Fragen und Antworten

Kasseler Apotheker beklagen Engpässe: Hersteller mit Produktion in Verzug

Schon im Juni war das Schmerzmittel Ibuprofen knapp. Engpässe gibt es auch bei Blutdrucksenkern - auch die heimischen Apotheken sind betroffen.

Jetzt gibt es auch Engpässe bei Blutdrucksenkern mit dem Wirkstoff Valsartan, dem Erkältungsmittel Aspirin Complex, dem Tollwutimpfstoff Rabipur, Adrenalin-Pens und dem Medikament Celestamine, das bei Wespen- und Bienenstichen eingesetzt wird. Das betrifft auch die heimischen Apotheken. 

Die Gründe sind unterschiedlich. „Manchmal ist einfach die Nachfrage unerwartet hoch“, sagt Bettina De Schrijver, Apothekerin in Kassel und Vellmar. „Wie bei Celestamine und Adrenalin-Pens, weil wir einen langen Sommer mit vielen Wespen hatten.“ Gleiches gelte für Rabipur. „Die Menschen reisen immer mehr in ferne Länder, wofür eine Tollwut-Impfung empfohlen wird.“ Auf diese Nachfrage seien die Hersteller nicht vorbereitet gewesen. 

Der Engpass hat Auswirkungen: Müsse ein fehlendes Medikament durch ein anderes ersetzt werden, sei die Verunsicherung der Patienten groß, sagt De Schrijver. „Der Hersteller hat einen anderen Namen, die Tablette eine andere Form und Farbe. Daran sind die Patienten nicht gewohnt.“ Patienten verlören dann das Vertrauen. Auch Apotheker Stephan Parzefall, Inhaber der Post-Apotheke, sagt, dass das Verwirrung auslösen kann. „Manche Patienten nehmen mehrere Tabletten am Tag ein. Kommt eine Umstellung in Absprache mit dem Arzt hinzu, verlieren die Patienten an Sicherheit.“ 

Fehlt ein Medikament, kann das auch an der Produktion liegen. „Es gibt nur wenige Firmen, die einen Wirkstoff herstellen. Fällt eine aus, hat das weltweite Auswirkungen“, sagt Parzefall. „Die übrigen Firmen kommen nicht mit der Nachproduktion hinterher.“ Das sei aktuell der Fall bei den Blutdrucksenkern, weil darin krebserregende Stoffe gefunden worden sind. Die Knappheit für Ibuprofen liege an einer abgebrannten Produktionsstätte.

Ein Puffer ist vorhanden: Fragen und Antworten zum Engpass

Rabatt- und Preisdruck, Probleme bei der Produktion, unerwartet hohe und stetig steigende Nachfrage – die Gründe für Engpässe bei Medikamenten sind vielfältig. Fragen und Antworten.

Welche Gründe gibt es noch für die Engpässe?

„Die Menschen werden älter“, sagt Michael Höckel, Leiter des Zentralbereichs Apotheke der Gesundheit Nordhessen Holding AG im Klinikum Kassel. Die Nachfrage nach Medikamenten werde also global steigen. Stephan Parzefall, Inhaber der Post-Apotheke, sieht ein großes Problem im Preiskampf in der Pharmabranche. 

Michael Höckel, Leiter GNH-Zentralbereich Apotheke

„Die Krankenkassen diktieren den günstigsten Preis für Medikamente und handeln Rabattverträge mit den Herstellern aus“, erklärt er. Das hat zur Folge, dass manche Firmen ihre Produktion ganz einstellen oder nach Asien verlagern, weil es günstiger ist. Gibt es dann Probleme bei der Produktion, etwa durch Verunreinigung, habe das weltweite Auswirkungen. Verschärft werde die Situation durch die ohnehin wenigen Firmen, die Wirkstoffe produzieren, so Parzefall.

Welche Auswirkungen hat der Engpass für Kliniken?

Höckel beobachtet, dass Engpässe von Jahr zu Jahr zunehmen: „2017 wurden 256 Medikamente gemeldet, die nicht mehr lieferbar waren. In diesem Jahr sind es bereits 409.“ Das bedeutet zusätzlichen Arbeitsaufwand: Sechs Stunden pro Woche sei man allein damit beschäftigt, Engpässe auszugleichen, gleichwertige Arzneien zu finden und alles wieder zurückzustellen, wenn ein Medikament wieder lieferbar ist. Dennoch sei die Versorgung der Patienten in den sechs Krankenhäusern, die die Apotheke versorge, gewährleistet, versichert Höckel.

„Kommt es zu einem Engpass, reagieren wir mit unserem Team aus unterschiedlichen Experten schnell. Außerdem haben wir mit unserem Lager einen Puffer von 14 Tagen“, erklärt Höckel. Die Bestellung werde dann hochgefahren, um den Bestand im Lager weiterhin zu sichern.

Wird es auch in Zukunft Engpässe geben?

Bettina De Schrijver, Inhaberin Eichendorff-Apotheke

Apotheker Parzefall, Bettina De Schrijver von der Eichendorff-Apotheke und Höckel gehen davon aus, dass Engpässe bleiben.

Kann der Patient da etwas tun?

Stephan Parzefall, Inhaber Post-Apotheke

De Schrijver ermutigt Patienten dazu, Apotheken vor Ort aufzusuchen und sich beraten zu lassen. „Wir sind für die Patienten da und haben den nötigen Sachverstand.“ Parzefall empfiehlt Patienten, die dauerhaft Medikamente nehmen, ein neues Rezept nicht erst dann einzulösen, wenn das Medikament aufgebraucht ist. „Sinnvoll ist es, den Arzt bei Anbruch der letzten Folie aufzusuchen.“

Lesen Sie dazu: So werden abgelaufene Medikamente richtig entsorgt

Von Christina Schröder

Rubriklistenbild: © Matthias Hiekel/dpa

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