750 Menschen haben 2018 ihre Wohnung verloren

Mietboom trifft Obdachlose: Zahl der Wohnungslosen steigt in Kassel an

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Symbolbild

Obwohl die wirtschaftliche Lage so gut ist wie lange nicht, steigt die Zahl der Obdachlosen. Eine der Hauptursachen dafür sind nach Auskunft von Sozialdezernentin Ilona Friedrich die steigenden Mieten.

Musste die Stadt Kassel vor 15 Jahren knapp 300 Menschen eine vorübergehende Bleibe bereitstellen, waren es 2018 schon 750 Personen, die ihre Wohnung verloren hatten. Gleichzeitig haben sich die städtischen Ausgaben in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt. Für 2019 kalkuliert das Sozialamt mit Kosten von 3,4 Mio. Euro.

Eine der Hauptursachen für den Anstieg der Obdachlosenzahl sind nach Auskunft von Sozialdezernentin Ilona Friedrich (SPD) die steigenden Mieten. Weil der Wohnungsmarkt in vielen Städten angespannt ist, liegt Kassel mit seiner Obdachlosenentwicklung im bundesweiten Trend. Hinzu komme in der nordhessischen Großstadt die hohe Überschuldung der Haushalte. Nach Zahlen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform gelten 16 Prozent der Einwohner als überschuldet – Platz 15 unter deutschen Städten.

Kommunen sind für Unterbringung zuständig 

Nach der hessischen Gesetzeslage sind die Kommunen für die Unterbringung obdachloser Personen zuständig. Jeder Wohnsitzlose hat gegenüber der Stadt einen entsprechenden Anspruch. Kassel setze dabei auf eine dezentrale Unterbringung in insgesamt 350 Wohnungen und nicht auf große Sammelunterkünfte, sagt Dezernentin Friedrich. Die Menschen wohnen in ganz normalen Mehrfamilienhäusern. Dieses Prinzip habe sich bewährt, da so Konflikte vermieden würden und keine Stigmatisierung anhand der Adresse möglich sei. Bei Einzelpersonen findet eine Unterbringung in Wohngemeinschaften statt, Familien erhalten eigene Wohnungen. Deren Ausstattung ist einfach.

Neben den 750 Menschen, die von der Stadt eine Bleibe auf Zeit bekommen haben, gibt es nach Angaben des Sozialamtes auch etwa 200 Menschen, die ausschließlich auf der Straße leben wollen. Für diese gibt es Notschlafstellen für die Wintermonate. 

Sozialamtsleiterin räumt mit Mythos auf 

Mit einem Mythos räumt Ute Pähns, Leiterin des Sozialamtes, sofort auf: Obdachlosigkeit heißt nicht, dass jemand kein Dach über dem Kopf hat. Wenn Menschen aus finanziellen Gründen, nach einer Trennung, in Folge häuslicher Gewalt oder nach der Haftentlassung ohne eine Bleibe dastehen, können sie sich an die Zentrale Fachstelle Wohnen des Sozialamtes der Stadt Kassel wenden. Diese ist laut Hessischem Gesetz über die öffentliche Sicherheit und Ordnung verpflichtet, eine vorübergehende Unterbringung zu organisieren.

Weil die Stadt keine eigenen Unterkünfte unterhält, ist sie auf private Vermieter angewiesen und hat dazu 350 Wohnungen gemietet. In diesen leben derzeit 125 Familien und knapp 400 Einzelpersonen. „Während die Zahl der Familien rückläufig ist, nimmt die Zahl der Einzelpersonen zu“, sagt Markus Huke, Abteilungsleiter der Fachstelle. In der Mehrheit (289 Personen) handele es sich um alleinstehende Männer. Vielen Betroffenen sehe man nicht sofort an, dass sie keine eigene Wohnung hätten. „Ein negativer Schufa-Eintrag reicht oft, dass Leute keinen Mietvertrag mehr bekommen“, sagt Huke.

Betroffene müssen sich um eigene Wohnung bemühen 

Die Unterbringung durch die Stadt erfolgt nur „vorübergehend“, wie es heißt. Die dort lebenden Menschen müssen sich um eine eigene Wohnung bemühen und dies der Stadt regelmäßig nachweisen.

Die Ausstattung der WG-Zimmer und Wohnungen entspricht Mindeststandards. Jeder Person stehen minimal neun Quadratmeter zur Verfügung. Zudem müssen elektrisches Licht, fließendes Wasser, ein Herd und eine „Mindestmöblierung“ gewährleistet sein. Nicht jeder Obdachlose gehe pfleglich mit dem Mobiliar um, so Huke. So gebe es immer wieder Vandalismusschäden. Es habe auch Fälle gegeben, in denen die Bewohner die Möbel nach dem Auszug entwendet hätten.

Steigende Kosten für die Stadt Kassel 

Auch dies sorgt bei der Stadt Kassel für steigende Kosten. Lagen die Ausgaben im Jahr 2012 noch bei 1,6 Mio. Euro, waren es 2017 bereits 2,8 Mio. Euro. Für 2018 kalkuliert die Stadt sogar mit 2,85 Mio. Euro und 2019 mit 3,4 Mio. Euro. Allerdings generiert die Stadt auch Einnahmen. So erhielt sie 2017 aus Hartz-IV-Bezügen, Renten und teilweise sogar Einkommen der Bewohner insgesamt zwei Mio. Euro für die Unterbringung. Der städtische Zuschuss lag zuletzt also bei 800.000 Euro. Bis 2019 wird er wohl auf eine Mio. Euro steigen.

„Wir gehen von weiter steigenden Obdachlosenzahlen aus. Erst wenn die aktuellen Wohnungsbauprojekte in ein paar Jahren fertiggestellt sind, wird sich die Lage wohl wieder entspannen“, sagt Sozialdezernentin Ilona Friedrich (SPD). Die Flüchtlinge spielten bei den Obdachlosen keine Rolle. Die Stadt habe für ausreichend Flüchtlingsunterkünfte gesorgt.

Einen Teil der Obdachlosen erreicht die Stadt mit ihrem Angebot nicht. „Es gibt immer Menschen, die wollen lieber auf der Straße leben“, sagt Huke. 

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