Mit dem Bus zur Stimmabgabe

Kasseler Aleviten sagen „Nein“ zu Plänen von Erdogan

„Hayir“ – nein, steht auf dem T-Shirt von Zeki Ötzkan: Er ist einer von rund 90 Kasseler Aleviten, die am Sonntag nach Frankfurt zur Abstimmung über das angestrebte Präsidialsystem in der Türkei gefahren sind. Fotos: Koch

Kassel. Kasseler Aleviten haben am Sonntag gegen die geplante Verfassungsänderung in der Türkei gestimmt. Sie befürchten, in ihren Rechten beschnitten zu werden. 

Etwa 90 Mitglieder der Alevitischen Gemeinde Kassel (AGK) – darunter auffällig viele Frauen – sind am Sonntagmorgen mit zwei Bussen zur Abstimmung über das Referendum zur umstrittenen Verfassungsänderung in der Türkei zu ihrem Konsulat nach Frankfurt aufgebrochen. Mit T-Shirts mit dem Aufdruck „Hayir“ – zu deutsch „Nein“ – bekundeten einige von ihnen, wie der ganz überwiegende Teil der in Kassel und andernorts lebenden Aleviten stimmen wird. Denn sie lehnen die geplante Verfassungsänderung ab, mit der Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ein Präsidialsystem einführen will. Es soll ihm eine nahezu uneingeschränkte Machtfülle verleihen.

Liberal und demokratisch

Das Alevitentum ist eine Glaubensrichtung im Islam. Deren Anhänger sind überwiegend sehr liberal und Verfechter der Demokratie, sie treten für die Glaubensfreiheit ein. Die AGK bekennt sich in ihren Statuten ausdrücklich zum Grundgesetz der Bundesrepublik. Deshalb fürchten sie ganz besonders Erdogans Allmachtsanspruch.

„Wir haben Angst, dass er uns im Falle eines Wahlsiegs seinen Willen aufzwingen will“, beschreibt der Sekretär der Alevitischen Gemeinde Kassel, Ibrahim Yildirim, die Sorge seiner Glaubensschwestern und -brüder. „Wir sind gegen ein Einparteiensystem und für die Gleichberechtigung der Frau und setzen uns für den gegenseitigen Respekt der Kulturen und Religionen ein“, sagt er.

Warten auf den Bus: Auch diese Frauen fuhren nach Frankfurt. Sie bangen um ihre Rechte, für den Fall, dass der türkische Staatspräsident Erdogan das Referendum gewinnt.

Auch Vorstandsmitglied Alev Kaya sieht die Entwicklung in der Türkei mit Sorge. „Das Referendum bereitet den Weg zur Autokratie. Das wollen wir nicht“, erklärte die junge Frau, die in Kassel unter anderem Politikwissenschaften studiert. Autokratie ist eine Herrschaftsform, bei der eine Person oder Gruppe unkontrolliert politische Macht ausübt, und gilt als der Vorhof zur Diktatur.

Wie das Referendum ausgeht, wagen Yildirim und Kaya nicht zu prognostizieren. Für in Deutschland lebende Türken war am Sonntag jedenfalls die letzte Gelegenheit zur Abstimmung. In der Türkei wird am kommenden Sonntag gewählt. Wann es ein Ergebnis gibt, ist noch unklar.

Starke Gemeinschaft

Der Alevitischen Gemeinde Kassel gehören rund 400 Familien mit etwa 1500 Personen an. Tatsächlich leben aber weit mehr Aleviten in der Stadt. Wie viele genau, weiß niemand, weil die Anhänger dieser Glaubensrichtung nicht separat erfasst werden. Die AGK – ein 1990 gegründeter religiöser Kulturverein, Anlaufstelle, Treffpunkt und Helfer in Notlagen – finanziert sich laut Vorstand ausschließlich über Mitgliedsbeiträge und Spenden. „Eine staatliche Unterstützung gibt nach Angaben Yildirims nicht.

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