Von der Polizei auf die Baustelle

Nordhesse besorgte afghanischen Studenten Praktikumsplatz in Kassel

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Auf der Baustelle an der Friedensstraße in Wehlheiden: (von links) Die beiden Praktikanten Rasool Abed und Ahmad F. Rahim, Architekt Ulrich Lenk, Polizeipräsident Eckhard Sauer, Polizeihauptkommissar Antonio Cervelleta und Bauunternehmer Thomas Michel.

Kassel. Dass es in Deutschland so viel Wald und relativ wenig Staub gibt, davon waren Rasool Abed und Ahmad F. Rahim sofort begeistert, als sie Ende Juni am Frankfurter Flughafen landeten. Die beiden Afghanen, die in Antalya (Türkei) Bauingenieurwesen studieren, sind aber nicht wegen der schönen Natur nach Deutschland gekommen.

Derzeit machen sie ein Praktikum beim Bauunternehmen Michel in Bad Zwesten (Schwalm-Eder-Kreis).

„Deutschland ist berühmt für seine Maschinen. Wir wollen hier etwas auf Baustellen über neue Techniken lernen“, sagt der 23-jährige Rasool Abed, der aus Kunduz im Nordosten von Afghanistan stammt. Dass er dort als Übersetzer (Rasool kann sehr gut Englisch) im Police-Training-Center arbeiten konnte, war sein Glück. Denn dort lernte er 2010 den nordhessischen Polizisten Antonio Cervelleta kennen. Der Polizeihauptkommissar ist einer von den deutschen Beamten, die beim Aufbau der Polizei in Afghanistan geholfen haben. Damals war er auch dafür zuständig, lokales Personal zu rekrutieren. In einem Auswahlverfahren für Übersetzer fiel ihm sofort Rasool positiv auf. „Nicht nur, weil er gutes Englisch, sprach, sondern auch wegen seines angenehmen Auftretens und seines sympathischen Wesens.“ Die beiden freundeten sich an. Als der junge Übersetzer ihm erzählt habe, dass er die Möglichkeit habe, in der Türkei, Bauingenieurwesen zu studieren, habe er ihn ermuntert, diesen Schritt zu gehen, sagt Cervelleta. Die beiden blieben in Kontakt. Auch als der Polizeihauptkommissar wieder zurück in Deutschland war. Hier arbeitet er bei der Polizei in Homberg/Efze.

Als Rasool die Möglichkeit bekam, über Erasmus (Bildungsprogramm der EU) ein Auslandspraktikum zu machen, kümmerte sich der Polizeihauptkommissar nicht nur um einen Platz für ihn, sondern ebenfalls für seinen Kommilitonen Ahmad F. Rahim. Er fragte bei dem Bauunternehmer Thomas Michel aus Bad Zwesten nach, der ihm als vorurteilsfreier Mensch bekannt sei, sagt Cervelleta. Und der habe prompt grünes Licht gegeben.

„Auch mit Händen“ 

Im Trainingscenter der deutschen Polizei in Kunduz: Rasool (Mitte) mit zwei weiteren Übersetzern.

Michel zeigt sich begeistert von seinen Praktikanten, die er auch auf einer Baustelle an der Friedenstraße in Wehlheiden eingesetzt hat. Die Verständigung sei zwar manchmal schwer, weil die beiden nur ein paar Worte Deutsch könnten. „Wir machen das dann auch mit Händen.“ Demnächst will er sie mit nach Melsungen nehmen, wo sie ein neues Bauprojekt von Beginn an miterleben sollen. Zudem werden die beiden von dem Architekten Ulrich Lenk betreut aus Borken betreut.

Nordhessens Polizeipräsident Eckhard Sauer zeigt sich davon begeistert, dass die Hilfe der deutschen Polizei in Afghanistan nicht nur zu solchen Freundschaften, sondern auch zur Qualifizierung von jungen Afghanen führt. Ob sie nicht Angst hätten, nach Afghanistan zurückzukehren? wollte Sauer von den beiden wissen.

Es gebe zwar ein hohes Sicherheitsrisiko in ihrer Heimat, für sie stehe es aber fest, dass sie zurückkehren, um als Bauingenieure in Afghanistan zu arbeiten, sagen Rasool Abed und Ahmad F. Rahim.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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