Kasseler Rettungdienste rüsten auf

Feuerwehr schafft Rettungswagen für übergewichtige Patienten an

Kassel. Rettungsdienste und Krankenhäuser haben immer häufiger mit stark übergewichtigen Patienten zu tun. Transport und Behandlung sind ein Kraftakt. Die Feuerwehr hat jetzt einen Spezial-Rettungswagen für Menschen angeschafft, die mehr als 180 Kilogramm wiegen. Es ist der erste XXL-Rettungswagen in Nordhessen.

In Stadt und Landkreis gibt es nach Schätzungen des Gesundheitsamts Region Kassel 6600 Menschen, die unter hochgradiger Adipositas leiden, also extrem übergewichtig sind, und einen solchen Spezialtransport brauchen könnten. Das entspricht 1,5 Prozent der Bevölkerung. Insgesamt sind über 21 Prozent der Menschen in Deutschland deutlich zu dick.

XXL-Patienten sind ein schweres Problem - Kasseler Berufsfeuerwehr hat nun Spezialwagen

Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres verzeichnete der Rettungsdienst der Kasseler Berufsfeuerwehr 150 Einsätze mit extrem schweren und dicken Patienten - also fast jeden Tag einen. Zum Vergleich: 2011 gab es insgesamt 100 Schwergewichts-Fahrten. In etwa 30 Fällen im Jahr müssen sogar die Drehleiter oder der Kranwagen eingesetzt werden, um die Betroffenen aus ihren Wohnungen in den Rettungswagen zu bugsieren. Der bisher schwerste Patient wog nach Angaben der Feuerwehr 350 Kilogramm.

Das Problem geht im Krankenhaus weiter: Dort gibt es inzwischen besonders belastbare Betten und spezielle Lifter zum Hochziehen extrem übergewichtiger Patienten sowie Zimmer mit extra-breiten Türen. Auch spezielle OP-Tische für fettleibige Patienten haben die großen Kliniken bereits angeschafft.

Das Problem extremen Übergewichts nehme dramatisch zu, sagt Hanna Dörr-Heiß vom Adipositaszentrum des Marienkrankenhauses: „Sowohl von der Patientenzahl als auch von der Dimension des Übergewichts“. Gründe für diese Entwicklung seien zu wenig Bewegung und die ständige Verfügbarkeit von Lebensmitteln.

Rettung im Großformat

Feuerwehr hat neuen Krankenwagen für stark übergewichtige Patienten angeschafft

Bisher musste die Kasseler Feuerwehr improvisieren beim Transport von stark übergewichtigen Patienten, die nicht in den normalen Rettungswagen passen. Dabei kam es in Extremfällen sogar so weit, dass sehr fettleibige (adipöse) Patienten auf der Ladefläche von Lastwagen ins Krankenhaus befördert werden mussten. Das ist jetzt vorbei: Seit einigen Tagen verfügt die Berufsfeuerwehr über einen Spezial-Rettungswagen für Patienten, die 180 Kilogramm und mehr wiegen.

„Damit sind wir ein Vorreiter in der Region“, sagte Bürgermeister Jürgen Kaiser gestern bei der Präsentation des Fahrzeugs. Der Wagen deckt den Rettungsdienstbereich Stadt und Kreis Kassel ab und unterstützt bei Bedarf auch benachbarte Landkreise. Den nächsten XXL-Krankenwagen in Hessen gibt es in Frankfurt.

Der Rettungswagen ist mit 2,55 Metern etwa einen halben Meter breiter als ein Standardrettungswagen. Er ist mit einer Schwerlasttrage ausgestattet, die für bis zu 750 Kilogramm ausgelegt ist. Eine Ladebordwand hilft, die Patienten hochzubugsieren. Auch bei der Ausstattung wurde der Körperumfang der künftigen Nutzer berücksichtigt: Die Blutdruckmanschette etwa ist deutlich größer als normal. Die Einsatzstatistik der Kasseler Feuerwehr belegt die Notwendigkeit der Anschaffung: In der ersten Hälfte dieses Jahres gab es bereits 150 Rettungsfahrten mit überschweren Patienten.

Der Wagen wird also voraussichtlich fast jeden Tag im Einsatz sein. Das Problem des Transports extrem schwergewichtiger Menschen sei vor etwa zehn Jahren aufgekommen, sagt Stefan Weber, Projektleiter für das Thema bei der Kasseler Feuerwehr. Anfangs habe es maximal drei bis vier solcher Fahrten im Jahr gegeben. Seitdem seien die Zahlen kontinuierlich gestiegen.

Nicht nur der Transport extrem schwergewichtiger Menschen im Rettungswagen, auch der Weg aus der Wohnung der Betroffenen dahin, ist ein Problem. Teilweise habe man die Patienten in Korbtragen aus der Bergrettung mit Hilfe einer Drehleiter aus dem Fenster abgeseilt. Demnächst wird die Feuerwehr für den Transport adipöser Menschen noch eine spezielle Gondel für den Kranwagen anschaffen, in die neben dem Patienten noch ein Sanitäter oder Arzt passt. „Das ist für die Betroffenen natürlich wesentlich angstfreier, als wenn Sie beim Abseilen frei in der Luft schweben“, sagt Weber.

Nicht nur für eine optimale Notfallversorgung aller Menschen in der Stadt, sondern „auch im Sinne der Menschenwürde“ sei die Entscheidung für den Spezial-Rettungswagen gefallen, sagt Branschutzdezernent Kaiser. „Wir reagieren damit auf eine gesellschaftliche Veränderung.“ Das Fahrzeug hat 200 000 Euro gekostet, wird sich laut Kaiser aber durch die Einsätze refinanzieren, die von den Krankenkassen bezahlt werden.

Von Katja Rudolph

Rubriklistenbild: © Schachtschneider

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