Hugenotte Lenoir schenkte der Stadt etliche Besitztümer

Kasseler Eigentum außerhalb der Stadt: Das sind die Exklaven

1903 erbaut und bis heute in der Verwaltung der Stadt Kassel: Das Mausoleum der Lenoirs in Fürstenhagen (Hess. Lichtenau) ist ein Überbleibsel zahlreicher Besitztümer, die in die Obhut der Stadt Kassel gelangten. Fotos: Ludwig

Kassel / Hess. Lichtenau. Das städtische Eigentum ist nicht nur auf Kassel beschränkt. Mit dem Mausoleum der Brüder Lenoir in Hessisch Lichtenau und dem Kragenhof auf der Fulda-Halbinsel bei Simmershausen gibt es zwei Kasseler Exklaven.

In unserer Serie „Wem gehört die Stadt?“ stellen wir diese vor.

Vielen Autofahrern, die auf der B 7 zwischen Kassel und Eschwege unterwegs sind, ist es schon ins Auge gefallen: Das Mausoleum der Brüder Lenoir liegt an einem Teich und erinnert aus der Ferne an ein Schlösschen. Die wenigsten halten an, um sich das Mausoleum aus der Nähe anzuschauen. Und noch weniger wissen, dass die Grabstätte, die im Hessisch Lichtenauer Ortsteil Fürstenhagen liegt, im Eigentum der Stadt Kassel ist. Es ist der Rest der Besitztümer, die die Lenoirs der Stadt als Stiftung übertragen hatten. Mit einem Wert von 2,5 Mio. Euro ist sie dennoch nach wie vor die größte Stiftung.

Blick in den Seitengang: Die letzte Sanierung ist Jahre her.

Erbaut wurde das Mausoleum 1903 von dem aus Kassel stammenden Hugenottennachfahren George André Lenoir (1825-1909). Der Physiker und Chemiker brachte es – anders als sein Bruder Conrad Lenoir – zu einem Millionenvermögen. Er vermachte dieses nach und nach der Stadt Kassel, damit diese es in einer Stiftung für Waisenkinder einsetzen sollte: Die Lenoir-Stiftung war geboren. 1892 gab Lenoir mit 6,5 Mio. Goldmark die größte Spende, die bis dahin für wohltätige Zwecke gemacht wurde.

Weil der Hugenotten-Nachkomme in Kassel kein ausreichend großes Grundstück für seine geplanten Waisenhäuser fand, stieß er 1901 auf das Areal in Fürstenhagen. „Dies passierte eher zufällig. Lenoir hatte erfahren, dass der Ritter von Eschwege pleite war und sein Anwesen verkaufen wollte“, erzählt Klaus-Dieter Welker, der das Mausoleum heute pflegt. Welker (56) war selbst Waisenkind in Fürstenhagen.

Zum Areal der Stiftung gehörte ursprünglich auch das Gut Teichhof mit Mühlen und einer Bäckerei. Der landwirtschaftliche Betrieb mit 140 Hektar versorgte die 200 Kinder in den drei imposanten Waisenhäusern, die 1909 eingeweiht wurden. Noch kurz vor seinem Tod kam Lenoir, der inzwischen in Meran (Südtirol) lebte, nach Nordhessen, um sein Werk zu begutachten.

Nach Lenoirs Tod – er wurde mit seinen Eltern und dem Bruder im Mausoleum beigesetzt – fielen weitere Besitztümer der Stiftung zu und waren damit in die Obhut von Kassel: Ein Hotel, Marmorsteinbrüche und Ländereien in Meran und das Heilbad Sliacˇ in der heutigen Slowakei.

Im 20. Jahrhundert, durch Inflation und Kriege befördert, bröckelte das Erbe der Lenoirs. Übrig blieb nur das Anwesen in Fürstenhagen. 1969 musste die Stadt Kassel auch den Teichhof wegen Verlusten verkaufen. Und nachdem das Kinderheim in den 1980er-Jahren geschlossen worden war, gingen auch die Waisenhäuser 1992 an das Land Hessen, damit dort Aussiedler untergebracht werden konnten. Inzwischen gehört die Immobilie einem Privateigentümer aus Kassel, der einen Mieter sucht.

In den Händen der Stadt blieb nur das Mausoleum samt 4,5 Hektar Land drumherum. Das Mausoleum ist sanierungsbedürftig: Risse überziehen den Boden, die Ädikula (Grabmal) ist beschädigt.

• Wer das Mausoleum besichtigen möchte, kann sich an Klaus-Dieter Welker wenden. Tel.: 05602 / 9 18 89 76. Die Tore sind aber meist geöffnet.

Zur Person: George André Lenoir 

George André Lenoir wurde 1825 in Kassel geboren. Der Hugenottennachfahre war Chemiker und Physiker. Wie sein jüngerer Bruder Conrad blieb er unverheiratet und kinderlos. Zu seinem Vermögen kam er, als er – inzwischen in Wien lebend – Konzessionen für Labore und die Herstellung wissenschaftlicher Instrumente erhielt. Eines seiner Vorbilder war der Pädagoge Heinrich Pestalozzi. Für diesen ließ Lenoir ein Denkmal vor seinen Waisenhäusern errichten. Lenoir starb 1909.

Gut Kragenhof in der Fuldaschleife wurde 1901 der Stadt übereignet – heute verpachtet an Bio-Landwirt

Das Gut Kragenhof liegt einige Kilometer flussabwärts in der Fuldaschleife gegenüber von Simmershausen und damit eigentlich auf Staufenberger Gebiet. Doch im Jahr 1901 schenkte Friedrich Thomée (1835-1901) sein Hofgut mit einst 75 Hektar (etwa 100 Fußballfelder) der Stadt Kassel. 1928 wurde der Gutsbezirk Kragenhof in die Stadt eingemeindet – er gehört heute zum Stadtteil Wolfsanger-Hasenhecke.

Die Ursprünge des Kragenhofes lassen sich bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen. 1126 wurde er erstmals urkundlich erwähnt. Mit der Schenkung an die Stadt Kassel einige Jahrhunderte später bekam diese die Auflage, dort ein Genesungsheim einzurichten. 1903 wurden dort die ersten Patienten vom Verein zur Bekämpfung der Schwindsuchtgefahr behandelt. 1921 hielten sich dort bereits über 2000 Männer, Frauen und Kinder als Kurgäste auf.

Im Zweiten Weltkrieg wurden Teile der Erholungsstätte zerstört. 1944 musste der Kurbetrieb eingestellt werden.

Seit 1983 ist der Kragenhof an eine Landwirtsfamilie verpachtet, die diesen ökologisch bewirtschaftet. Zudem gibt es eine Gutsbäckerei und ein Seminar- und Gästehaus. Von 2004 bis 2006 befand sich dort auch das Boxcamp von Lothar Kannenberg für schwer erziehbare Jugendliche.

Weitere Exklaven

Neben dem Grundbesitz beim Mausoleum und des Kragenhofes gehören der Stadt Kassel weitere 12,5 Hektar (17 Fußballfelder) außerhalb des Stadtgebiets: 5,3 Hektar Felder, 4,1 Hektar Wiesen, 1,7 Hektar Kleingärten, 1,4 Hektar Straßen.

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