Zum Frühstück gibt es Eiklar

24 Stunden Disziplin: Aus dem Leben eines Kasseler Bodybuilders

Beim Training: Der Kasseler Tim Vogt geht in jedem Training an seine Grenzen. Foto: privat

Um sechs Uhr klingelt der Wecker von Tim Vogt. Mit leerem Magen geht’s sofort für eine Stunde auf das Ergometer-Fahrrad in seiner Wohnung. Eine Reportage aus dem Leben eines Kasseler Bodybuilders. 

Zum Frühstück gibt es lediglich 300 Gramm Eiklar und ein paar Nüsse. Nach seinen Kursen an der Uni in Kassel heißt es für den Studenten der sozialen Arbeit weiter zum Training im Fitnessstudio. Bei jedem Gerät für Bein-, Arm- oder Rückenmuskulatur geht Vogt an seine Grenzen. Am Abend stehen 500 Gramm Hähnchen und Reis auf seinem Speiseplan.

Dieser genau strukturierte Plan ist in seiner Diätphase für mehrere Wochen im Jahr Vogts Alltag. Der 23-Jährige ist Bodybuilder und lebt für seinen Sport. Sechs Mal in der Woche steht er neben seinem Studium und zwei Jobs an den Geräten im Fitnessstudio an der Mombachstraße, um seinen Körper perfekt für den Wettkampf vorzubereiten. „Bodybuilding ist ein 24-Stunden-Job“, sagt Vogt. Viel Raum für andere Aktivitäten bleibt nicht. „Der Alltag ist oft hart. Deswegen mache ich mir Listen, an denen ich mich entlang hangeln kann.“

Tägliche Planung der Mahlzeiten ist ein Muss für Bodybuilder und Student Tim Vogt: Für den perfekten Körper stemmt er bis zu sechs Mal in der Woche die Gewichte. Foto: Dieter Schachtschneider

Im Herbst 2018 hat Vogt für seine harte Arbeit den ersten großen Erfolg verbucht. Bei den deutschen Meisterschaften in Bochum hat er in der Gewichtsklasse I bis 70 Kilogramm alle Konkurrenten hinter sich gelassen. „Das war einfach der Wahnsinn. Ich habe auf der Bühne fast geweint, weil ich den Sieg überhaupt nicht erwartet habe“, erinnert sich Vogt. Erst seit drei Jahren betreibt er das Bodybuilding. Sein Bruder war es, der ihn zunächst ins Fitnessstudio mitgenommen hat. Dort ist man auf sein Talent aufmerksam geworden. „Anfangs konnte ich mit dem Sport nicht so viel anfangen und war durch die Klischees abgeschreckt“, gibt er zu.

Doch im Laufe der Zeit hat sich der Student immer mehr mit dem Bodybuilding angefreundet. Heute sagt er: „Für mich ist Bodybuilding Kunst. Ich sehe mich als mein eigener Bildhauer, der sich selbst meißelt.“ Vor allem bei der Präsentation auf der Bühne, nur mit einer Badehose bekleidet, kann er seiner Kreativität freien Lauf lassen. Seinen muskulösen, mit bräunlichem Öl eingeschmierten Körper, setzt er dann im Takt der Musik kunstvoll in Szene.

Sein Umfeld, dazu zählen Freunde und Familie, muss Vogt voll und ganz an den Sport anpassen. „Manchmal fragen mich Kommilitonen, ob mit mir noch alles in Ordnung ist, da ich kaum Zeit für Freizeitaktivitäten habe“, erzählt der gebürtige Kasseler.

Auch seine Mahlzeiten gehören zur täglichen Planung dazu. Sein Mittagessen nimmt sich der Student immer von zu Hause mit. 2000 Kalorien, mehr darf Vogt während der Diät- oder Aufbauphase nicht zu sich nehmen. „Das kann manchmal schon richtig hart sein“, sagt er. Um das täglich durchzustehen, gehöre viel Disziplin.

Bodybuilding in Kassel von Leo Mayrhofer

Ob er es nicht vermisst, einfach mal eine Pizza oder einen Burger zu essen und nur zu relaxen? „Nicht wirklich. Ich weiß, dass ich das alles für den Wettkampf mache.“ In der sogenannten Massephase sieht Vogts Speiseplan ganz anders aus. Dann darf er nämlich essen, essen und noch mal essen. Etwa 3000 bis 3500 Kalorien nimmt er in dieser Zeit zu sich. In diese Phase fiel dieses Jahr auch Weihnacht. „Noch nie habe ich mich so auf die Plätzchen meiner Oma gefreut wie dieses Jahr“, sagt Vogt. Denn selten hat er in dem Maß auf Essen verzichtet, wie nach seinem Wettkampf im Herbst. Als eine Qual sieht er seinen Alltag zwischen Diät- und Massephase nicht. „Ich bin mit Herz dabei und habe Spaß daran, Gewichte zu heben“, sagt der 23-Jährige.

Ursprünglich kommt Vogt aus dem Boxsport, gibt heute noch Kurse in einem Boxkampfstudio für Kinder. „Ich habe schon etliche Sportarten ausprobiert: Fußball, Basketball, Badminton und sogar Kunstradfahren.“ Doch beim Bodybuilding ist er hängen geblieben und kann sich einen Alltag ohne den Gang ins Fitnessstudio nicht mehr vorstellen. „Es wird immer ein Teil von meinem Leben bleiben, mal mehr, mal weniger.“ Aufhören ist keine Option.

Doch Vogt will nicht nur auf das Bodybuilding reduziert werden. Unter dem Pullover und einer Jeans erwartet man zunächst nicht den extremen Körper, der auf den Bildern vom Wettkampf im Herbst vor Kraft nur so strotzt. „Ich bin nicht nur der Sport. Mit Muskeln protzen oder stumpfes Pumpen, das bin ich nicht“, sagt er entschlossen.

Fotos von Tim Vogt finden Sie unter anderem auf seinem Instagram-Profil

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