Er rannte durch das brennende Kassel zum Haus der Eltern

Ein Weg durch die Hölle: Zeitzeuge Horst Wagner erinnert sich an die Bombennacht

Der Feuersturm: In der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 entstand diese bislang unveröffentlichte Aufnahme aus der Kasseler Innenstadt. Joachim Ebel, der ein Fotogeschäft an der Oberen Königsstraße betrieb, hat dieses und weitere Fotos im brennenden Kassel gemacht. 

Der Abend fing mit einer Verabredung im Residenzcafé an und endete mit einer Odyssee durch den Feuersturm. Horst Wagner hat aufgeschrieben, was er damals erlebt hat.

Er war damals 18 Jahre alt und hatte als Soldat Heimaturlaub. Mit seiner Freundin Maria, einer Rot-Kreuz-Schwester, hatte sich Horst Wagner im „Resi“, dem Residenzkaffee an der Oberen Königsstraße verabredet. Aufgezeichnet von Thomas Siemon.

Beim Optiker Hess zeigte das Thermometer 20 Grad an. Es war 19.30 Uhr, als wir in das Lokal gingen. Punkt 20 Uhr betraten die jungen Damen der holländischen Kapelle unter einem frenetischen Jubel das Podest, nahmen ihre Instrumente auf und schon begannen sie mit dem Tigerrack und einem Potpourri internationaler Schlager, die eine deutsche Kapelle nicht mehr spielen durfte. Das war schon begeisternd und alle Gäste im Saal stimmten mit ein.

Eine Viertelstunde lang Jubel, dann begannen die Sirenen in der Stadt mit dem Geheule. Erstaunlich wie diszipliniert die Gäste das Lokal verließen. Die vielen Alarme, ohne dass sich am Himmel etwas getan hatte, wiegten die Menschen in Sicherheit. Deswegen versammelte sich die Mehrheit der Gäste draußen auf der Straße in der Hoffnung, dass es bald wieder Entwarnung geben würde. Nichts tat sich am Himmel, kein Scheinwerfer, kein Laut, bis auf zwei Polizisten, die versuchen, die Menschenmenge von der Straße zu vertreiben. Gerade wollte ich zum Aufbruch drängen, da machte Maria den Vorschlag „Horst, wir gehen zu uns nach Hause. Mutter ist zu ihrer Schwester nach Melsungen gefahren und jetzt bei dem Alarm kommt sie bestimmt nicht mehr nach Hause“.

Hinweis in eigener Sache: Am Montagabend haben alle Kasseler Kirchenglocken geläutet und an den schlimmsten von 40 Bombenangriffen auf Kassel im Zweiten Weltkriegerinnert. Hier finden Sie ein Video des Glockengeläuts:

Viele Menschen auf der Straße unterwegs

Meine Nervosität war verflogen, jetzt würden wir endlich doch allein sein. Langsam schlenderten wir die Königsstraße hoch. Außer uns waren noch viele Menschen auf der Straße, niemand schien sich an dem Alarm zu stören. Der sternenklare Himmel, den ich einige Minuten noch mit Sorge betrachtet hatte, wurde zur Festbeleuchtung. Bis in die Luisenstraße war es immerhin ein Fußmarsch von 20 Minuten, also versuchten wir ein wenig Tempo aufzunehmen.

Eine der beliebtesten Adressen im alten Kassel: Im Residenzkaffee an der Oberen Königsstraße (heute befindet sich dort die Königs-Galerie) wurde regelmäßig zum Tanz aufgespielt.

Zehn Minuten später passierten wir die Feuerwache 2 an der Nebelthaustraße, dort hatten sie die Fahrzeuge bereits auf die Straße gefahren, die Feuerwehrmänner standen einsatzbereit dabei. Das sah doch ernst aus und Maria drängte nun zur Eile „Komm Horst, da vorn ist die Murhardstraße, das Haus links vor dem Eckhaus, da wohne ich“.

Ich wurde unruhig, denn aus weiter Entfernung glaubte ich leise Motorengeräusche zu hören und das aus der Richtung des Herkules. Plötzlich blitzte am Tannenwäldchen der helle Lichtstrahl eines Scheinwerfers auf. Im Nu gesellten sich drei weitere Scheinwerfer hinzu und suchten den Himmel ab und die Flak begann zu schießen.

Er will nach Hause zu Mutter und Schwester

Der Schreck fuhr mir in die Glieder, erstarrt stand ich da, hörte Maria wie von weiten rufen: „Komm schnell Horst“! Ich hörte mich nur antworten: „Ich kann nicht Marie, ich muss nach Hause, meine Mutter und Schwester....

Horst Wagner verabschiedete sich und rannte los Richtung Innenstadt.

Vor mir, aus dem Himmel über den Stadtkern entfaltete sich ein seltsames Schauspiel. Etwa tausend Meter über den Hausgiebeln fielen farbige Leuchtstreifen und sanken langsam zur Erde. Dieses Schauspiel konnte ich aber nur sekundenlang bestaunen, dann hörte ich wieder die Flakgranaten explodieren, hörte den pfeifenden Ton der fallenden Bomben.

Von der Druckwelle einer Sprengbombe wird er umgeworfen, aber nur leicht verletzt.

Die Feuerwalze: Diese Aufnahme entstand ebenfalls in der Bombennacht.

Wie erstarrt stand ich an der Ecke des Polizeipräsidiums, nicht weil das Dachgeschoss in der Weigelstraße brannte. Es war der Blick das Königstor hinunter. Die Straße war etwa von der Ulmenstraße bis zum Garde du Corps Platz ein einziger Brandherd, viele Häuser waren schon eingestürzt, so dass auch das Straßenpflaster brannte. Und zum ersten Mal sah ich Menschen zwischen den brennenden Trümmern. Bewohner, die versuchten noch einiges von ihrem Hausrat zu retten, so wenigstens nahm ich das an. Für mich war klar, durch diese Straße gehst du nicht.

Über die Wilhelmshöher Allee schlägt er sich bis kurz vor dem Rathaus durch.

Die Königsstraße war in ihrer Länge, soweit ich sehen konnte, ein einziges Flammenmeer. Auf beiden Seiten brannten die Häuser, das war zu erkennen, obwohl die meisten Fassaden noch standen. Aber bis zum Erdgeschoss schossen aus den Fensterhöhlen die Flammen raus. Durch diese Straße würden mich keine zehn Pferde bringen. Dafür fand ich einen sicheren Weg: Durch die untere Friedrichsstraße zur Frankfurter Straße, dann weiter über den Friedrichsplatz zum Steinweg. Wenn sich die über die Stadt liegende Rauchwolke für einen Moment verzog, sah es aus als ob Kassel unter einer Feuerglocke liege. Wieder schwebten die Christbäume zur Erde, doch ich konnte sie nur kurz über den Dächern der Häuser ausmachen, durch die dichte Rauchwolke waren sie unsichtbar.

Horst Wagner rennt zu einem Haus an der Ecke Friedrichsstraße/Königsstraße.

„Die paar Meter waren ein Höllenritt“

Horst Wagner rennt weiter durch die brennende Stadt. Er will sich von der Wilhelmshöher Allee zum Haus seiner Eltern an der Mittelgasse durchschlagen. Dort hofft er, Mutter und Schwester anzutreffen.

Die Explosionen waren nicht weit weg, sie hatten die Friedrichsstraße in einen brennenden Trümmerhaufen verwandelt. Die Straße war unpassierbar. Nun musste ich doch durch die Königsstraße. Die Straße war zwar breit, aber auf beiden Seiten brannten die Häuser. Die linke Seite war ein einziges Flammenmeer, rechts brannten die Häuser nur im Inneren, die Fassaden standen noch. Doch aus den Fensterhöhlen schossen immer wieder Flammen raus und das war beängstigend. Hinzu kam noch der Sturm mit seiner unerträglichen Hitze.

Foto aus der Bombennacht: So sah es am frühen Morgen des 23. Oktober in der Kasseler Innenstadt aus. Aus den Fenstern schlugen noch die Flammen. Das bislang unveröffentlichte Foto hat damals Joachim Ebel gemacht.

Ich raffte mich auf, gebückt, immer dicht an der Hauswand, rannte ich los. Bis zur Kreuzung Fünffensterstraße waren es noch keine hundert Meter und ich war erstaunt, wie leicht ich vorwärtskam. Doch an der Kreuzung bekam ich einen Schrecken. Auch diese Straße stand in ihrer ganzen Länge in Flammen. Nur den Seitenflügel des Rathauses sah ich im dunklen. Da hinüber musste ich. Doch schon nach einem Schritt von der Hauswand weg erfasste mich der Sturm mit einer Gewalt, die mich auf die Knie zwang. Auf allen Vieren, die Augen wegen der Hitze geschlossen, erreichte ich die andere Straßenseite.

Feuerzungen schossen aus Schaufenstern

Nun ging es gebückt weiter, immer dicht an der Hauswand mit einem ängstlichen Blick auf die Fensterhöhlen. Bei jedem Ladenschaufenster verharrte ich einen Augenblick wegen einer Feuerzunge. So kam ich bis zum Eckhaus, das erstaunlicherweise nicht brannte und mir Hoffnung machte, eine Rast einzulegen und vielleicht im Keller Wasser vor zu finden. Gegenüber auf der anderen Straßenseite sah ich den brennenden Kaufhof, ich sah aber nur ein Skelett von glühenden Eisenträgern.

Am Morgen danach: Die gesamte Altstadt wurde nahezu komplett zerstört.

Der Sturm war so stark, dass ich in der Straße zum Staatstheater hin abgetrieben wurde. Jetzt sah ich das Theater in Flammen eingehüllt und als ich die östliche Platzseite erreichte, sah ich die Elisabethkirche und daneben die Kriegsschule in Flammen stehen. Das war zwar für mich schon ein gewohnter Anblick. Was mich aber außer Fassung brachte, war, dass was sich dort abspielte. Zum ersten Mal sah ich die Feuerwehr im Einsatz. Aber das war nicht das Besondere, die Feuerwehrmänner waren dabei die Bränden mit Kreuzhacke, Axt, Eisenstangen und Schaufeln zu löschen. Die Hydranten gaben kein Wasser mehr her.

Es waren nur wenige Meter bis zum Steinweg und ich konnte bis hoch zur Königsstraße blicken. Die Paläste und das Fridericianum brannten nieder. Und genau wie an der Kirche und Kriegsschule brannte es auch hier. Ich ging vorsichtig den Steinweg, entlang der Hauswand des Fridericianum bis zum Zwehrener Turm. Dort suchte ich Schutz im Torbogen.

Das Naturkundemuseum war unversehrt

Was ich sah, betrachtete ich wie Hölle und Himmel nahe beieinander. Vor mir, der Papinplatz mit dem Naturkundemuseum. Beides lag unversehrt von der brennenden Kulisse der Kriegsschule und Elisabethkirche. Zwar war der Sturm immer noch stark und auch die Hitze war unerträglich, aber das hatte ich doch bisher schon gemeistert. Und tatsächlich erreichte ich die Mittelgasse. Nachdem ich mich über die Straße gegen den Sturm durchgesetzt hatte, quälte ich mich an der Hausfront entlang bis zum Haus Nr. 14 durch.

Helfer auf einem Dach: Auch am nächsten Morgen brannte und qualmte es noch an vielen Stellen.

Ich wollte in den Schutzraum und hoffte dort die Bewohner und meine Angehörigen zu finden. Ich tastete mich im Dunkeln durch den Keller bis zu der steilen Treppe zum Schutzraum, nahm Stufe für Stufe und stand vor der Eisentür der Gasschleuse. Sie war verriegelt. Ich klopfte und trat gegen die Tür, doch nichts rührte sich.

Der Steinweg ein Flammenmeer

Dann fiel mir wieder ein: Da sind doch noch die Kellerdurchbrüche: so konnten sich die Menschen von Haus zu Haus bis zum Schlossplatz gerettet haben. Ich kam nicht weit, gerade bis zur Haustür. Dort erstarrte ich vor Schreck. Wie sah es jetzt in der Mittelgasse aus? Der gesamte Straßenzug vom Steinweg bis zur Entengasse war ein Flammenmeer. Die paar Meter bis zur Ziegengasse waren ein Höllenritt. Das kam nicht nur durch die Trümmer als viel mehr durch den Feuersturm, den ich nun nicht nur als stärker, sondern auch als heißer empfand. Und als ich die Kreuzung an der Ziegengasse endlich hinter mir hatte, brach bei mir die Angst noch stärker aus. Durch die Ziegengasse zum Graben und dann zum Schlossplatz, das war unmöglich. Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass sich in dieser kurzen Zeit die Brände so schnell ausbreiten konnten.

Ein Weg durch die Hölle

Es war eine Strecke von ein paar hundert Metern, doch es war ein Weg durch die Hölle. Trümmer, brennende Balken und Mobiler, Steinbrocken und Mauerreste von eingestürzten Fassaden. Männer der Luftschutzpolizei, Soldaten und vom Reichsarbeitsdienst quälten sich, eine schmale Gasse zu räumen und immer wieder wurden Leichen an irgendeinen freien Platz gestapelt. Andere schleppten noch Tote aus den brennenden Häusern und zwischen dem ganzen Durcheinander stolperten die Menschen, nur weg von diesen grausamen Ort. Nur weit weg zu einem freien Platz, wo es nicht brennt und wo man sich sicher fühlen kann.

Als ich schließlich unten, an der Brücke über die „Kleine Fulle“ (Drusel) angekommen war, sah ich die Orangerie zerbombt und der Nordflügel in Flammen. Die Karlswiese war bereits voller Menschen, nun kam ein neuer Strom hinzu. Ich quälte mich bis in den Hauptweg des Parkes und fand unter einer Rotbuche ein Ruheplätzchen auf weichem Moos. Schließlich siegte die Erschöpfung und ich schlief ein.

Am nächsten Tag hat Horst Wagner dabei geholfen, die Toten zu bergen. Seine Mutter und seine Schwester waren durch Kellerdurchbrüche in einen Luftschutzkeller geflüchtet. Sie sind in der Bombennacht ums Leben gekommen.

Alle Artikel und Bilder zur Bombennacht finden Sie in unserem Themen-Spezial.

Am Montag, 22. Oktober 2018, läuten alle Kasseler Kirchenglocken und erinnern an den schlimmsten von 40 Bombenangriffen auf Kassel im Zweiten Weltkrieg: Um 20.44 Uhr fielen vor 75 Jahren die ersten von insgesamt 400.000 Bomben. Um diese Uhrzeit werden die Glocken läuten. Die HNA wird dieses Glockengeläut am Montagabend ab 20.40 Uhr live auf der Facebook-Seite von Kassel Live übertragen.

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