dessen Zier- und Gebrauchskeramik wurde nach Sachsen, Preußen und Böhmen exportiert. 60 hergestellte Objekte haben die Zeit bis heute in den Archiven der Museumslandschaft Hessen-Kassel überstanden.

Der später in den Adelsstand erhobene Kammerrat Jakob-Sigismund Waitz war es schließlich, der Mitte des 18. Jahrhunderts die Kasseler Keramikproduktion auf ein neues Niveau heben wollte. Mit Blick auf die Erfolge in Meißen drängte er Landgraf Friedrich II., eine Porzellanfabrik zu errichten. Waitz erhoffte sich eine neue Einnahmequelle für das Land und konnte den Landgrafen überzeugen, mehrere Tausend Taler aus der eigenen Schatulle beizusteuern.

Als der Porzellanbrand 1766 durch die Hilfe eingekaufter Experten aus anderen Städten gelang, war die Euphorie von kurzer Dauer. Die Porzellanmanufaktur, in der bis zu 70 Menschen arbeiteten, sollte bis zu ihrem Niedergang 1788 ein Zuschussbetrieb bleiben. Zeitweise fehlte das Gold zum Dekorieren der Produkte, und selbst das Holz zum Anfeuern der Öfen soll der Fabrik hin und wieder ausgegangen sein.

Hauptproblem war aber der schwache Absatz. 1771 war das Fabriklager mit 17 000 Geschirr- und Dekoartikeln, die zumeist dem Geschmack des Rokoko entsprachen, gefüllt. Und während der Kasseler Hof auch aus Meißen beliefert wurde, verweigerten andere Höfe den Import aus Kassel.

Kassels Traum von der Porzellanstadt

Für die Bevölkerung der bäuerlich geprägten Landgrafschaft waren die Produkte ohnehin nicht erschwinglich. Sie hätten mehrere Jahresgehälter für ein Essservice für 24 Personen ausgeben müssen. Landgraf Wilhelm IX. zog schließlich einen Schlussstrich unter das Kapitel der einheimischen Fayence- und Porzellanherstellung. Zwischenzeitlich hatte aber der Hofkonditor Simon Henrich Steitz sich mit seinem Steingut aus Kassel einen Namen gemacht.

Von Bastian Ludwig

Hintergrund: Gut 200 Objekte blieben erhalten

Die Museumslandschaft Hessen-Kassel (MHK) hat aus der Zeit der Kasseler Keramikproduktion gut 200 Objekte in ihren Depots. Darunter sind rund 60 Stücke aus der Fayencemanufaktur, 109 Objekte aus der Produktion der Kasseler Porzellanmanufaktur, 34 Produkte aus der Steitz’schen Steingutfabrik und 11 Objekte aus der Vasenmanufaktur. Da noch nicht alle Objekte in der MHK-Datenbank erfasst sind, könnten es eventuell noch einige Stücke mehr sein. Nach Abschluss der Sanierung des Hessischen Landesmuseums (Herbst 2014) sollen Teile der Sammlung dort präsentiert werden.

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