HIV in Kassel: Zahl der Infektionen nimmt zu

Kassel. Die Gesundheitsbehörden der Region sind aufgeschreckt: Die Zahl der gemeldeten Neudiagnosen mit dem gefürchteten Immundefekt-Virus HIV hat bereits jetzt die Höhe des gesamten Vorjahres erreicht.

Im Postleitzahlengebiet 341 mit der Stadt Kassel als Zentrum gab es im vergangenen Jahr insgesamt zwölf neu gemeldete HIV-Infektionen. Allein im April dieses Jahres wurden sechs Neuinfektionen in unserer Region gemeldet, teilte der Landkreis Kassel mit. Auch in einer Kasseler Schwerpunktpraxis sind im ersten Quartal dieses Jahres deutlich mehr Patienten als sonst positiv auf HIV getestet worden. Insgesamt wird die Zahl der HIV-infizierten Menschen in und um Kassel auf rund 500 geschätzt.

Nach ersten Erhebungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) ist die Zahl der Infektionen auch bundesweit leicht gestiegen: In den ersten beiden Monaten 2011 waren es 218 Neudiagnosen, in diesem Jahr 229. Bundesweit war die Zahl der HIV-Neuinfektionen zum Ende des vergangenen Jahres gesunken. Das RKI schätze die Gesamtzahl auf 73 000 Menschen, davon 59 000 Männer, 14 000 Frauen und rund 200 Kinder. Das höchste Infektionsrisiko haben nach Erkenntnissen des RKI Männer, die Sex mit Männern haben (46 500), gefolgt von Personen, die sich über heterosexuelle Kontakte infiziert haben (rund 10 500).

Worin die Gründe für den Anstieg liegen, kann auch Kurt Schackmar von der Kasseler Aidshilfe nur vermuten. Bislang habe man vor allem in Ballungsräumen beobachtet, dass Menschen wieder höhere Risiken eingehen, weil HIV-Infektionen heute auch besser behandelbar sind. Zudem würden beispielsweise homosexuelle Männer häufiger nachlässig beim Schutz vor Infektionen. Aber auch in anderen Bevölkerungsgruppen habe HIV zugenommen, sagt Schackmar. Meist seien die Betroffene über 30 Jahre alt. Junge Leute infizierten sich seltener.

Von Martina Heise-Thonicke

„Es bleibt ein hartes Leben“

Moderne Medikamente können eine HIV-Infektion heute über lange Jahre in Schach halten

Die Gefahr, sich mit HIV zu infizieren, ist real - auch in unserer Region. „Treffen kann es jeden, schon beim ersten Riskokontakt“, sagt Kurt Schackmar von der Aids-Hilfe Kassel.

Was bedeutet eine HIV-Infektion?

Infektionen mit einem Humanen-Immundefizienz-Virus (HIV) können die bislang unheilbare Infektionskrankheit Aids (Acquired Defiency Syndrome, erworbenes Immunschwäche-Syndrom) hervorrufen. Die Immunschwächekrankheit Aids wurde Anfang der 1980er Jahre erstmals beschrieben. Ende 2010 lebten weltweit etwa 34 Millionen Menschen mit HIV, in dem Jahr gab es 2,7 Millionen Neuinfektionen. HIV hat bisher 25 Millionen Leben gefordert. Im vergangenen Jahr starben in Deutschland etwa 500 Menschen an Aids. Durch die zunehmende Abwehrschwäche kommt es zu immer schwerer werdenden Infektionen und auch Tumorerkrankungen. Heute gibt es moderne Medikamente, die das HI-Virus viele Jahre lang in Schach halten können. Eine Impfung gegen das Virus gibt es bislang aber nicht.

Was können moderne Medikamente ausrichten?

HIV-Medikamente verhindern auf unterschiedliche Weise die Vermehrung der Viren im Körper. Dabei werden immer verschiedene Medikamente gleichzeitig eingesetzt. Wenngleich bei einer guten Mitarbeit des Patienten Todesfälle und HIV-bedingte Krebsarten selten geworden sind, „bleibt es nach der Infektion ein riskantes und hartes Leben mit vielen Einschränkungen“, sagt Sozialarbeiter Kurt Schackmar. Mitunter haben Medikamente heftige Nebenwirkungen wie Depressionen, Schweißausbrüche, Stoffwechselerkrankungen, Blutarmut, Leber- und Verdauungsprobleme oder Immunschwäche.

Wie kann man sich vor HI-Viren schützen?

Einer der Hauptübertragungswege des HI-Virus sind sexuelle Kontakte, das heißt ungeschützter Sex. Die Benutzung eines Kondoms ist deshalb eine der wichtigsten Vorsorgemöglichkeiten. Dieses schützt zudem auch vor Hepatitis B und C sowie vor den klassischen Geschlechtskrankheiten. Der zweite Übertragungsweg ist Blut. Wobei das Risiko, sich durch Blutprodukte anzustecken, hierzulande gegen Null geht. In ärmeren Ländern ist diese Gefahr aber nach wie vor real. Im Drogenbereich sei die Infektionsquote enorm zurückgegangen, sagt Schackmar. Die Gefahren-Botschaft sei bei den Drogenabhängigen angekommen, und sterile Einmal-Spritzen seien heute leicht verfügbar.

Wie kann man sich nicht anstecken?

„Der soziale Kontakt außer Sex und Blut-zu-Blut-Übertragungen ist völlig risikofrei“, stellt Schackmar klar. Küssen, Umarmungen, das Benutzen des selben Bestecks der selben Zahnbürste oder der Kontakt mit Speichel, Schweiß und Tränen bergen keine Infektionsgefahr mit HIV.

Wo kann man sich testen lassen?

Anonyme und kostenlose HIV-Tests bieten zum Beispiel das Gesundheitsamt und die Aids-Hilfe an. Mit diesen Tests kann man Antikörper im Blut nachweisen, die der Körper ab drei Wochen bis drei Monate nach der Infektion bildet. Erste Tests sind schon nach drei Wochen möglich, zur Sicherheit sollte nach zwölf Wochen nochmals ein spezieller Antikörper-Suchtest gemacht werden. Bei einem hohen Risiko sei eine möglichst frühe Diagnostik wichtig, um das Umfeld des möglicherweise Infizierten zu schützen, sagt Schackmar. Denn die Viruslast sei zu Beginn der Infektion am höchsten. (hei)

Kontakt: Aids-Hilfe Kassel, Motzstraße 1 Tel. 05 61/ 97 97 59 10, www.aids-hilfe-kassel.de

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