Rückblick

30 Jahre Mauerfall: Kassel rückt vom Zonenrand in die Mitte

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Der Bahnhof Wilhelmshöhe kurz vor seiner Einweihung am 29. Mai 1991. 

Mehr als 40 Jahre lang lag Nordhessen im Zonenrandgebiet. Städte, die darin lagen, hatten keinen leichten Stand. Wir blicken zurück.

Denn in dem etwa 40 Kilometer breiten Streifen am Ostrand der alten Bundesrepublik – von der Ostsee bis zur Donau – entlang der Grenze zur DDR war die Wirtschaft deutlich unterentwickelt, trotz staatlicher Förderung, die die Nachteile aus der Grenzlage auszugleichen versuchte.

In einer Sonderbeilage der HNA zu zehn Jahre Aufstieg der nordhessischen Wirtschaft vom 28. Juni 1958 beklagte der damalige Leiter der Pressestelle der nordhessischen Wirtschaft, Dr. Hans Joachim Holtz, in seinem Gastbeitrag mit dem Titel „Nordhessens Wirtschaft hat es nicht leicht“ die Zonenrandlage der Region seit 1945. 

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs sei Kassel plötzlich aus der Mitte des Deutschen Reichs an den Zonenrand geraten. „Über Nacht rissen die jahrhundertealten engen wirtschaftlichen Verbindungen zum mitteldeutschen Raum ab“, schrieb er.

Arbeitslosenquote in Kassel lag über 20 Prozent

Der damalige Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard versicherte in seinem Grußwort, „daß die Bundesregierung dem Zonenrandgebiet weiterhin ihre volle Aufmerksamkeit widmen wird und daß sie entschlossen ist, zum Ausgleich der ungünstigen Beeinflussung, die die Zonenrandnähe in wirtschaftlicher und psychologischer Hinsicht ausüben mag, wie bisher Unterstützungsmaßnahmen durchzuführen“. 

Der Bahnhof Wilhelmshöhe kurz vor seiner Einweihung am 29. Mai 1991.

Doch die Subventionen hemmten den Strukturwandel in der Region. Die Arbeitslosenquote in Kassel lag zeitweilig bei über 20 Prozent.

Mit dem holprigen Satz „Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich“, löste SED-Politbüromitglied Günter Schabowski am 9. November 1989 auf einer Pressekonferenz den Fall der Berliner Mauer aus. Damit rückte die Region vom Rand der Zone in das geografische Zentrum Deutschlands. 

Heute, 30 Jahre nach dem Mauerfall und dem Abbau der Subventionen, liegt die Arbeitslosenquote in der Region annähernd im Bundesschnitt. 2016 erwirtschaftete Kassel ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 9,914 Milliarden Euro. Das BIP pro Kopf lag im selben Jahr bei 49 937 Euro pro Kopf und damit über dem hessen- (43.496 Euro) und bundesweiten Wert (38.180 Euro).

„Seit dem Mauerfall wurden mehrere sehr wichtige Infrastrukturprojekte umgesetzt“, sagt Kai Lorenz Wittrock, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Kassel. Eines davon war Kassels Anschluss ans Hochgeschwindigkeitsnetz. 

„Der ICE-Bahnhof Wilhelmshöhe ist heute selbstverständlich, war aber ein unverzichtbarer Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung der Region“, betont Wittrock.

Kassel rückt vom Zonenrand in die Mitte

Berlin und München sind mit dem ICE in etwas mehr als drei Stunden erreichbar, Hamburg in gut zweieinhalb Stunden, und bis nach Frankfurt dauert es weniger als eineinhalb Stunden. Die Lage in der Mitte Deutschlands und die gute Anbindung machen Kassel zur beliebten Destination sowie zum bevorzugten Tagungs- und Messestandort. 

Die Zahl der Übernachtungen hat erst im vergangenen Jahr eine Bestmarke erreicht. Für 2018 wurden gut 533.000 Gäste gezählt, die insgesamt rund 931.000 Mal in Kassel übernachtet haben. So viele wie nie zuvor in einem Jahr ohne documenta.

Rund um den Bahnhof sind neue Hotels und Bürogebäude entstanden.

Neben dem Lückenschluss im Autobahnnetz sei auch die Gründung des Güterverkehrszentrums eine wichtige Entscheidung gewesen. Ein weiterer Meilenstein ist laut Wittrock die Gründung der Universität. „Aus zahlreichen Ausgründungen sind sehr viele kleine und mittelständische Unternehmen gewachsen. „Die Region ist heute nicht nur Produktions-, sondern auch Entwicklungsstandort“, sagt Wittrock. 

Das gelte sowohl für große Unternehmen wie VW in Baunatal und das Mercedes-Benz Achsenwerk in Kassel als auch für mittelständische Betriebe – wie etwa den Kasseler Bahntechnikhersteller Hübner und den Dosierpumpen- und Kompressorenbauer Sera in Immenhausen.

Die Wirtschaft habe sich seit dem Mauerfall sehr stark diversifiziert. Der internationale Austausch sei stark gestiegen. Ebenso die Investitionen aus Nordamerika und Südostasien. „Das schafft Standortsicherheit“, so Wittrock.

So wird der Mauerfall in Deutschland gefeiert. Immer noch ein Kult-Objekt: Der Trabi. In Kassel willein Verein das DDR-Auto wieder entdecken.

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